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Göttingen Wie konnte es an der Uni Göttingen nur zur Spaltung der Professorenschaft kommen?
Campus Göttingen Wie konnte es an der Uni Göttingen nur zur Spaltung der Professorenschaft kommen?
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18:16 23.08.2019
Im Aulagebäude der Universität Göttingen hat das Präsidium der Hochschule seinen Sitz und dort tagt der Senat. Quelle: r
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Göttingen

Die Debatte um das Wahlverfahren des künftigen Präsidenten der Universität Göttingen geht einher mit der Spaltung der Professorenschaft. Die Forderungen von zwei Gruppen, die sich bisher zu Wort gemeldet haben mit Erklärungen zur Zukunft der Universität und zu den Vorkommnissen in den vergangenen Monaten machen das deutlich. Und die Positionspapiere von dieser und jener Seite zeigen, dass gegenwärtig eher Rücktrittsforderungen als Einigungsbestrebungen im Vordergrund stehen.

Die Wahl von Dr. Sascha Spoun zum Nachfolger von Universitätspräsidentin Prof. Ulrike Beisiegel sorgte für Unmut. Nach Spouns Absage zwei Monate nach seiner Wahl am 20. Juni ist ein neues Wahlverfahren notwendig. Und nach dem Rücktritt des Stiftungsratsvorsitzenden Dr. Wilhelm Krull am Donnerstag, einen Tag nach Spouns Rückzieher, geht eine weitere Nachfolgersuche für ein wichtiges Amt der Hochschule los.

40-köpfige Gruppe von Professoren

„Die Universität hat jetzt die Chance, sich in einem ordentlichen, transparenten Verfahren eine Persönlichkeit für das Präsidentenamt zu suchen, die für einen Neuanfang steht, der auch eine neue Form der Governance einschließt“, heißt es von seiten der Professoren, die die Wahl des Lüneburger Universitätspräsidenten Spoun zum Göttinger Universitätspräsidenten ab 2020 von vornherein scharf kritisierten. Die mehr als 40-köpfige Gruppe um die Theologieprofessoren Thomas Kaufmann, Reinhard Kratz, Martin Laube und die Mathematikprofessorin Dorothea Bahns hat am Donnerstagabend, nach dem Rücktritt von Krull, ihre Forderungen mitgeteilt. Unter anderem beinhalten die weitere Rücktritte. Senatssprecher Nicolai Miosge, der auch Mitglied der Findungskommission war, die Spoun als einzigen Kandidaten vorgeschlagen hat, soll sein Amt zur Verfügung stellen.

In der Kritik steht auch der Senat. Das universitäre Gremium hat das letzte Wort bei der Besetzung des Präsidiums. Dass die Mitglieder nicht rechtzeitig die Hinweise auf Mängel im Wahlverfahren beachteten, dass keinem Hinweis nachgegangen wurde, um rechtzeitig die Reißleine zu ziehen, hat die Professoren verärgert. „Mit diesem Senat ist in seiner derzeitigen Zusammensetzung ein Neuanfang in vertrauensvoller Zusammenarbeit nicht möglich“, heißt es in der Neuanfang-Erklärung. Und besonders richtet sich die Kritik gegen die fünf Senatoren, die am Donnerstag ebenfalls mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit gegangen sind und darin den Rücktritt von Miosge und Krull forderten. Die Senatoren wiederum sollen auch zurücktreten.

Rolle der Findungskommission

Das seit Wochen umstrittene Wahlverfahren und die Rolle der Findungskommission mit jeweils drei Mitgliedern aus Senat und Stiftungsrat sowie zwei beratenden Mitgliedern (Frauenbeauftragte der Universität und Vertreterin des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur) beschäftigt auch den Göttinger Landtagsabgeordneten Stefan Wenzel (Grüne). Er teilte am Freitag mit, zu dem Vorgang eine Anfrage gestellt zu haben. Die Landesregierung soll den genauen Ablauf des Verfahrens darstellen.

Wenzel und die hochschulpolitische Sprecherin der Grünen im Niedersächsischen Landtag, Eva Viehoff, teilten mit: „Das intransparente und rechtsfehlerhafte Verfahren zur Regelung der Nachfolge von Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel hat einen Scherbenhaufen hinterlassen. Obwohl das für Rechtsaufsicht zuständige Ministerium offenbar in Person der Staatssekretärin am Tisch des Stiftungsrates und der Findungskommission saß, ist das Verfahren geplatzt.“

Wer verantwortet die Entscheidung?

Zur Rolle und Aufgabe des MWK-Mitglieds in der Findungskommission für einen neuen Universitätspräsidenten teilte eine Sprecherin des Ministeriums am Freitag auf Tageblatt-Anfrage mit, dass Staatssekretärin Dr. Sabine Johannsen beratendes Mitglied ohne Stimmrecht war. „Die Findungskommission unterstützt Senat und Stiftungsausschuss bei der Auswahl, gibt aber lediglich eine Empfehlung ab. Verantwortlich für die Entscheidung ist nach dem Hochschulgesetz in erster Linie der Senat der Hochschule“, erklärte MWK-Sprecherin Anna Teschner. Welche Aufgabe dem MWK-Mitglied in der Kommission zufällt, regelt das Hochschulgesetz. Nach Tageblatt-Informationen sind Ministeriumsvertreter durchaus aktiv beteiligt und haben in anderen Findungskommissionen auf Verfahrensmängel hingewiesen.

Den Kritikpunkt der Grünen-Politiker führt auch die Professorengruppe um Laube an. Der Theologieprofessor betonte am Freitag auf Tageblatt-Anfrage, es gehe darum, deutlich zu machen, wer sich zu verantworten habe für das „handwerkliche Totalversagen“. Der von der Gruppe geforderte Neuanfang „schließt die Klärung des Vergangenen ein“, betont Laube, der nach aufgebrachten Wortgefechten in den vergangenen Wochen sich für eine Auseinandersetzung einsetzt mit kollegialem Respekt in einer „fairen, lebendigen Streit- und Wissenschaftskultur“.

Erklärung von Universitätspräsidentin Beisiegel

„Für die Universität Göttingen hat sich durch den Rückzug von Sascha Spoun und den Rücktritt des Stiftungsratsvorsitzenden Wilhelm Krull sowie die in der Universität entstandenen Kontroversen eine schwierige Situation ergeben“, erklärte auf Tageblatt-Anfrage Universitätspräsidentin Prof. Ulrike Beisiegel. Aus diesem Grund kündigte sie für die kommende Woche Gespräche zwischen dem Präsidium, dem Land Niedersachsen und den zuständigen Gremien an, um die notwendigen Entscheidungen zu treffen.

„Die Arbeitsfähigkeit der Organe der Universität ist in der aktuellen Situation gegeben. Als zum 1. Oktober 2019 ausscheidende Präsidentin appelliere ich an alle Verantwortlichen, durch sachbezogenes gemeinsames Handeln den Weg in die Zukunft der Universität zu ebnen und bitte alle Partner und Freunde, der Universität für den aktuellen Prozess die dafür notwendige Zeit einzuräumen“, betonte Beisiegel (66), die seit 2011, inzwischen in zweiter Amtszeit, Präsidentin der Georg-August-Universität ist.

Die Autorin ist erreichbar per E-Mail an a.bruenjes@goettinger-tageblatt.de

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