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Göttingen Beisiegel: „Aufklärungsuniversität soll die Bürger mündig machen“
Campus Göttingen Beisiegel: „Aufklärungsuniversität soll die Bürger mündig machen“
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00:19 19.11.2017
Die Präsidentin der Universität Göttingen Ulrike Beisiegel im Interview (mit Redakteur Sven Grünewald). Quelle: Niklas Richter
Göttingen

„In publica commoda – Die Verantwortung der Wissenschaft zur Aufklärung der Gesellschaft“ lautet der Titel der Konferenz an der Universität Göttingen, die zum sechsten Mal auf Initiative von Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel stattfindet. Gemeinsam mit der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der Stiftung Adam von Trott wird die Reihe „Wissenschaft für Frieden und Nachhaltigkeit“ veranstaltet. Im Tageblatt-Interview spricht Universitätspräsidetin Beisiegel über die Verantwortung der Wissenschaft für Frieden, globale Herausforderungen und die Hausaufgaben für die Wissenschaft.

Statt Entspannung erleben wir international Eskalation – sei es gegenüber Russland oder im Verhältnis der USA zu Nordkorea. Sehen Sie die Notwendigkeit einer „neuen“ Friedenspolitik?

Ich glaube, diese Notwendigkeit ist extrem hoch. Die Universitäten müssen sich bei diesem Thema natürlich auch einmischen, weil sie eine Verantwortung zur Aufklärung haben. Wir sind daher aufgefordert, gerade die Frage nach den Konfliktursachen zu untersuchen und diese Erkenntnisse in die Gesellschaft zu tragen, um so auch Wege aufzuzeigen, wie diese Konflikte gelöst werden können. Viele unserer Forschungsbereiche wirken in die Friedensforschung hinein – Religionsforschung beispielsweise, aber natürlich auch Klimaforschung oder nachhaltige Landnutzung.

Welche gesellschaftlichen Herausforderungen sehen Sie in den nächsten zehn Jahren als besonders bedeutsam an?

Insbesondere der Klimawandel ist eine riesige Herausforderung mit zahlreichen Auswirkungen und man kann nur hoffen, dass die Jamaika-Diskussionen in dieser Hinsicht ein vernünftiges Ergebnis bringen. Ein anderer Bereich ist die Nutzung von Plastik und damit die Verschmutzung der Weltmeere, die ein akutes Problem für die Nahrungskette und unsere Ernährung darstellt.

Auf der anderen Seite steht die Reaktion unserer Gesellschaft auf technische Modernisierung. Digitalisierung im weiteren Sinne hat viele Vorteile und Möglichkeiten, aber ihre falsche Handhabung ist auch eine große Gefahr für das gesellschaftliche Zusammenleben. Das adressieren wir nicht ausreichend.

Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Trump verstärkt sich die Tendenz zur pauschalen Ablehnung von Wissenschaft, man könnte auch von Wissenschaftsfeindlichkeit sprechen. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?

Ich denke, bei uns ist es noch lange nicht so wie in anderen Ländern. Entscheidend ist, dass wir aus der Wissenschaft heraus besser kommunizieren müssen. Mir war es immer ein Anliegen, die Universität zu öffnen und unsere Themen, Methoden und Ergebnisse transparent zu machen. Wir sind eine Aufklärungsuniversität, das heißt, wir müssen den Bürger mündig machen, indem wir in einer verständlichen Art und Weise das Wissen weitergeben. Das große Stichwort heißt Wissenschaftskommunikation.

Hinzu kommt, dass wir unbedingt deutlich machen müssen, dass Wissenschaft ein Prozess ist. Wir finden nicht heute etwas heraus, das dann für immer Gültigkeit besitzt. Forschung baut auf existierenden Forschungsergebnissen auf und entwickelt sich, das Ergebnis von heute kann morgen anders sein und trotzdem sind beide wahr. Das ist für manchen schwierig zu verstehen.

Wie nehmen Sie die Bereitschaft von Politikern wahr, auf die Wissenschaft zu hören?

Mein Gefühl ist, dass die Politik in Deutschland überwiegend wissenschaftsorientiert ist. Doch da müssen wir als Universitäten auch aktiv in den Dialog mit der Politik gehen. Aber was die Göttinger 18 damals, 1957, gesagt haben, gilt auch heute: Die Umsetzung unserer Empfehlungen ist nicht so einfach. Dass war damals mit den Atomwaffen so und heute ist es der Klimawandel. Da gegenzusteuern, ist kein Spaziergang, vor allem, weil man viel früher hätte anfangen müssen.

Man hat den Eindruck, dass sich mancher Wissenschaftler lieber auf seine Forschung zurückzieht und seine gesellschaftliche Verantwortung nicht wahrnehmen möchte. Haben die Universitäten aber nicht auch noch eigene Hausaufgaben zu machen?

In der Tat. Wobei ich sagen würde, das Wissenschaftssystem muss daran arbeiten. Aber da zeichnet sich Bewegung ab. Internationale Rankings berücksichtigen nicht mehr nur Publikationen oder Drittmittel, sondern bewerten die Universitäten inzwischen auch danach, wie sie mit der Öffentlichkeit umgehen. Das ist auch in der Exzellenzstrategie der Bundesregierung so. Wie gesagt müssen wir als Einrichtung die Kommunikation ernster nehmen und unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler damit nicht alleine lassen. Ich sehe aber auch eine zunehmende Bereitschaft der Hochschullehrenden, gerade auch der jüngeren Professorinnen und Professoren, sich in die Diskussion mit der Öffentlichkeit einzubringen.

Interview: Sven Grünewald

Offen für Spontanentschlossene

Die Konferenz „In Publica Commoda“ findet vom 17. bis 19. November in der Alten Mensa am Wilhelmsplatz statt. Der diesjährige Themenschwerpunkt liegt auf der Verantwortung der Wissenschaft für Frieden und Nachhaltigkeit.

Der Anmeldeschluss ist zwar bereits verstrichen, doch Interessierte können auch spontan an den Vorträgen und Workshops teilnehmen.

Informationen unter www.uni-goettingen.de/nachhaltigkeit

Von Sven Grünewald

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