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Göttingen Karriere als Kartograph und Astronom
Campus Göttingen Karriere als Kartograph und Astronom
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06:19 19.03.2012
Armin Hüttermann
Armin Hüttermann Quelle: Heller
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Göttingen

„Das Längenproblem machte insbesondere den Seefahrern zu schaffen“, weiß Hüttermann. Seekarten seien lange Zeit ungenau gewesen. „Die Gefahr, auf ein Riff aufzulaufen, war hoch“, so der Geograf. Die Seefahrernation Großbritannien habe deswegen 1714 einen für die damalige Zeit astronomisch hohen Preis von 20     000 Pfund für die Lösung des Problems ausgelobt. Das seien dem heutigen Gegenwert nach mehrere Millionen Euro.

„Der größte Teil der ausgelobten Summe fiel an John Harrison“, weiß Hüttermann. Er habe eine genau gehende Uhr entwickelt. Anders als die damals gebräuchlichen Pendeluhren funktionierte sie auch bei Seegang. Harrisons Idee: Wenn man die Ortszeit von London kenne, dessen Längengrad bekannt war, könne man aufgrund der Zeitverschiebung entlang des Längengrads seine derzeitige Position errechnen.

Mondbahn berücksichtigt

„Mayers Lösungsansatz von 1755 bestand darin, aus der Distanz zum Mond auf den Längengrad zu schließen“, führt Hüttermann aus. Dazu habe der Göttinger Mathematiker, Astronom und Kartograf die nicht einfach zu berechnende Mondbahn berücksichtigen müssen. Die Tabellen mit den Positionswerten seien bis ins 20. Jahrhundert hinein als so genannte Nautische Almanache von Seefahrern verwendet worden. Die Arbeit des Deutschen sei den Engländern immerhin 3000 Pfund wert gewesen, was einer Million Euro entspricht.

Das machte Mayer berühmt. Carl Friedrich Gauß, der später selbst die Göttinger Sternwarte leitete, nannte ihn den „unsterblichen Mayer“. Freuen konnte sich der Professor über Ruhm und Geld allerdings nicht mehr. Der Astronom war zum Zeitpunkt der Preisverleihung bereits drei Jahre tot. Zwei französische Offiziere, die während des Siebenjährigen Kriegs beim Professor einquartiert waren, hatten den damals 39-Jährigen mit Typhus angesteckt. Die Witwe musste hart kämpfen müssen, um das Geld zu bekommen.

Hüttermann staunt über die steile Karriere, die Mayer in seiner kurzen Lebenszeit schaffte. Wie Friedrich Schiller stammte er aus Marbach. Aufgewachsen ist er in einfachen Verhältnissen in Esslingen bei Stuttgart. Die Eltern starben früh. Mit 14 Jahren war der Junge Vollwaise. Zu diesem Zeitpunkt war er in der Schule bereits als überdurchschnittlich begabt aufgefallen. Wohltätige Gönner ermöglichten ihm den Besuch der Lateinschule, wo allerdings sein Lieblingsfach, die Mathematik und ihre Anwendungsgebiete, kaum behandelt wurde. Ein naturwissenschaftlich interessierter Schuhmacher gab dem Jungen entsprechende Bücher zu lesen. Im Gegenzug musste er dem viel beschäftigten Mann bei der Arbeit den Inhalt der Werke vortragen.

Mit 16 Jahren Stadtplan erstellt

Mit 16 Jahren fertigte Mayer einen Stadtplan von Esslingen an. Mit 18 Jahren veröffentlichte er sein erstes Buch, das die Geometrie behandelte. Mit 22 Jahren veröffentlichte er einen mathematischen Atlas. Ein kartographischer Verlag in Nürnberg bot dem 23-Jährigen dann eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an. Er sollte das Kartenmaterial durch Literaturrecherche und eigene Messungen aktualisieren. In dieser Zeit erstellte er auch eine Landkarte des Monds. Im Vergleich zu den Vorgängerkarten von Johannes Hevelius (1647) und Giovanni Riccioli (1651) stellen Mayers Arbeiten einen „Quantensprung“ dar, führt Hüttermann aus. Mayers Mondkarte wurde allerdings erst 1772 von Georg Christoph Lichtenberg herausgegeben. Nach fünf Jahren Berufstätigkeit als Kartograf erhielt Mayer dann den Ruf an die Universität Göttingen.

Von Michael Caspar

Hüttermann, der auch Vorsitzender des Marbacher Tobias-Mayer-Vereins ist, sprach im Rahmen der Vortragsreihe „Faszinierendes Weltall“ im Zentralen Hörsaalgebäude vor 70 Zuhörern. Sein Vortrag war der letzte der 18. Staffel. Die vom Förderkreis Planetarium und der Volkshochschule veranstaltete Reihe wird am Dienstag, 16. Oktober, im nächsten Wintersemester fortgesetzt.

Die Ausstellung „Tobias Mayer 1723–1762. Mathematiker, Kartograph und Astronom der Aufklärungszeit“ ist bis Sonnabend, 14. April, in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart zu sehen.  Ab 11. November wird sie in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen gezeigt.