Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Professor Holger Lyre spricht über erweiterte Kognition
Campus Göttingen Professor Holger Lyre spricht über erweiterte Kognition
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:09 18.11.2011
Computer als ausgeweitetes kognitives System. Quelle: HAZ
Anzeige
Göttingen

"Haben wir wirklich über Kognition gesprochen heute Abend?“ Das Publikum, das nach dem Vortrag „Liegen die Grenzen des Geistes im Kopf? Zur These der erweiterten Kognition“ im Auditorium an der Gesprächsrunde teilnimmt, macht es Holger Lyre nicht leicht, seine Thesen und Arbeitsschritte zu verteidigen.

Der Philosophie-Professor von der Universität Magdeburg geht davon aus, dass zu einem kognitiven System nicht nur Prozesse innerhalb des jeweiligen Systems, im Fall des Menschen also etwa neuronale Abläufe, sondern auch externe Faktoren hinzuzurechnen sind. Die These stammt aus dem angelsächsischen Raum, ihr bekanntester Vertreter ist Andy Clark. Drei Vorbedingungen müssten erfüllt sein, sagt Lyre, um Äußeres als Teil des kognitiven Systems ansehen zu können: Der externe Teil müsse direkt zugänglich und die Zeit, die gebraucht wird, um mit seiner Hilfe zu einer Lösung zu gelangen, angemessen zur jeweiligen Fragestellung sein. Zuverlässigkeit des externen Bestandteils ist eine weitere Bedingung.

Anzeige

Die Armbanduhr erfüllt zum Beispiel diese Kriterien. Lyre zufolge ist das Wissen, wie spät es ist, nicht dem Menschen allein, sondern dem Menschen in Verbindung mit der Uhr zuzuschreiben, das kognitive System ist ein ausgeweitetes. Clark und seine Kollegen sind Funktionalisten, erklärt Lyre. Wenn ein anderes Instrument als das Gehirn äquivalente kognitive Prozesse leisten kann, begreifen sie dieses ebenfalls als kognitives System. Lyre teilt diesen Blickwinkel. Eine Ausklammerung der technischen Instrumente hält er für „biologischen Chauvinismus“.

Ausgeweitete Kognition (extended cognition) finde auf mindestens vier Ebenen statt: Auf der Ebene des Körpers, der physischen und sozialen Umgebung sowie auf der Ebene der „informational environment“. Dieser Begriff blieb unübersetzt. Unter ihn sind diejenigen Elemente der äußeren Welt zu fassen, die sich der Mensch zur Informationsverarbeitung zunutze macht. Die Uhr fällt hierunter, aber auch der Computer, das Notizheft.

Mit der erweiterten Kognition auf der Ebene der sozialen Umgebung hat sich Lyre im Vorfeld ausführlich beschäftigt. Untersuchungen zur sozialen Kognition ließen sich in die Überlegungen zur erweiterten Kognition sehr gut einbeziehen, meint er. Der Mensch, ein hervorragender „mind reader“ (Gedankenleser), mache sich ständig die Kenntnis der Absichten des anderen zunutze, um die eigenen Ziele zu verfolgen. Die gegenseitige Kenntnis der Absichten, Handlungspläne und mind-reading-Fähigkeiten versetze den Einzelnen in die Lage, mit dem Gegenüber zu kooperieren und Dinge zu realisieren, die er allein nicht vermocht hätte. Für Lyre eine Variante der erweiterten Kognition.

Aber in der Diskussionsrunde wird die Frage laut, wieso man überhaupt berechtigt sei, die Uhr und andere Faktoren aus der physischen oder sozialen Umgebung als Bestandteile des kognitiven Systems zu begreifen. Sind sie nicht vielmehr Elemente einer Wirklichkeit, die der Mensch beobachtet und im Kopf, einem unabhängigen kognitiven System, auswertet?, will ein Student wissen. „Ein sehr berechtigter Einwand“, gesteht Lyre ein. In jedem Fall müsse man neu entscheiden, was legitimerweise zum kognitiven System hinzuzuzählen ist. „Wie innig wir mit einer Umgebung verkoppelt sind, ist eine graduelle Angelegenheit“, meint der Wissenschaftler. Eine wirklich befriedigende Antwort ist das für keine der Beteiligten.

Noch nach Ende der Veranstaltung, als auch die Diskussionsrunde aufgelöst ist, bildet sich eine Gruppe, in der Lyre und der Student, jetzt ohne Mikrofon, weiter debattieren.

Die Ringvorlesung wird am Mittwoch, 23. November, um 18 Uhr fortgesetzt. „Die Grenzen der Vernunft. Immanuel Kants Kritik der traditionellen Metaphysik“ ist das Thema von Prof. Bernd Ludwig.

Von Telse Wenzel