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Göttingen „Glück und Freude“
Campus Göttingen „Glück und Freude“
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21:54 26.06.2017
Quelle: Wenzel
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Göttingen

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Das neue Zentrum werde Chan und andere buddhistische Strömungen der Neuzeit in verschiedenen Regionen interdisziplinär untersuchen, kündigte Axel Schneider, Direktor des Ostasiatischen Seminars und Vize-Direktor des Zentrums für Moderne Ostasienstudien an der Universität Göttingen, an. Ohne Kenntnis des Buddhismus sei das kaiserliche China nicht zu verstehen. Während der kommunistischen Zeit sei der Buddhismus zusammen mit anderen Religionen insbesondere während der Kulturrevolution (1966-1976) unterdrückt worden. Seit 20 Jahren erlebe er aber wie auch der Konfuzianismus sowie - in geringerem Maße - der Daoismus und das Christentum eine Renaissance. „Ich habe den Eindruck, das ein ganzes Land in einer Zeit atemberaubender Veränderungen einen stabilen Punkt sucht“, sagte der Professor.

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„Der Buddhismus, der in Indien entstanden ist, kam vor 2000 Jahren nach China“, berichtete Carsten Krause von der Universität Hamburg. Die konfuzianisch geprägte Gesellschaft habe die neue Religion anfangs abgelehnt. Die Konfuzianer, denen die Familie wichtig sei, hätten sich am klösterlichen Leben der zölibatären Mönche und Nonnen gestört. Der Buddhismus habe sich aber an die Kultur des Landes angepasst und sie später vielfältig bereichert.

„Die beiden größten buddhistischen Strömungen in China sind Chan und das Reine Land“, führte Krause aus. Die Chan-Buddhisten der Gegenwart bemühten sich, die Religion an die Bedürfnisse der Moderne anzupassen. Sie engagierten sich für die Gesellschaft, bauten etwa Krankenhäuser, betrieben Universitäten oder setzten sich für den Umweltschutz ein. Im Westen finde der Buddhismus seit 200 Jahren Anhänger. Der chinesische Buddhismus sei dabei im Gegensatz zum süd- und südostasiatischen Theravada, zum Zen sowie zum tibetischen Buddhismus kaum bekannt.

Dharmameisterin Wuru stellte das Meditationszentrum in Katlenburg-Lindau vor, dass die Chan-Buddhisten des Liuzu-Tempels derzeit aufbauen. Deutsche könnten dort Meditationstechniken erlernen, um „gesünder, freier und freudiger“ zu leben, sagte Wuru. Ihre Glaubensgemeinschaft suche die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, etwa um die psychologischen und medizinischen Wirkungen von Meditation zu erforschen. Das Zentrum in Lindau strebe den kulturellen Austausch an. Es baue eine Bibliothek auf und wolle buddhistische Schriften ins Deutsche übersetzen. Das Zentrum unterstütze zudem wohltätige Projekte. Der Buddhismus solle „wie der Frühlingswind Glück und Freude“ nach Deutschland bringen.

Mögliche Nebenwirkungen einer intensiven Meditationspraxis sprach Prof. Gudrun Bühnemann an, die an der US-amerikanischen Universität von Wisconsin-Madison Sanskrit und indische Religionen lehrt. In Asien sei bekannt, dass Meditation Angstzustände, verzerrte Wahrnehmung oder Halluzination, aber auch Zittern auslösen könnten. In den verschiedenen Glaubensgemeinschaften gebe es meistens erfahrene Lehrer, die Schülern in solchen Situationen helfen könnten. Im Westen fehlten solche Personen oft. Meditierende seien dann mit ihren Problemen allein. Ärzte und Psychiater wüssten meistens auch nicht weiter.

Bühnemann kritisierte westliche Psychologen wie Jon Kabat-Zinn, die asiatische Meditationsformen und Körperübungen wie Yoga oder Tai Chi aus ihren religiösen Kontexten lösten, miteinander kombinierten und in der Therapie einsetzten. Die angesprochenen Nebenwirkungen würden ausgeblendet. Die Psychologen beachteten außerdem nicht, dass die Techniken dazu dienten, Menschen zu bestimmten religiösen Erfahrungen zu bringen. Bisherige Untersuchungen zu angeblich gesundheitsfördernden Wirkungen von Meditation genügten selten wissenschaftlichen Ansprüchen, stellte Bühnemann klar.

Die Universität Göttingen erkenne Meditationskurse in Lindau künftig als Wahlveranstaltungen an, kündigte die Vizepräsidentin der Universität, Prof. Hiltraud Casper-Hehne, an. Mit dem neuen Zentrum könne Göttingen seine China-Kompetenz weiter ausbauen. Seit mehr als 30 Jahren kooperiere die Universität mit China. Mehr als 50 Kooperationsprojekte in Forschung und Lehre und neun chinabezogene Studiengänge gebe es in Göttingen. 16 Professoren beschäftigten sich mit dem ostasiatischen Land: Regionalwissenschaftler, aber auch Juristen, Wirtschafts-, Sozial- und Religionswissenschaftler. Von 4000 ausländischen Studierenden in Göttingen stammten 680 aus China.