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Göttingen Ousman Umar flieht nach Spanien, heute hilft er Kindern in seinem Heimatland Ghana
Campus Göttingen Ousman Umar flieht nach Spanien, heute hilft er Kindern in seinem Heimatland Ghana
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00:19 18.06.2019
Von Ghana ins „„Land der Weißen“: Ousman Umar. Quelle: R
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Göttingen

 Der Traum vom Paradies begann in einer kleinen Werkstatt. Jedenfalls für Ousman Umar. Hier, in der kleinen Werkstatt seines Onkels, hörte der damals Neunjährige zum ersten Mal Geschichten über Europa. „Ich war überzeugt, dass das das Paradies ist“, erinnert sich der Mann aus Ghana Jahre später. Er hat es geschafft. Von seinem kleinen Dorf in Ghana hatte er Spanien erreicht. Inzwischen ist er Absolvent der weltweit renommierten spanischen „Escuela Superior de Administración y Dirección de Empresas“ (ESADE) in Barcelona, hat einen MBA (Master of Business Administration) in der Tasche.

Doch der Weg von einem ghanaischen Dorf irgendwo im Nichts bis in die spanische Metropole war lang – und vor allem gefährlich. Da war seine Reise als damals Neunjähriger aus seinem Dorf in die 60000-Einwoner-Stadt Techiman, wo sein Onkel eine Reparaturwerkstatt betrieb, noch der einfachste Part von Umars Reise, die eigentlich auch hier hätte enden sollen. Hätte der Junge nicht die Geschichten von Europa gehört. Vom „Land der Weißen“ wie Umar es in seinem Buch „Viaje al pais de los blancos“ (Reise in das Land der Weißen) nennt. Es erzählt von seinem Weg.

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Von der eigenen Ruhelosigkeit und von seinem Mut angetrieben machte sich Umar auf, seinen Traum Europa zu erreichen. Es sollte fünf Jahre dauern. In einem Interview für den Internetauftritt der ESADE berichtet der heute 30-jährige Umar, wie er zunächst mithilfe von Schleuserbanden von Ghana nach Libyen gelangte. Von 46 Reisenden in seiner Gruppe haben schließlich nur sechs die kräftezehrende Durchquerung der Sahara überlebt. Von Libyen aus schlägt sich Umar auf Lkw, Jeeps, Bussen, Flößen und zu Fuß nach Mauretanien durch. Vor hier gelangt er auf die Kanaren, von dort weiter nach Barcelona.

Für den Göttinger Verein Conquer erzählt Umar seine Fluchtgeschichte und das was folgte zum ersten Mal in Deutschland (siehe Info-Kasten).

Vortrag mit Ousman Umar

„Education is the key“ (Ausbildung ist der Schlüssel) heißt eine Veranstaltung, die der Verein Conquer Babel am Dienstag, 18. Juni, mit Ousman Umar veranstaltet. „Was trieb ihn an, diese gefährliche Reise anzutreten? Und wie hilft er heute, damit sich weniger Menschen gezwungen fühlen, durch jene Hölle zu gehen, die ihn fast das Leben kostete?“, nennt der Verein die Fragen die Umar in seinem 45-minütigen Vortrag in englischer Sprache beantworten will. Zum ersten Mal, laut Veranstalter, erzähle er seine Geschichte in Deutschland.

Danach ist eine Fragerunde mit Umar eingeplant, bevor im Foyer des ZHG sich lokale Organisationen vorstellen und über ihre Arbeit im Bereich Flucht, Bildung und Integration informieren. „Wir hoffen, mit dieser Veranstaltung einerseits das Thema Flucht und Migration erneut ins Bewusstsein der Menschen zu rücken und andererseits Herrn Umar darin zu unterstützen, seine Foundation und die tolle Arbeit bekannter zu machen“, sagt Annemieke Munderloh von Conquer Babel.

Zu den Organisationen gehören: Refugee Network, das Migrationszentrum, Refugee Law Clinic, Studieren Ohne Grenzen, Seebrücke, Talk2Us, Amnesty International, Enactus, E-Volve und das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen.

Beginn ist um 19.15 Uhr in Hörsaal 008 im Zentralen Hörsaalgebäude (ZHG), Platz der Göttinger Sieben 5.

So sei er nach einigen Monaten auf den Straßen Barcelonas als 17-jähriger Analphabet schließlich von einer katalanischen Familie aufgenommen worden, fasst Conquer Babel Umars weiteren Weg zusammen. Umar lernte lesen, schreiben, Spanisch und Katalanisch, machte Abitur, Bachelor, Master. Jahre später war er MBA-Absolvent einer der renommiertesten Business Schools der Welt. Inzwischen ist er Gründer der Nasco-Foundation, baut Bildungseinrichtungen in seinem Heimatland Ghana auf, hatte zwei Audienzen beim Papst, ist Buchautor und UNO-Preisträger.

