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Göttingen Spiller präsentiert die „Big Four“ der nachhaltigen Ernährung
Campus Göttingen Spiller präsentiert die „Big Four“ der nachhaltigen Ernährung
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11:06 23.10.2019
Zum Start der Ringvorlesung "Tier oder Tofu" war die Aula am Wilhelmsplatz so gut besucht, dass die Empore für weitere Hörer geöffnet werden musste. Quelle: lel
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Göttingen

Die öffentliche Ringvorlesung „Tier oder Tofu – Was isst die Zukunft?“ hat am Dienstagabend begonnen. Gegen 18 Uhr war die Aula am Wilhelmsplatz bereits voll belegt, weshalb die Empore für weitere Hörer geöffnet wurde. Prof. Achim Spiller machte den Anfang. Der Göttinger Agrarwissenschaftler sorgte für Raunen im Saal, als er den Überblick aus Sicht der Verbraucher gab: Um die 200 Ernährungsentscheidungen pro Tag trifft jeder Mensch, angefangen bei „ein oder zwei Tassen Kaffee am Morgen, Milch, Zucker oder beides“.

Westernization of Diets

Unsere Ernährungsform habe sich in den vergangenen 50 Jahren stark verändert. Die „Westernization of Diets“ – kurz die Entwicklung hin zu Fertigprodukten – begann 1951 mit der ersten Pizza in Deutschland, der erste Döner kam 1970 auf den Markt. Als der erste McDonalds’s aufmachte, entdeckte Deutschland auch den Willen zur Schlankheit: Die Brigitte-Diät fand Anklang, die Marke Du darfst warb für kalorienreduzierte Nahrung und die Models wurden zierlicher.

Von Geiz ist geil zu Foodies

In den 90er-Jahren sei „der Hochpunkt der Geiz-ist-geil-Attitüde“ messbar, Spiller erinnerte an das Aldidente-Kochbuch, das nach dem Motto „so günstig wie nie“ funktionierte. 2001 sei ein Wendepunkt zu verzeichnen gewesen, die BSE-Krise kam, das Bio-Siegel wurde 2002/2003 an den Markt gebracht, Menschen gaben mehr Geld für Essen aus. Der Foodie-Trend stieg an und tut es noch heute, wie vergangenes Wochenende auf dem Waageplatz zu sehen war. In den vergangenen zehn Jahren habe sich der Vegetarieranteil in Deutschland von 1,6 Prozent auf 5 Prozent gesteigert, die Veganer machen mittlerweile 1 Prozent der Bevölkerung aus.

Mehr als 200 Label im Supermarkt

Im Supermarkt finden Verbraucher mehr als 200 Nachhaltigkeitslabel, doch die Entscheidung ist schwer. Spiller ließ das Publikum entscheiden, welche Variante von Tomaten im Mai die nachhaltigste Lösung seien – eingeschweißt, lose, aus Italien, Spanien oder Niedersachsen. Die Mehrheit entschied sich für Niedersachsen und lag falsch. „Im Sommer wäre das so, im Mai kommen die regionalen Tomaten aus beheizten Gewächshäusern und sind damit nicht besser als sonnengereifte Früchte, die aus Italien importiert werden“ – auch diese Aussage führte zu Flüsterdiskussionen.

Die „Big Four“ der nachhaltigen Ernährung

Spiller hat eine „Big Four“ für nachhaltige Ernährung aufgestellt. Punkt 1 sei die Gesundheit. Der Mensch braucht eine artgerechte Ernährung und diese würde durch mit All-you-can-eat-Buffets, zu großen Portionen und Imbissen boykottiert. Für diese Ernährung bewege sich der Mensch zu wenig. Punkt 2 sind Umwelt und Klimaschutz. „Die globale Gesellschaft wächst und Schwellen- und Entwicklungsländer sollen sich genauso gut ernähren können wie wir“, so Spiller. Dadurch wachse der „Druck auf die Agrarflächen“, die Anbauarten müssten sich ändern, um die Weltbevölkerung mit ausreichend Gemüse und Obst zu versorgen – und wegzuführen vom übermäßigen Fleischkonsum. Die sozialen Bedingungen der Produktion sind sein Punkt 3. Das Fairtrade-Label sei bekannt und der Kauf dieser Produkte „bringt den kleinen Bauern in Schwellenländern wirklich etwas, nur konnten wir nicht feststellen dass die Saisonarbeiter davon profitieren“. Das Feld sei noch nicht gut messbar. Der Tierschutz ist Punkt 4. Der Mensch habe verstanden, dass ihn genetisch nicht viel von Schweinen trennt, das lebenswerte Leben der Tiere sei wichtig – trotzdem weichen die meisten Befragten nicht davon ab, dass diese Tiere gegessen werden können.

