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Göttingen Ökonom über Afrika-Politik: „Völlig verfehlter Ansatz“
Campus Göttingen Ökonom über Afrika-Politik: „Völlig verfehlter Ansatz“
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00:21 03.09.2018
Auf Afrika-Reise: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem Präsidenten von Nigeria, Muhammadu Buhari. Ihr Vorhaben, Afrikaner mittels mehr Investitionen in den Kontinent von der Migration abzuhalten, sehen Experten aber kritisch. Quelle: dpa
Göttingen

Senegal, Ghana und Nigeria hat Merkel während ihrer Reise auf Europas Nachbarkontinent besucht. Es sind Länder, die seit Jahrzehnten als arm oder zumindest nicht wohlhabend gelten. Und aus denen seit Jahrzehnten Migranten gen Europa aufbrechen, trotz überwiegend schlechter Aussichten, dort bleiben zu dürfen.

Umso mehr rückten die Bundesregierung und Beobachter während Merkels jüngster Reise die Bekämpfung von Fluchtursachen in den Fokus. Das Mittel der Wahl aus Sicht der Bundesregierung: Deutsche Investitionen nach Afrika, die Arbeitsplätze, Wohlstand und damit Perspektiven für junge Menschen schaffen – und sie so von der Migration nach Europa abhalten.

Mehr Wohlstand, mehr Migration

„Ein völlig verfehlter Ansatz“, kommentiert dieses Vorhaben Stephan Klasen, Professor für Entwicklungsökonomik an der Universität Göttingen. Er erforscht seit Jahrzehnten, wie sich unterschiedliche Volkswirtschaften entwickeln, was für Vorteile Handel bringt, aber auch, wie sich zunehmender Wohlstand auf Entwicklungsländer auswirkt. Und er sagt: „Bei guter Entwicklung in Afrika wird die Migration zunehmen.“

Der Grund dafür ist Klasen zufolge simpel: „Heutzutage sind viele zu arm sind, um migrieren zu können“. Weil er davon ausgeht, dass das Wohlstandsgefälle zwischen Europa auf lange Zeit groß bleibt, rechnet er damit, dass mehr Wohlstand den Migrationsdruck kurzfristig erhöht. Erst wenn Afrika so reich sei wie beispielsweise Osteuropa, werde die Migration abnehmen. „Das wäre aber frühestens in 30 bis 50 Jahren der Fall, wenn es gut läuft.“

Abschottung wäre kontraproduktiv

Genauso zentral ist es aus Klasens Sicht allerdings, dass die Verhinderung von Migration kontraproduktiv für arme Länder sein kann: Ihm zufolge haben Migranten allein im Jahr 2015 etwa 441 Milliarden Dollar an Angehörige und Freunde in den Heimatländer überwiesen – was die Etats der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit um das Dreifache übersteige. Geld, das die im Herkunftsland Lebenden unter anderem für Bildung und Gesundheit ausgäben und damit die dortige Wirtschaft stärken, so Klasen.

„Abschottung ist genau das falsche“, sagt Klasen deshalb über Bestrebungen, Migration nach Europa zu verhindern. Stattdessen wäre ihm zufolge ein „offenes Migrationsregime“ für die Entwicklung Afrikas „extrem hilfreich“ – womit er vor allem mehr Einreisemöglichkeiten nach Europa meint. „Bei der Schaffung legaler Wege gibt es wenig Fortschritte bei uns“, bedauert Klasen allerdings.

Zu wenig legale Wege nach Europa

Einer der aktuell möglichen Wege nach Europa: Mit der Nussschale vom Senegal nach Spanien. Quelle: dpa

Denn selbst wenn zum Beispiel ein Pflegeheim gezielt in Ghana Personal rekrutieren wolle – spätestens bei der Erteilung einer Arbeitserlaubnis würden Bewerber laut Klasen an den gesetzlichen Hürden scheitern. „Bisher klappt das nur bei sehr, sehr Hochqualifizierten, für weniger Qualifizierte haben wir keinen Mechanismus, wie sie nach Europa kommen können“, fasst Klasen den Status Quo zusammen.

Dabei steht Klasen deutschen Investitionen nach Afrika grundsätzlich nicht skeptisch gegenüber – allein, weil das im Interesse der deutschen Wirtschaft sei: „Die Märkte für die Produkte sind mittlerweile relativ groß“, sagt er über die Möglichkeiten, Absätze in Afrika zu erzielen.

Prof. Stefan Klasen

An der Georg-August-Universität Göttingen hält Prof. Stephan Klasen den Lehrstuhl für Entwicklungsökonomie. Der 52-Jährige hat in Harvard studiert und dort promoviert, in der Forschung befasst er sich mit Armut, Ungleichheit, Umwelt und Gender-Fragen in Entwicklungsländern. Erst jüngst hat der Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen Klasen als einziges deutsches Mitglied im Ausschuss für Entwicklungspolitik im Amt bestätigt.

Im wissenschaftlichen Beirat des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat Klasen außerdem die Bundesregierung beraten, bis der Beirat 2010 aufgelöst wurde. „Die Erkenntnisse aus der Entwicklungsökonomie kommen in der Migrationsdebatte zu kurz, das ist sehr bedauerlich“, sagt Klasen auch deshalb über den Einfluss seiner Disziplin auf die Politik.

Von Christoph Höland

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