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Göttingen Nur wenige Türken isolieren sich freiwillig
Campus Göttingen Nur wenige Türken isolieren sich freiwillig
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18:51 01.07.2011
Filmreif: In „Almanya – Willkommen in Deutschland“ geht es um einen türkischen Gastarbeiter.
Filmreif: In „Almanya – Willkommen in Deutschland“ geht es um einen türkischen Gastarbeiter. Quelle: dpa
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Göttingen

„Weniger als zwei Prozent der türkisch-stämmigen Bevölkerung isoliert sich freiwillig von der deutschen Gesellschaft“, erläutert der Geschäftsführer der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung der Universität Essen. Dies hätten langjährige Studien ergeben. Von den 2,8 Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund besäßen mehr als zwei Drittel die deutsche Staatsbürgerschaft.

„Es gibt unbestreitbare Integrationserfolge auf allen Ebenen“, erklärt der Referent. Überall, ob im Studium, im Sport, im Gesundheitswesen oder der Politik, seien diese Bürger etabliert. Vor allem bei der zweiten und dritten Generation könne keine Rede mehr von Isolierung sein, wie empirische Studien belegen würden. Trotzdem werde ständig über die mangelnde türkische Integration geklagt. „In breiten Teilen der Öffentlichkeit gelten ,Türken‘ nach wie vor als Symbol der Entfremdung“, bedauert Goldberg.

Der Wissenschaftler, der Ethnologie, Politikwissenschaft und Soziologie studierte und seit 2008 Mitglied des Department of Economic Affairs der Vereinten Nationen und der Deutschen UNESCO-Kommission ist, erläuterte auch die Geschichte der türkischen Einwanderung. Aufgrund des Arbeitskräftemangels zur Zeit des „Wirtschaftswunders“ verabschiedete Deutschland Anwerbeabkommen mit verschiedenen Staaten, 1961 mit der Türkei. „Ein Meilenstein in der deutsch-türkischen Geschichte“, meint Goldberg.

Bis 1970 habe sich die Zahl der türkischen Mitbürger von 2   700 auf fast eine halbe Million erhöht. Etwa 80 Prozent seien aus den benachteiligten ländlichen Gebieten der Türkei gekommen, um Geld zu verdienen und sich anschließend in der Heimat eine selbstständige Existenz aufzubauen.

In den 1970er Jahren wurde aufgrund der großen Rezession ein Anwerbestopp für Nicht-EU-Bürger verhängt. Für die türkisch-stämmigen Arbeiter habe dies bedeutet, wenn sie Deutschland verlassen, können sie nicht zurück, gibt Goldberg zu Bedenken. Viele entschieden sich für Deutschland und holten ihre Familien nach. So habe sich in den folgenden Jahren auch das Gesellschaftsbild in Deutschland verändert. „Es entstanden türkische Läden, Kultur-, Arbeiter- und Moscheevereine“, erklärt er. Auch die Politik habe sich angepasst. Heute sehe sich Deutschland als Einwanderungsland und habe Maßnahmen zur Integration.

Trotz der politischen Brisanz fanden nur 15 Personen den Weg in die Paulinerkirche. Bedauernswert, da der Vortrag so einige gesellschaftliche Wissenslücken eines immer noch konfliktreichen Themas füllen konnte.

Von Noreen Hirschfeld