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Göttingen Neunte Göttinger Akademiewoche: Qaim und Klasen zum demografischen Wandel
Campus Göttingen Neunte Göttinger Akademiewoche: Qaim und Klasen zum demografischen Wandel
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00:17 19.09.2013
Mangelware Brot? Forscher meinen, die Nachfrage nach Agrarprodukten werde sich bis 2050 verdoppeln. Quelle: EPD
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Göttingen

„Die Nachfrage nach Agrarprodukten wird sich bis 2050 verdoppeln“, prognostiziert Matin Qaim, Professor für Welternährungswirtschaft, bei seinem Vortrag. Die Ursachen dafür seien das steigende Bevölkerungswachstum und ein Einkommensanstieg weltweit. Aber wie kann diese Nachfrage befriedigt werden?

Über 100 Zuhörer sind in der Paulinerkirche erschienen, um sich die Ausführungen zum Thema „Wie können wir neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 ernähren?“ anzuhören. Gut verständlich erläutert der Direktor des Departments für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Universität Göttingen die Aussichten und notwendigen Maßnahmen.

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870 Millionen hungernde Menschen

Bereits heute haben wir 870 Millionen hungernde Menschen auf der Erde, vor allem in Asien und Afrika, und das, obwohl 2800 Kilokalorien pro Tag und Kopf weltweit produziert werden. „Wir haben ganz offensichtlich ein Verteilungsproblem“, erklärt Qaim; die betroffenen Menschen seien zu arm.

Die Armutsbekämpfung sei daher eine wichtige Maßnahme, um die Welt zukünftig ernähren zu können. Denn nach den derzeitigen Trends würden 2050 nur noch 2100 Kilokalorien produziert werden – die Empfehlung für den menschlichen Bedarf liege bei 2  500. Dadurch würden die Preise steigen und das Verteilungsproblem wieder greifen.

Die wichtigste Strategie zur Sicherung der Welternährung in der Zukunft sieht Qaim deshalb in einer Produktionssteigerung – vor allem in den betroffenen Ländern, die meist mit schlechten klimatischen Bedingungen zu kämpfen haben. Da die weltweiten Agrarflächen und andere benötigten Ressourcen begrenzt seien und die ökologischen Kosten der Landwirtschaft sehr hoch, müssten die Erträge vergrößert werden.

Technologien müssten entwickelt werden

„Der Getreideertrag ist seit den 1960er-Jahren gesunken“, so der Ökonom. Dies liege an fehlenden Investitionen in die Forschung, hier müsse angesetzt, neue nachhaltige Technologien müssten entwickelt werden.

Wobei mit „nachhaltig“ nicht in jedem Fall die extensive, ökologische Landwirtschaft gemeint sei, die viel größere Mengen an Ackerflächen benötige. In der anschließenden aufschlussreichen Diskussion wirft das natürlich die Frage nach der Gentechnik auf. „Gentechnik außer Acht zu lassen wäre fatal“, meint Qaim, hierin liege großes Potenzial.

Aber auch an den Nachfrage-Trends müsse angesetzt werden: weniger Fleischkonsum, weniger Lebensmittelverschwendung, weniger Biosprit. Anhand eines Modells rechnet Qaim den Zuhörern vor, was allein der Verzicht auf Biosprit in den OECD-Ländern ausmachen würde: der Hunger könnte um neun Prozent reduziert werden. Abschließend meint er: „Wir müssen uns bewusst sein, welche Auswirkungen unser Konsum auf die begrenzten Ressourcen hat, und das Bewusstsein für die Welternährung stärker verankern.“

Von Noreen Hirschfeld

Zweifler Klasen stellt UN-Zahlen infrage

Dass die geringe Geburtenrate in Deutschland uns in den nächsten Jahrzehnten einen Bevölkerungsrückgang bescheren wird, ist in Wissenschaftskreisen nicht mehr strittig. Gleichzeitig wird behauptet, die Zahl der Menschen weltweit werde bis zum Ende des Jahrhunderts rapide steigen.
Stephan Klasen jedoch, Göttinger Professor für Volkswirtschaftslehre,  vertritt eine andere These: „Steht die Welt vor einer globalen Bevölkerungsimplosion?“ fragt er bei seinem Vortrag – und stellt sich damit gängigen Annahmen entgegen.

