Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Islamfeinde spielen mit Ängsten
Campus Göttingen Islamfeinde spielen mit Ängsten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:26 21.03.2017
Von Michael Caspar
Pegida-Demonstranten 2015 vor der Semperoper in Dresden Quelle: Michael Kappeler/dpa
Anzeige
Göttingen

„Nur jedem vierten der 2000 bis 3000 Pegida-Demonstranten, die montags in Dresden zusammenkommen, geht es in erster Linie um den Islam“, zitiert Röther aus Umfragen. Manche wollten mehr Rente, andere eine russlandfreundlichere Politik, wieder andere seien ganz allgemein „gegen Ausländer“. Die Ablehnung der „Islamisierung des Abendlandes“ diene ihnen als kleinster gemeinsamer Nenner.

„Entsprechend vielfältig ist die Anhängerschaft solcher Gruppen“, betont Röther. Er habe bei seinen Recherchen, die er seit 2008 betreibe, praktizierende Christen und Juden kennengelernt, aber auch Atheisten und Ex-Muslime. Die Rechtspopulisten seien früher bei den Grünen, der SPD oder CDU aktiv gewesen, andere bei der NPD oder der Pro-Bewegung. „Sie haben intern viel auszudiskutieren“, kommentiert er.

Anzeige

„Bei der AfD, die erst 2016 islamfeindliche Positionen in ihr Programm aufgenommen hat, gibt es aber auch Widerstand gegen die neue Ausrichtung“, hat Röther beobachtet. Eine Minderheit in der Partei, die sich über die Ablehnung des Euros zusammengefunden habe, lehne die „Dämonisierung des Islams“ ab. Sie würde aber von der Mehrheit übertönt.

„Die Islamfeinde spielen mit Ängsten, die tief im kulturellen Gedächtnis Europas verankert sind“, meint Röther. Muslime würden als „kriegerische Bedrohung“ gelten, seit islamische Armeen - vor Jahrhunderten - einmal über die iberische Halbinsel und einmal über den Balkan versucht hätten, den Kontinent zu erobern.

„Diese Ängste finden durch Berichte über dschihadistische Anschläge, die seit 15 Jahren im Westen zunehmen, neue Nahrung“, sagt Röther. Bilder wirkten dabei stärker als die - in der Regel - differenzierten Artikel. Dass die Mehrheit der Muslime keine Dschihadisten seien, ja selbst von diesen als „Ungläubige“ angegriffen würden, gerate aus dem Blick. Bezeichnenderweise würden Islamfeinde in Dschihadisten die „wahren Muslime“ sehen. Die gemäßigte Mehrheit „verstelle“ sich.

„Durch die islamfeindliche Rhetorik fühlen sich bereits heute einzelne zu Gewalttaten gegen Muslime und Moscheen ermutigt“, warnt Röther. Zugleich könne sich die gemäßigte muslimische Mehrheit durch die zunehmende Erfahrung von Ausgrenzung und Gewalt von der deutschen Gesellschaft entfremden. So drohe auch dort ein Radikalisierung.

Christian Röther: „Wenn die Wahrheit Kopf steht. Die Islamfeindlichkeit von AfD, Pegida & Co.“ 2017, 189 Seiten, 17,99 Euro.