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Göttingen Neurowissenschaftlerin untersucht historische Gehirne
Campus Göttingen Neurowissenschaftlerin untersucht historische Gehirne
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21:08 28.10.2013
Zeigt die im Institut für Ethik und Geschichte der Medizin aufbewahrten Gehirne: Neurowissenschaftlerin Renate Schweizer. Quelle: MPIbpC
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Göttingen

Schweizer, Neurowissenschaftlerin an der Biomedizinischen NMR Forschungs GmbH am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, hat die in einer Sammlung der Universitätsmedizin Göttingen archivierten Gehirne identifiziert und im Magnetresonanz-Tomografen mit Experten anderer Fachdisziplinen umfassend dokumentiert.

Die Gehirnregion um die sogenannte Zentralfurche ist Schweizers Forschungsgebiet. In den Windungen entlang der Zentralfurche verarbeitet das Gehirn Reize wie Berührungen, Wärme oder Schmerz und steuert Bewegungen. Am Gauß-Gehirn vermutete Renate Schweizer eine seltene anatomische Variation: eine sichtbare Zweiteilung der Zentralfurche. Sie tritt bei weniger als einem Prozent der Menschen auf. Für die betroffenen Personen ist sie normalerweise unbedeutend, in Einzelfällen kann sie zu minimalen Veränderungen der Motorik und Sensorik führen.

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Auf Magnetresonanztomografie (MRT)-Bildern des vermeintlichen Gauß-Gehirns aus der Universitätssammlung, die 1998 von Prof. Jens Frahm und seinem Team an der Biomedizinischen NMR Forschungs GmbH aufgenommen wurden, hatte Schweizer eine solche Zweiteilung der Zentralfurche entdeckt. Um ihren Befund zu überprüfen, recherchierte sie die Primärliteratur.

Rudolf Wagner, ein Göttinger Anatom und Freund von Gauß, hatte seinerzeit die Gehirne von Gauß und Fuchs präpariert, untersucht und in Veröffentlichungen von 1860 und 1862 bildlich dokumentiert. Doch auf seinen Abbildungen ist keine zweigeteilte Zentralfurche. Stattdessen passen die MRT-Bilder haargenau auf Wagners Abbildung von FuchsGehirn.

Schweizers Besuch in der Sammlung im Institut für Ethik und Geschichte der Medizin bestätigt ihren ersten Verdacht: Das Originalgehirn von Gauß befindet sich tatsächlich im Glasgefäß mit der Aufschrift „C. H. Fuchs“. Das Fuchs-Gehirn wiederum ist etikettiert mit „C. F. Gauss“. „Meine These nach den momentan vorliegenden Informationen ist, dass die Gehirne wahrscheinlich schon relativ bald nach Wagners Untersuchungen in die falschen Gefäße gelangten, als die Oberfläche der Hirnrinde nochmals vermessen wurde“, so die Neurowissenschaftlerin.

Weitere vergleichende Arbeiten zu den Gehirnen von Gauß und Fuchs gab es nicht. Und so fiel die Verwechslung später niemandem auf.

Die Entdeckung zeigt, wie wichtig historische Sammlungen für die Forschung sind. Schweizer: „Es ist ein Glücksfall für uns Forscher, dass die Gehirne in der Sammlung auch nach über 150 Jahren in einem einwandfreien Zustand der Wissenschaft zugänglich sind.“ So konnte sie die Verwechslung eindeutig feststellen und die historischen Gehirne im Magnetresonanztomografen untersuchen.

Der Leiter der Biomedizinischen NMR Forschungs GmbH Jens Frahm betont: „Wir suchen nicht nach dem Genie in den Hirnwindungen. Für uns steht die langfristige Dokumentation im Vordergrund, um eine Basis für weitergehende Grundlagenforschung zu schaffen.“ Alle MRT-Bilder und Fotografien der historischen Gehirne werden daher digital archiviert und so langfristig für die Wissenschaft gesichert.

Für neue Forschungsprojekte sind diese ein wichtiger Impuls. So untersucht Schweizer derzeit anhand der MRT-Bilder die zweigeteilte Zentralfurche in FuchsGehirn auch unter der Oberfläche der Hirnrinde.

Mithilfe der MRT-Bilder konnten die Forscher ebenso nachweisen, dass frühere Veröffentlichungen über das vermeintliche Gauß-Gehirn keine falschen Informationen lieferten. In diesen wurde das Denkorgan des Mathematikers als normal beschrieben. Dr. Walter Schulz-Schaeffer, Leiter des Schwerpunkts Prion- und Demenzforschung des UMG-Instituts für Neuropathologie, bestätigt nach einer ersten Begutachtung der MRT-Bilder:Das Gehirn des genialen Mathematikers und Astronomen Gauß ist ebenso wie das des Mediziners Fuchs anatomisch weitgehend unauffällig.

Beide ähneln sich zudem in Größe und Gewicht. „Die altersbedingten Veränderungen an GaußGehirn sind für einen 78-jährigen Mann normal. Veränderungen in den Basalganglien lassen auf einen Bluthochdruck schließen“, so stellte der Neuropathologe noch 158 Jahre nach dem Tod von Gauß  fest.

 cr/es/jes