Dabei entkleidet er die Argumente und Hochrechnungen von niemand Geringerem als den United Nations (UN). Deren Projektion der Weltbevölkerung für die nächsten Dekaden zeichneten angesichts sich verknappender Ressourcen und allgegenwärtiger Umweltverschmutzung ein relativ düsteres Bild von der Zukunft, so Klasen: Bis 2100 könnten rund elf Milliarden Menschen den Planeten bevölkern. Frappierende Sterblichkeitsreduktion durch medizinischen und wirtschaftlichen Fortschritt sowie hohe Geburtenraten in Afrika seien relevante Einflussfaktoren.

Stehplätze auf unserem Planeten

Um 1820, so Klasen weiter, sei die erste Milliarde Menschen erreicht gewesen. Weitere sechs Milliarden seien in nur 190 Jahren dazugekommen. Darum scheine zunächst die Frage berechtigt: „Gibt es bald nur noch Stehplätze auf unserem Planeten?“ Klasen referiert: Um die Bevölkerungszahl konstant zu halten, müsse eine Frau in ihrem Leben zwei Kinder gebären. In Afrika südlich der Sahara brächten Frauen im Durchschnitt sechs Kinder zur Welt. Nach dem Anstieg von sieben auf elf Milliarden Menschen erwarte die UN die Angleichung der länderspezifischen Geburtenraten auf zwei Kinder, sodass die Zahl nach dem Jahre 2100 relativ konstant bliebe.

Hier hakt Klasen kritisch ein. „Wir verlassen das Jahrhundert so, wie wir hineingekommen sind“, beschreibt er das für ihn plausiblere Szenario. Seine Dreh- und Angelpunkte liegen in Asien und Afrika.

Nur weil in China die Ein-Kind-Politik wegfalle, heiße das nicht, wie die UN quasi impliziere, dass die Chinesen sofort mehr Kinder zeugen. Es sei allein eine spezielle „Kombination aus Politik, Werten und Einstellungen“, die zur Änderung des reproduktiven Verhaltens ganzer Völker führe, meint Klasen. In Lateinamerika, Osteuropa und im bevölkerungsreichen Ostasien wiesen die Geburtenzahlen auf einen Populationsrückgang hin.

1,4 Kinder pro Frau

 Auch für Deutschland sieht Klasen keinen Grund, wieso die Geburtenzahlen von derzeit niedrigen 1,4 Kindern pro Frau auf durchschnittlich zwei steigen sollten. Seinen Prognosen zufolge erreiche die Bevölkerungszahl 2040 ihren Höhepunkt, um sich danach zu dezimieren. Ab 2020 würde nur noch in Afrika ein Bevölkerungsüberschuss herrschen.

„Eigentlich“, so Klasen, „ist ein Bevölkerungsrückgang positiv zu bewerten. Was eine stabile Bevölkerung angeht, sind wir aber übers Ziel hinausgeschossen“. So müsse sich China auf eine ungeheuer große Zahl von älteren Einwohnern vorbereiten, für deren Versorgung ungleich weniger junge Menschen bereitstünden. „Unsere jetzigen Probleme werden in Zukunft die Probleme der Welt“, sagt Klasen.

Einwanderungspolitik Deutschlands lockern

Eine politische Implikation wäre, die eher restriktive Einwanderungspolitik Deutschlands zu lockern. Afrika werde zukünftig eine wichtige Rolle bei der Migration spielen – auch bei der von Hochqualifizierten. „Migration ist nicht wie ein Wasserhahn, den man aufdreht. Irgendwann will keiner mehr kommen“, erklärt Klasen. Nach gut 45 Minuten zeichnet er ein tristes Bild von Europa, in dem Wanderungen ein Nullsummenspiel seien und ganze Staaten zu verschwinden drohten.

In der anschließenden Diskussion wird jedoch deutlich: Nichts ist in Stein gemeißelt. Obschon man die Projektion der UN infrage stellen kann – auch die nicht viel erfreulichere These der Bevölkerungsimplosion bietet viel Platz für Spekulation und Gegenargumente.

Von Katharina Kilburger