Umar weiß, dass er Glück gehabt hat. Viele, die sich wie auf den Weg nach Europa machen, erreichen ihr Ziel nie. Wie sein bester Freund, der auf der Flucht starb. Umar glaubt, seiner Heimat etwas zurückgeben zu müssen. „Um den tragischen Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer zu stoppen, müssen wir die Probleme an dessen Ursprung lösen“, sagt Umar.

Ousman Umar Quelle: R

Helfen soll dabei die von ihm gegründete Nicht-Regierungs-Organisation Nasco. Sie hat bislang an drei Schulen (Sawla, St. Augustine und Tuna) in der ghanaischen Provinz Computerräume eingerichtet, mit denen Nasco rund 6000 Schüler helfen kann. Das Ziel ist, Kindern schon früh digitale Werkzeuge an die Hand zu geben und ihnen beizubringen, sich so Wissen anzueignen. „Im Westen gibt es Computer in Hülle und Fülle“, sagt Umar. Dabei könnten viele Geräte, die hier ausrangiert werden, in anderen Ländern immer noch von Nutzen sein.

„Der einzige Weg“, sagt Umar, zu schaffen, die Fluchtursachen in den Heimatländern der Flüchtlinge zu bekämpfen, sei es den Kindern all die Informationen zu geben, die sie brauchen, um über ihre Zukunft zu entscheiden. „Bildung ist der Schlüssel, um die Gesellschaft zu verbessern“, sagt Umar.

Der Verein Conquer Babel

Conquer Babel“ hat sich im Sommer 2015 gegründet und ist seit April 2016 ein eingetragener, gemeinnütziger Verein. Zur Zeit hat der Verein etwa 30 Freiwillige und Übersetzer, „die immer mal wieder und auch oft selbstorganisiert übersetzen“, erklärt Annemieke Munderloh vom Verein.

Seit Gründung habe sich der Verein aber „ein wenig gewandelt“, so Munderloh. 2015 gab es zunächst die drei Hauptbereiche Deutschkurse, Übersetzungsdienste und Begegnungsevents. Das Angebot sei „stets an gegenwärtige Umstände“ angepasst gewesen. Inzwischen konzentriert sich der Verein hauptsächlich auf die Übersetzungsdienste und die Deutschkurse. Hier sei der größte Bedarf, erklärt Munderloh. „Unsere Übersetzerinnen begleiten Geflüchtete zu Arztbesuchen, zu Amtsbesuchen, helfen beim Ausfüllen von Formularen, bei Beratungsgesprächen oder übersetzen bei Bedarf für andere Organisationen oder für uns in Schrift und Sprache.“

2018 hat Conquer Babel begonnen, die Deutschkurse umzugestalten. Die typischen „Frontalunterricht-Deutschkurse“ nach den üblichen Sprachlevels – Alphabetisierung bis B2 – die der Verein seit 2015 organisiert hatte, würden nun weniger gebraucht, weil viele Menschen mittlerweile in staatlichen Kursen untergebracht seien. „Wir haben deswegen zwei Tutorinnen-Projekte organisiert“, erklärt Munderloh. Eines in einer uninahen Grundschule, an der der Verein seit vergangenem Sommer die Hausaufgabenbetreuung vier Tage pro Woche begleiten, damit Kinder mit Sprachschwierigkeiten besser unterstützt werden könnten; ein anderes geht in diesem Sommer in eine Probephase. „In Kooperation mit zwei berufsbildenden Schulen, weil einige Geflüchtete mit Hausaufgabenschwierigkeiten zu uns in den Unterricht kamen“, sagt Munderloh. Um Geflüchtete zu unterstützen, die weiterhin „reguläre“ Unterstützung benötigten, organisiert der Verein weiterhin auch „1:1-Nachhilfe“.

Den Vereinsmitgliedern sei es „persönlich“ wichtig, auf Fluchtursachen aufmerksam zu machen und sie zu bekämpfen, sodass sich also niemand mehr gezwungen sehen müsse, das Heimatland zu verlassen. „Wir setzen uns in Conquer Babel dafür ein, einerseits auf das Thema Flucht allgemein, die Lage der Geflüchteten in Göttingen und Fluchtursachen im besonderen aufmerksam zu machen, und andererseits, dass Menschen, die bereits ihre Heimatländer verlassen haben und hier in Göttingen angekommen sind, sich willkommen fühlen und gemeinsam mit ihnen daran arbeiten, dass sie hier gut leben können.“

2016 hat der Verein Conquer Babel den Integrationspreis 2016 des Landes Niedersachsen erhalten.

Von Michael Brakemeier