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Göttingen Präsident Jahn mit einer Mahnung an die Deutsche Forschungsgesellschaft
Campus Göttingen Präsident Jahn mit einer Mahnung an die Deutsche Forschungsgesellschaft
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15:03 06.12.2019
Prof. Reinhard Jahn: seit dem 1. Dezember neuer Präsident der Universität Göttingen. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

2019 war ein „sehr schwieriges“ Jahr für die Universität Göttingen. „Da gibt es nichts zu beschönigen.“ Göttingens neuer Uni-Präsident Prof. Reinhard Jahn – seit dem 1. Dezember als Nachfolger von Ulrike Beisiegel im Amt – ging damit auf das „sehr schmerzliche“ Scheitern der Uni in der Exzellenzinitiative ein. Dabei seien Konflikte aufgebrochen und teilweise in der öffentlich ausgetragen worden. Diese hätten zum Rückzug des in einem „umstrittenen Verfahren“ gewählten Präsidenten Sascha Spoun geführt. Kurz danach sei auch Wilhelm Krull als Vorsitzender des Stiftungsrates zurückgetreten, fasste Jahn die Ereignisse aus dem Sommer zusammen.

„Die Berichterstattung in der Presse, das Ausbreiten und bundesweite Kommentieren der universitären Zerrissenheit im Sommerloch, hat uns geschadet. Es wird Zeit kosten, diesen Rufschaden wieder auszubügeln“, sagte Jahn.

„Eine der besten Universitäten des Landes“

Aber der neue Uni-Präsident hatte am Donnerstag auch Trost für die angeschlagene Georgia Augusta. Denn trotz des Aus bei der Exzellenzinitiative: „Wir sind nach wie vor eine der besten Universitäten des Landes, die im Verbund mit unseren einzigartigen Partnern am Göttingen Campus international Ausstrahlung hat“, sagte Jahn. So seien Sonderforschungsbereiche, und Graduiertenkollegs neu eingeworben worden, bei Fachkollegienwahlen der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) seien 18 Göttinger erfolgreich gewesen. „Deutlich mehr als in den Jahren zuvor.“

Weiter nannte Jahn für die Erfolgsseite den erfolgreichen Antrag auf Digitalisierungsprofessuren, die Fortsetzung der Landesförderung für den Südniedersachsen Innovationscampus (SNIC) und die Bundesförderung für Unternehmensgründungen. Und nicht zuletzt der Leibniz für den Theologieprofessor Thomas Kuhlmann zeige, dass Göttingen trotz Scheiterns in der Exzellenzinitiative „nach wie vor zu den leistungsstärksten deutschen Universitäten“ gehöre.

250 geladene Gäste beim Empfang der Uni

Am Donnerstag hatte die Uni das Jahr 2019 bei einem Jahresabschlussempfang in der Aula am Wilhelmsplatz beendet. Geladen waren rund 250 Gäste aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur – darunter Landtagspräsidentin Gabriele Andretta, Landrat Bernhard Reuter und Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (alle SPD). Nach einer Begrüßung durch Uni-Vizepräsident Norbert Lossau und Grußworten von Staatssekretärin Sabine Johannsen sprach Jahn.

Scheitern und Erfolge

Jahn machte klar, dass die Probleme, die zur Krise im Sommer“ geführt hätten, nicht unter den Teppich gekehrt werden dürften. Fehler müssten aufgearbeitet werden. Gleichzeitig betonte er, dass Streit und Auseinandersetzung, auch mit Härte geführt, zur akademischen Kultur gehörten. Streit und Dissens seien unabdingbare Voraussetzungen für „wirklich gute Wissenschaft“. So bedeuteten öffentlich geführte Auseinandersetzungen eben nicht, dass die Uni Göttingen „am Boden liegt“, „im Chaos versinkt“ oder sich „selbst zerlegt“, wie es in den „Gazetten“ zu lesen gewesen sei. Er wünsche sich für die Zukunft Diskurse, die „ruhig hart“ sein dürften, aber konstruktiv und auf gegenseitigem Respekt beruhen sollten, sagte Jahn.

Jahn ging auch auf die Rahmenbedingungen der Exzellenzinitiative ein. Es könne durchaus kritisch gesehen werden, wenn Akquise von Drittmitteln sowie die Schaffung großer und thematisch vernetzter Forschungsverbünde (Cluster) entscheidende Kriterien für die Zuerkennung des Exzellenztitels seien. Es müsse die Frage erlaubt sein, ob ein Cluster die Forschungsqualität an der Uni verbessere. „Der Beleg dafür steht noch aus. Cluster würden die Gefahr bergen, an der Uni zu thematischen „Mainstreaming“ zu führen – „also zu einem Verlust der akademischen Diversität, wenn kleine Fächer dann aus Kostengründen über die Klinge springen“.

