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Göttingen Pippi folgt Ilse: Trotzig durchs Leben
Campus Göttingen Pippi folgt Ilse: Trotzig durchs Leben
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18:43 07.11.2011
Als Film erfolgreich: Autorin Lindgren (l.) und Schauspielerin Nilsson als Pippi um 1970. Quelle: Oettinger
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Dagmar Grenz, Germanistik-Professorin aus Hamburg, referierte über „Der Trotzkopf“ von Emmy von Rhoden (1839-1885). Es war die zweite Veranstaltung der Ringvorlesung „Klassiker der Kinderliteratur“ des Seminars für Deutsche Philologie. Titel des Abends: „Mädchen“.
Die 15-jährige Ilse tobt im Freien herum, kümmert sich nicht ums eingerissene Kleid, widersetzt sich dem Willen der Eltern. Unpassend für die Kaiserzeit.

Aber „Der Trotzkopf“ von 1885 ist die Geschichte einer Wandlung. Das Neue sei zwar, dass eine nicht den Rollenmustern entsprechende Mädchenfigur sympathisch erscheine, so Grenz. Aber „das Buch ist sehr wohl von einem moralisch wertenden Diskurs durchzogen“, wie die Literaturwissenschaftlerin betonte. Schon die Bezeichnung „Trotzkopf“ infantilisiere den Widerstand gegen die Rollenmuster. Nach einem Wendepunkt versinnbildliche Ilses Anlegen der Schürze dann die Übernahme weiblicher Fähigkeiten. Das wird belohnt durch den Gewinn eines Ehemanns.

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Für Grenz geht es im Roman damit um „Bestätigung und Affirmation der zeitgenössischen Weiblichkeitsbilder“. Dabei nehme der Roman ein „von der Romantik beeinflusstes Mädchen- und Frauenbild“ auf. Um mit der Liebe des Mannes belohnt zu werden, muss sich der Trotzkopf in eine sittsame Dame verwandeln, soll aber zugleich die kindliche Unschuld bewahren. In der Tradition der Romantik wird das Mädchen erotisiert. Damit verbinde das Buch Unvereinbares – „Wandlung und Wandlungslosigkeit“.
Auf einer anderen Ebene, so Grenz, gehe es aber zugleich um die „Darstellung der psychischen Realität der Adoleszenten“. Im Buch scheine „ein schmerzhafter Pubertätskonflikt“ hindurch. Gerade dieses Konflikthafte ist für Grenz der Grund für den bis heute anhaltenden Erfolg des „Trotzkopfes“.

Pippi Langstrumpf dagegen kennt die Konflikte der Adoleszenz nicht, anders als Ilse ist sie Kind und bleibt es. Lindgren (1907-2002), die sich bis ins hohe Alter hinein selbst als Kind inszenierte, interessierte sich in ihren Werken für das Bewahren dieses Stadiums, so Hoff im anschließenden von Dr. Wolfgang Wangerin moderierten Gespräch. „Nonkonform und anarchistisch“ sei Lindgrens Figur. Ein „Gegenbild zu den bürgerlichen Normen“. Schon vor der Veröffentlichung der dreibändigen Pippi-Serie war Lindgren als Verfechterin der Reformpädagogik in Erscheinung getreten. Annika und Thomas, im Sinne der bürgerlichen Normen erzogen, ermutige das Mädchen in den Büchern zu mehr Selbstvertrauen. Als Rollenvorbild dient sie dabei beiden, meint Hoff. Denn Pippi, die die Verkleidung liebt und stärker ist als alle Männer, „entzieht sich den Rollenmustern der Mädchen und der Jungs“, so die Literaturwissenschaftlerin.

Nicht nur die nonkonforme Lebensweise des Mädchens und kritische Haltung gegenüber Autoritäten provozierte. Auch die saloppe Sprache irritierte die Kritiker, so Hoff. Selbst die Befürworter einer anti-autoritären Erziehung. Das ursprüngliche Manuskript gar, die sogenannte „Ur-Pippi“, vom schwedischen Bonnier Verlag 1944 abgelehnt, erschien in Deutschland und Schweden erst 2007.

Die Vortragsreihe „Klassiker der Kinderliteratur“ ist Teil des Rahmenprogramms der Ausstellung „Der rote Wunderschirm“ in der Paulinerkirche. „Romantiker“ sind das Thema der nächsten Vortragsveranstaltung am Donnerstag, 10. November. Dann sprechen um 18.15 Uhr in der Paulinerkirche, Papendiek 14, Prof. Kaspar H. Spinner, Augsburg, über die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm und Prof. Hans-Heino Ewers, Frankfurt, über „Das fremde Kind“ von E.T.A. Hoffmann.

Von Telse Wenzel