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Göttingen Psychologe Hans. J. Markowitsch spricht über „Lernen, Erinnern und Gehirn“
Campus Göttingen Psychologe Hans. J. Markowitsch spricht über „Lernen, Erinnern und Gehirn“
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00:17 30.09.2013
Erinnerungsspeicher Fotoalbum: Dieses hier gehörte dem französischen Maler Auguste Renoir. Es wurde am 19. September versteigert. Quelle: AFP
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Göttingen

Was eine  Frau Hans J. Markowitsch beschrieb, ist laut dem Psychologen nicht selten. In der gut gefüllten Universitätsaula am Wilhelmsplatz sprach der mehrfach ausgezeichnete Bielefelder Professor im Rahmen der 20. Zweijahrestagung der Konferenz für Geschichtsdidaktik (KGD). Titel seines Vortrags: „Lernen, Erinnern und Gehirn: Reifung, Identitätsbildung und Vergangenheitsbewusstsein“.

„Das Gedächtnis ist dynamisch.“ Das betont Markowitsch immer wieder. Im Alter bilde sich das Gehirn zurück. Dann könnten Erinnerungen wieder auftauchen, die ins Unbewusste verschoben wurden. Denn jetzt, meint der Psychologe, funktionierten Hemmmechanismen weniger gut, entsprechende Verbindungen zwischen Nervenzellen im Gehirn hätten sich zurückgebildet.

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Gerade viele Stresserlebnisse werden oft über Dekaden nicht abgerufen. Markowitsch: „Wir vergessen recht wenig, aber wir haben Schwierigkeiten,  an dieses Wissen heranzukommen.“ An wie viel wir uns erinnern können, hängt laut Markowitsch auch von der Umwelt ab.

Dynamisches Gedächtnis

Ein Student, der zuhause den gelernten Stoff abrufen kann, sei  dazu unter Umständen nicht mehr in der Lage, wenn er seinem Prüfer in einem Universitätsraum gegenübersitzt: „Die Situationen unterscheiden sich zu sehr“, sagt Markowitsch.

Auf Wissen, das in einem bestimmten Gemütszustand abgespeichert wurde, könne in einer stark veränderten Stimmungslage schwer zugegriffen werden.

Auch der Umfang an sozialen Kontakten habe Einflüsse auf das Gehirn und damit auf das Gedächtnis. In Isolationshaft, so der Psychologe, verkümmerten Nervenzellen und die Verbindungen zwischen ihnen. In einer „Umgebung, die alle Möglichkeiten zur Exploration eröffnet“, erweiterten sich dagegen die Verästelungen.

Wirklich die eigenen?

Die Fähigkeit, sich zu erinnern, bildet sich erst im dritten oder vierten Lebensjahr aus. Vorher herrsche „infantile Amnesie“. Bei den frühesten Erinnerungen, so Markowitsch,  handle es sich vor allem um stark emotional besetzte Eindrücke.  Nicht immer aber könne man sich darauf verlassen, dass frühe Erinnerungen, die man zu haben meint, wirklich die eigenen sind.

Manchmal halte ein Erwachsener auch etwas für die eigene Erinnerung, das er in Wahrheit in Gesprächen von Dritten mitgehört hat, sagt Markowitsch.

Auf fünf Langzeitgedächtnis-Typen kann der Mensch laut Markowitsch zurückgreifen, zwei davon liegen im Unbewussten: das prozedurale Gedächtnis, das für motorische Fähigkeiten zuständig sei, und das Priming-System, mit dem flüchtige Eindrücke wahrgenommen und erinnert würden.

Vergessen als Schutz

Das perzeptuelle Gedächtnis unterscheide Dinge auf einer vorsprachlichen Ebene, sagt der Psychologe, im semantischen Gedächtnis würden Fakten abgespeichert und mit dem episodisch-autobiografischen Gedächtnis schließlich erinnere sich der Mensch an Erlebnisse und Gefühle in einem bestimmten Kontext.

Trotz dieses komplexen Apparates kann es vorkommen, dass Menschen den Zugriff auf ihre Erinnerungen ganz verlieren, und Markowitsch meint: nicht nur durch Hirnschäden infolge von Unfällen. „Auch Stressituationen können die Erinnerung langfristig, manchmal ein Leben lang, blockieren.“

Die Ausblendung der Vergangenheit kann ein Schutz sein. Markowitsch berichtet von einem mehrfach misshandelten Mann, der seine ganze Lebensgeschichte vergessen hatte. Andauernde intensive Stresssituationen hatten das Gehirn verändert. 

Von Telse Wenzel

Weitere Infos im Netz unter uni-goettingen.de/de/50169.htm