Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Online-Plattform für Gehörlose – eine Idee aus Göttingen
Campus Göttingen Online-Plattform für Gehörlose – eine Idee aus Göttingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:09 31.07.2018
Alle Beteiligten profitieren: Preisträgerin Jana Hosemann.
Alle Beteiligten profitieren: Preisträgerin Jana Hosemann. Quelle: Hinzmann
Anzeige
Göttingen

Nach ihrem Abitur war Jana Hosemann in einer Gehörlosenschule tätig, in der Wert auf Lippenlesen und Artikulation gelegt worden sei – aber nicht auf Gebärdensprache. Diese Praxis empfand sie als „frustrierend“, da nur die Gebärdensprache „eine Sprache zum Aufnehmen und Lernen ist“. Sie zog die wissenschaftliche Laufbahn der in der Schule vor.

Jana Hosemann ist seit 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Philologie. 2015 hat sie ihre Doktorarbeit verteidigt; sie arbeitet als Post-Doc im Gebärdensprach-Forschungsteam Göttingen. In den 18 Jahren seit ihrem Abitur hat die 36-Jährige feststellen müssen, „wie viele Kommunikationsbarrieren es für Gehörlose gibt“, und „dass Dolmetscher zu finden, die einzige Möglichkeit ist, diese Hürden zu überwinden“. Ihre selbst gestellte Herausforderung: „Es muss möglich sein, eine automatisierte Suche nach Dolmetschern zu entwickeln.“ Die Idee war auf dem Weg zur Lösung.

Für Gehörlose ein „extrem hoher bürokratischer Aufwand“

Auf dem Weg, den Gehörlose gehen müssen, um verstanden zu werden, sollen sie zwei Sperren beseitigen. Erstens den „extrem hohen bürokratischen Aufwand“: Sie müssen bei ihrem zuständigen Integrationsamt jährlich einen Antrag stellen – bezüglich Dolmetschereinsätzen und Kosten; der Antrag wird geprüft. Das kostet vor allem Zeit. Liegt die Bewilligung vor, „beginnt die Suche nach geeigneten Dolmetschern“. Braucht einen Gehörloser seinen Dolmetscher in vier bis sechs Wochen, nutzt er die Zeit; braucht er ihn in ein paar Tagen, wird’s schwierig bis aussichtslos, so Hosemann. „Es gibt zu wenig Dolmetscher, die auch selten Zeit haben.“

E-Mail-Verkehr: Pool für Missverständnisse

Die Internetrecherche sei sehr aufwendig: E-Mail schreiben, auf Antwort warten, diese beantworten, wieder warten plus erneute antworten. „Für Gehörlose ein unfassbar schwieriger Prozess, weil Schreiben gar nicht so funktionieren kann wie bei uns.“ Auf Deutsch zu schreiben, sei ein komplexes Unterfangen, da Sätze, die Gehörlose formulieren, keine Artikel (der, die, das, ein, eine) oder Fälle (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ) enthalten und in der Deutschen Gebärdensprache (DGS) ein Verb einen Satz beendet – also auch in den Mails. Missverständnisse sind vorprogrammiert.

SIGNfind: „Alles ist klar erkennbar, transparent.“

Mit ihrer ausgezeichneten Gründungsidee „SIGNfind“ will die Wissenschaftlerin den Barrieren-Berg deutlich abtragen. Die Online-Plattform soll mittels Videos in DGS sowie in Schriftform einen automatisierten Prozess etablieren: Das Programm stellt die Anfrage des Gehörlosen an den auf der Plattform registrierten Dolmetscher, zunächst an den in 50, dann in 100, dann in 200 Kilometer Entfernung ansässigen Übersetzer; und nicht an irgendeinen, sondern an den, der speziell gebraucht wird (privat oder beruflich, in Englisch oder amerikanischem Englisch ausgebildet, für Klienten jeden Alters) – „alles ist klar erkennbar, transparent und ohne Missverständnisse.“ 10 bis 15 Minuten dauere der Vorgang bis zur gemeinsamen Terminvereinbarung; kein Vergleich zum E-Mail-Verkehr, der diverse Stunden koste – und Leidensfähigkeit erfordere.

Auch Firmen oder Ärzte profitieren

Nicht nur Gehörlose profitierten durch Zeitgewinn bei der Suche; ebenso der gefragte Dolmetscher sowie Firmen, die gehörlose Mitarbeiter beschäftigen, oder Ärzte, die gehörlose Patienten behandeln und Mitarbeiter in den Ämtern, die Zeit sparen und durch die Automatisierung eine unkomplizierte Abrechnung der Kosten leisten können.

Mitgründer und Unterstützer gesucht

Der erste Schritt zur Marktreife von SIGNfind sei die Programmierung der Plattform in Kooperation mit einer Softwarefirma. In der Folge möchte die Gründerin des Sozialunternehmens „ein Team zusammenstellen“ (Dolmetscherin, Gehörlose), für das sie Mitgründer sucht, insbesondere „mit BWL-, Jura- oder IT-Kenntnissen: Ich werde nicht alleine auftreten.“ Potenzielle Unterstützer oder Kooperationspartner seien willkommen. Die Realisierung des Start-ups ist „idealerweise im nächsten Jahr“ vorgesehen – zunächst in Deutschland. „Europaweit ist ein Traum für die Zukunft.“

Kontakt: jana.hosemann@phil.uni-goettingen.de; Informationen: www.uni-goettingen.de/de/hosemann

Von Stefan Kirchhoff