Forderungen an die Politik

Spiller plädiert für ein Klimalabel, ähnlich dem Nutriscore. Der Staat solle damit die Konsumenten an die Hand nehmen. Außerdem bräuchten die Kinder und Jugendlichen eine bessere Versorgung mit gesundem Essen, beispielsweise wie die kostenfreie und hochwertige Schul- und Kitaversorgung in Finnland. Die Ernährungsarmut von Hartz4-Empfängern müsse ebenfalls thematisiert werden. „Für fünf Euro am Tag kann man sich gut ernähren, wenn man alles selbst macht und jedes Sonderangebot mitnimmt – aber meist trifft das zum Beispiel Alleinerziehende, die diese Zeit nicht haben.“ Die Forderungen fanden Anklang im Saal: „Ich höre Sie zum dritten Mal und die Forderung an die Politik finde ich gut. Machen Sie weiter so“, sagte Wolfgang Wattenhausen nach dem Vortrag.

„Tier oder Tofu – Was isst die Zukunft?“ – die weiteren Termine

Die Ringvorlesung beginnt dienstags um 18.15 Uhr in der Aula am Wilhelmsplatz. Die weiteren Termine:

29. Oktober: „Welternährung und Fleischkonsum: Trends und Herausforderungen“, Prof. Matin Qaim, Universität Göttingen

5. November: „Tierhaltung der Zukunft“, Prof. Nicole Kemper, Tierärztliche Hochschule Hannover und Marie von Meyer-Höfer, Universität Göttingen

12. November: „Ist Gemüse das bessere Fleisch?“, Prof. Elke Pawelzik, Universität Göttingen

19. November: „Agrarpolitik und Tierhaltung“, Prof. Harald Grethe, Humboldt-Universität zu Berlin

26. November: „Gesund und leistungsfähig – besser mit oder ohne Fleisch?“, Prof. Andreas Hahn, Leibniz Universität Hannover

3. Dezember: „So gut hat Ihnen Gras noch nie geschmeckt: Weidelandnutzung als Konzept der nachhaltigen Fleischproduktion“, Prof. Johannes Isselstein, Universität Göttingen

10. Dezember: „Ökologische Auswirkungen unserer Ernährungsstile: wieviel Wasser verbraucht die Produktion von einem Steak?“, Prof. Martina Gerken, Universität Göttingen

17. Dezember: „Die Umwelt- und Gesundheitskosten unserer Ernährung“, Marco Springmann, University of Oxford

7. Januar: „Tiere essen? Perspektiven und Grenzen der Tierethik“, Prof. Holmer Steinfath, Universität Göttingen

14. Januar: „Vegan, aber richtig – vollwertige Lebensmittelauswahl oder Nährstoffpräparate?“, Prof. Markus Keller, Fachhochschule des Mittelstands, Köln und Institut für alternative und nachhaltige Ernährung, Gießen

21. Januar: „Der unterschätzte Angler: Rolle, Verantwortung, Bedeutung für eine nachhaltige Landnutzung und Ernährung“, Prof. Robert Arlinghaus, Humboldt-Universität zu Berlin und Leibniz-Institute of Freshwater Ecology and Inland Fisheries

28. Januar: „Nachhaltig und gesund essen, geht das nicht auch einfacher? Aktuelle Erkenntnisse aus der Psychologie“, Laura König, Universität Konstanz

4. Februar: „,..und morgen scheint die Sonne’. Ernährung im Alltag und was können wir wie verändern?“, Antje Risius, Universität Göttingen

Von Lea Lang

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