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Göttingen Kunstvoll bemalte Gewänder
Campus Göttingen Kunstvoll bemalte Gewänder
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17:43 13.07.2011
Ihre Farbe blieb erhalten: Frauenfigur aus Tanagra.
Ihre Farbe blieb erhalten: Frauenfigur aus Tanagra. Quelle: EF
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„Die elementaren Grundtöne auf Skulpturen waren rot und blau“, erklärt Graepler. Im Laufe des 4. Jahrhunderts vor Christus wurden dann nach und nach die Zwischentöne aus der Wandmalerei in die Skulpturenmalerei übernommen. Ein Beispiel ist der heute in Istanbul zu sehenden Alexandersarkophag. Er beeindruckt durch eine differenzierte Wiedergabe der Augen mit Glanzlicht auf der Iris sowie durch Farbschattierungen, zu denen es am Beispiel des so genannten Perserkopfes auch Rekonstruktionsvorschläge in der Göttinger Ausstellung gibt.

Solche Farbschattierungen erlaubten auch die differenzierte Darstellung und Ausmodellierung der aus kostbaren Stoffen bestehenden Gewänder. Ein besonders schönes Beispiel stellen die so genannten Tanagra-Figuren dar. Diese Frauen-Miniaturen stammen aus Gräbern, die erst kurz nach 1870 zufällig beim Pflügen in der Nähe von Tanagra entdeckt wurden. „Die geschützte Atmosphäre im Grab hatte dafür gesorgt, dass die Farben, mit denen die Skulpturen bemalt worden waren, erhalten geblieben waren“, so Graepler. Die Tanagra-Figuren trafen damals mitten in die Auseinandersetzung zwischen Farbigkeits-Gegnern und -Befürwortern. „Sie holten die Antike ganz klar vom klassizistischen Podest.“
Die Gewänder der Damen waren mit blauer Farbe kunstvoll bemalt, der Saum mit Blattgold verziert. Die verwendete Technik wurde rund 30 Jahre vor der Entstehung der Tanagra-Figuren in Athen entwickelt. Zum Einsatz kam eine weiße Grundierung aus Kaolinit, auf die diverse Mineralfarben aufgebracht werden konnten. Die Bemalung der Figuren erfolgte nach dem Brennvorgang.

Die Tanagra-Figuren und weitere, ähnliche Plastiken zeigten auch erstmals deutlich, dass Hautpartien hellenistischer Skulpturen nicht weiß, sondern hautfarben bemalt waren. Bei diesen Braun- und Beige-Tönen kam vor allen Dingen Ocker zum Einsatz.

Mittlerweile ist es möglich, die Farbschichtung zu analysieren. Dabei kommen häufig mehrere Lagen zum Vorschein. In einigen Fällen sind die farbigen Schichten durch weiße Zwischenschichten getrennt. „Die Interpretation des Louvres lautet, dass es sich um das Werk antiker Restauratoren handelt.“ Andere gehen davon aus, dass die Mehrschichtigkeit zum Produktionsprozess gehört und besondere Farbeffekte erlaubte.

„Man muss sich bewusst machen, dass es sich bei den Farbanalysen und ihren zum Teil überraschenden Ergebnissen um aktuelle Daten handelt, die noch nicht wirklich ausgewertet sind“, erklärt Graepler. Daran schließt sich etwa die Frage an, ob sich die Farbbefunde bei den Miniaturen auf antike Großplastiken übertragen lassen. Auch muss geprüft werden, welche Farben wirklich antik und welche möglicherweise das Werk von Restauratoren aus der Zeit seit 1870 sind.

Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Juli 2011 im Archäologischen Institut, Nikolausberger Weg 15 zu sehen. Nächster Vortrag: 24. Juli, 11.15 Uhr, „Farbige Elfenbeine: Polychromie in der Spätantike“.

Von Heike Jordan