Mahnung an die Deutsche Forschungsgesellschaft

Die Uni müsse dahin kommen, dass herausragende Einzelleistungen mehr Strahlkraft bekämen, sagte Jahn. „Diese Mahnung ist auch an die DFG gerichtet“, die dieses Ziel nicht dem European Research Council überlassen sollte. „Universitäten dürfen nicht allein danach beurteilt werden, wie viele Cluster und Sonderforschungsbereiche sie eingeworben haben.“

Dennoch, so Jahn, bleibe der Uni keine andere Wahl, sich „selbstverständlich“ dem Wettbewerb zu stellen. Die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg sei, „dass wir die besten Köpfe nach Göttingen holen“. Die richtigen Berufungen seien für die Zukunft der Uni entscheidend.

Das Forum Wissen im ehemaligen Zoologischen Institut. Quelle: mehle-hundertmark.de

Diskussion über das Forum Wissen

In seiner Rede ging Jahn auch das von Vorgängerin Beisiegel angestoßene Projekt „Forum Wissen“ ein. Hier sei es legitim zu fragen, ob die Kosten in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen für die Universität stünden und ob die richtigen Prioritäten gesetzt seien. Über Fragen des Betriebs und Nutzung bestehe Diskussionsbedarf. „Wir müssen jetzt gemeinsam überlegen, wie wir das Projekt so zu einem Erfolg führen, dass nicht nur in die Öffentlichkeit hinein Strahlkraft entwickelt“, sondern auch in der Uni als „Aktivposten“ wahrgenommen wird. Das Gesamtkonzept dürfe sich nicht nur auf die Sammlungen beschränken, sondern aktuelle Fragen und Herausforderungen der Zeit aufgreifen.

An die Studierenden gerichtet, sagte Jahn, dass selbst ihm als „Vollzeit-Forscher“ gute Lehre „sehr wichtig“ sei. Er freue sich über das Engagement der Studierendenvertreter: „Gerade wenn Sie uns ab und an nerven und unbequem sind. Dafür habe ich mehr Sympathie, als Sie vielleicht denken.“ Es sei gut, „dass sich niemand mehr an meine Vergangenheit als Studierendenvertreter in den wilden 70er-Jahren erinnert“, sagte Jahn.

Auch wenn Jahn sein neues Amt als Uni-Präsident „nur übergangsweise innehaben“ werde, bis die Uni eine neue Präsidentin oder Präsidenten an der Spitze habe, – „eine Person, die von allen akzeptiert wird und unsere Universität mit Verstand und Herz in die nächsten Jahre führen werde“ – habe er keineswegs vor, so Jahn, sich zurückzulehnen und die Dinge einfach laufen zu lassen. „Im Gegenteil!“, sagte Jahn. „Meine Devise ist: Ärmel aufkrempeln und anpacken – und darauf freue ich mich.“

Übergangspräsident Reinhard Jahn

Ab dem 1. Dezember hat Prof. Reinhard Jahn das Amt des Präsidenten der Universität Göttingen übernommen. Die Mitglieder des Senats der Universität hatten im September für Jahn gestimmt. Mit der Bestellung Jahns soll die Zeit bis zur Aufnahme der Amtsgeschäfte durch eine neue Präsidentin oder eines neuen Präsidenten überbrückt werden.

Die Suche nach einem Interims-Präsidenten war nötig geworden, weil Sascha Spoun, der zum Nachfolger von Ulrike Beisiegel gewählt wurde. Spoun trat das Amt nicht an. Grund dafür war, dass es nach seiner Wahl wochenlang Kritik am Findungsprozess gegeben hatte und zudem hatte ein unterlegender Mitbewerber gegen die Ernennung des Präsidenten der Universität Lüneburg als Beisiegel-Nachfolger geklagt. In der Folge war auch der Stiftungsvorsitzende der Universität Prof. Wilhelm Krull zurückgetreten.

Jahn, Jahrgang 1950, ist Neurobiologe und emeritierter Direktor am Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Er ist nach Angaben der Universität Honorarprofessor und Alumnus der Universität Göttingen, an der er Biologie und Chemie studierte und an der er auch seine Promotion ablegte. Jahn war von 1997 bis 2019 Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Im Frühjahr 2019 erhielt Jahn die Universitätsmedaille „Aureus Gottingensis“ für seinen herausragenden Einsatz für den Göttingen Campus und die Nachwuchsförderung.

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