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Göttingen Mediziner suchen Risikogruppen
Campus Göttingen Mediziner suchen Risikogruppen
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17:56 19.09.2011
Untersuchung: Wird ein Risiko früh erkannt, kann das spätere Behandlungskosten reduzieren. Quelle: ap
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Wenn das Gesundheitswesen diese Risikogruppe genau beobachtet und sie außerdem dazu bringt, nicht zu rauchen und sich mehr zu bewegen, ließe sich die Zahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen senken.

Dies ist ein Beispiel wie sich durch eine individualisierte Medizin die Kosten im Gesundheitswesen verringern ließen, meint Kroemer. Das sei dringend notwendig, da das bisherige Finanzierungsmodell des Generationenvertrags aufgrund des demographischen Wandels in den kommenden Jahren kippe, während gleichzeitig die Kosten aufgrund des medizinischen Fortschritts stiegen. In Mecklenburg-Vorpommern sei das Missverhältnis besonders krass. In einigen Landkreisen werde bereits im Jahr 2020 ein Drittel der Einwohner mehr als 65 Jahre alt sein.

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Ein anderes Problem des Bundeslandes, die Lebenserwartung war zu Wendezeiten acht Jahre niedriger als in der Bundesrepublik, gab den Anstoß von einigen 1000 gesunden Bürgern über Jahre umfassend medizinische Daten zu erfassen. So wollte die Forschung dem Problem auf die Schliche kommen. Eine Antwort wurde nicht gefunden, die Daten ermöglichen es nun aber der Universität Greifswald im Rahmen eines Großprojekts erstmals in Deutschland individualisierte Medizin im Klinikalltag umzusetzen. Die Uni bekommt dafür 15,4 Millionen Euro. Sie ist dabei, in den unterschiedlichen Bereichen der Medizin geno- und phänotypische Parameter für die Identifizierung von Risikogruppen zu suchen.

Die umfassend erhobenen Daten werden es in Zukunft auch möglich machen, Medikamente gezielter zu verabreichen. Bisher werden geno- und phänotypische Besonderheiten bei der Verordnung von Präparaten nur unzureichend berücksichtigt, berichtet Kroemer, der in Greifswald seit 1998 Pharmakologie und Toxikologie lehrt. Es gebe immer Menschen, bei denen bestimmte Stoffe nicht wirkten oder Nebenwirkungen hätten. Wenn ein Medikament beispielsweise Blutgerinsel verhindern solle, das aber nicht täte, gerate der Patient in eine lebensgefährliche Situation. Bisher werde das in der Medizin hingenommen.

Kroemer macht darauf aufmerksam, dass individualisierte Medizin ethische Fragen aufwirft. Was sollen Ärzte zum Beispiel tun, wenn sie bei Gesunden Daten erheben und dabei einen nicht mehr zu behandelnden Tumor entdecken? Sollen sie den Betroffenen informieren oder hat er ein Recht auf Nichtwissen? Auch der Datenschutz wirft Fragen auf. Wie weit geht das informelle Selbstbestimmungsrecht des Betroffenen? In Greifswald kann er jederzeit das Löschen seines Datensatzes verlangen. Er bekommt allerdings nicht Einblick, wer alles mit seinen Daten und Bioproben forscht. Um solche Fragen zu bearbeiten, werden die Greifswalder fortlaufend von Ethikern unterstützt.

Der Greifswalder Mediziner Kroemer sprach während der achten Göttinger Akademiewoche im Alten Rathaus. In diesem Jahr hat die Veranstaltungsreihe der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen das Thema „Gesundheitsforschung – Was ist die Gesundheit wert?“

Von Michael Caspar