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Göttingen DLR-Mitarbeiter gelingt Flug mit Lilienthal-Doppeldecker
Campus Göttingen DLR-Mitarbeiter gelingt Flug mit Lilienthal-Doppeldecker
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09:08 23.09.2019
Testflug mit dem Doppeldecker in Kalifornien. Quelle: R
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Göttingen

Otto Lilienthal gilt als erster Flieger der Menschheit. Bislang stand jedoch ein letzter Beweis der Flugfähigkeit seiner Konstruktionen aus. Jetzt sind erstmals Flüge – auch filmisch dokumentiert –mit einem historisch korrekten Nachbau des Doppeldeckers von Otto Lilienthal gelungen.

Der DLR-Forscher Raffel führte die Flüge Ende Juli in Kalifornien durch. Er baute damit auf die wissenschaftlichen Untersuchungen auf, die das Zentrum anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des ersten Menschenfluges 2016 mit einem Nachbau von Lilienthals Eindecker unter anderem im Windkanal gemacht hatte.

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Windkanal-Tests des Lilienthal-Gleiters im LLF-Windkanal in den Niederlanden. Quelle: R

„Er war vom ersten Flug an sehr gut steuerbar und flog ausgesprochen gutmütig“, so Pilot Raffel über das Fluggerät. „Ein leichter Linksdrall, der während der ersten Flüge durch seitliche Gewichtsverlagerung ausgeglichen werden musste, konnte an den folgenden Tagen durch eine sorgfältigere Einstellung des Seitenleitwerks und der Streben des oberen Flügels abgestellt werden.“

Der Doppeldecker war im Otto-Lilienthal-Museum in Anklam aus authentischen Materialien (Weidenruten, Hanfseil, Shirting und Stahldraht) nach erhaltenen Plänen Lilienthals und Stoffanalysen erhalten gebliebener Gleiter gebaut worden. Der Doppeldecker sei im Laufe des Jahres bei Schleppversuchen an einer Seilwinde getestet worden, so das DLR. Die dabei ermittelten Flugeigenschaften dienten der Einstellung der Seillängen mittels Spannschlössern, die Otto Lilienthal extra für diesen Zweck entwickelt hatte.

Bei konstantem Wind getestet

Die Flugversuche fanden nahe der Stadt Monterey statt, wo konstant günstige Windbedingungen herrschen. Die Flüge dauerten typischerweise 10 bis 14 Sekunden und waren durch die Brandung auf Distanzen von etwa 100 Meter begrenzt. Der Wind kam aus West/Südwest/ mit sehr konstanten Geschwindigkeiten zwischen 5 und 7 Meter pro Sekunde (18 bis 25 Kilometer pro Stunde). Die Flughöhen wurden aus Sicherheitsgründen auf drei bis vier Meter begrenzt. „Der sogenannte Große Doppeldecker ist bei schwierigen Windverhältnissen noch sicherer und besser zu fliegen als Lilienthals berühmter Eindecker“, so Raffel.

Prof. Andreas Dillmann, Leiter des DLR-Instituts für Aerodynamik und Strömungstechnik in Göttingen, leitete die Voruntersuchungen. Zwar hätten die Untersuchungen im Windkanal durch das DLR die guten Flugeigenschaften des Gleiters in der Theorie bestätigt. „Aber nur ein Flugversuch konnte zeigen, dass es auch tatsächlich – heute wie damals – möglich ist. Markus Raffel sind die ersten gut dokumentierten Flüge mit einem Nachbau eines Lilienthal-Gleiters gelungen.“

Stuntman testet Lilienthals Doppeldecker

Der Gleiter wurde wie vor 123 Jahren durch Otto-Lilienthal an einen amerikanischen Flugenthusiasten übergeben. Damals flog Robert W. Woods, der später als Physiker bekannt wurde und seine Begegnung mit Lilienthal im Jahre 1896 schilderte. So wie damals konnte auch in diesem Sommer der zweite Pilot mit dem für ihn eingestellten Gleiter sofort mit nur wenig Anleitung fliegen.

Diesmal flog der amerikanische Stuntman und Hanglider-Fluglehrer Andrew Beem. 25 Kilogramm leichter als Markus Raffel und mit 25 Jahren Flugerfahrung in Hängegleitern, hätten seine Flüge sofort alle Erwartungen übertroffen. Beem habe nach nur wenigen Flügen elegant starten, steuern und auf den Punkt genau landen können, so Raffels.

Lilienthals Erfolge

Karl Wilhelm Otto Lilienthal wurde am 23. Mai 1848 in Anklam geboren. Bereits 1867 und 1868 bauten die Brüder Lilienthal in Anklam Experimentiergeräte zur Erzeugung von Auftrieb durch Flügelschlag.

Lilienthal gilt als der erste Mensch, der erfolgreich Gleitflüge mit einem Flugapparat (Gleitflugzeug) durchführte. Seine experimentellen Vorarbeiten und ersten Flugversuche ab 1891 führten zur bis heute gültigen physikalischen Beschreibung der Tragfläche.

Nach Otto-Lilienthals Tod am 10. August 1896 durch einen Absturz mit dem Eindecker, waren seine Flugapparate außerhalb Deutschlands in den Verdacht geraten, keine ausreichende Flugstabilität und Steuerbarkeit zu besitzen. Anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des Menschenfluges 2016 hatte das DLR den Eindecker in dem großen Deutsch Niederländischen Windkanal (DNW) untersucht. Das Ergebnis bestätigte die guten Flugeigenschaften.

Lilienthals Erfolg sei durch drei Leistungen möglich geworden: Er habe das wissenschaftliche Rätsel des Auftriebs gelöst, er habe ein patentierbares Produkt erstellt und er habe sich das Fliegen beigebracht, so Dr. Bernd Lukasch, Leiter des Otto-Lilienthal-Museums Anklam. chb

Von Christiane Böhm