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Göttingen Verbrecher und Verbrechen: Thesen, Mythen, Vorurteile
Campus Göttingen Verbrecher und Verbrechen: Thesen, Mythen, Vorurteile
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16:40 17.04.2019
Die Wahrscheinlichkeit, irgendwann im Leben Opfer eines leichten Deliktes zu werden, ist hoch. Quelle: dpa
Göttingen

Zum Auftakt der öffentlichen Ringvorlesung „Das sogenannte Böse – das Verbrechen aus interdisziplinärer Perspektive“ hat der Kriminologe Prof. Jörg-Martin Jehle in der Aula am Wilhelmsplatz über „Mythen und Wirklichkeit des Verbrechens – Eine kriminologische Einführung“ gesprochen. Dabei zeigte sich, was viele wahrscheinlich schon vermutet hatten: Das Verbrechen gibt es ebenso wenig wie den Verbrecher.

„Zu Beginn muss ich Sie gleich enttäuschen – Sie dürfen von mir kein Referat erwarten, das von Blut tropft“, sagt Jehle, wofür er viel Gelächter aus dem Publikum erntete. Und so widmete sich der Kriminologe im Verlauf seiner Ausführungen dann auch unaufgeregt verschiedenen Aspekten von Kriminalität.

Tat, Täter und Opfer

„Doch was ist das überhaupt, das Verbrechen?“, fragte Jehle. Ziehe man beispielsweise die zehn Gebote heran, so zeige sich an „Du sollst nicht töten“, dass dies ein Verbrechen sein kann, aber nicht muss. Denn im Krieg wie auch aus Notwehr sei Töten erlaubt. Ebenso sei Ehebruch bis 1969 noch strafbar und die körperliche Züchtigung von Kindern lange Zeit zulässig. „Letztlich ist das, was wir als Verbrechen auffassen, abhängig von der jeweiligen Gesellschaftskultur“, folgerte Jehle. Zudem gebe es nicht die Kriminalität, sondern vollkommen unterschiedliche Delikte in allen Lebensbereichen.

Den „Kern der Kriminologie“ erklärte Jehle unter anderem anhand der Grundbegriffe Tat, Täter und Opfer, indem er verschiedene Thesen, Mythen und Vorurteile herausarbeitete und diesen Statistiken und Forschungsergebnissen gegenüberstellte.

So besage eine These im Bezug auf Taten beispielsweise: „Kriminalität ist überall“. Daraus leitete Jehle die Frage ab, wie verbreitet diese tatsächlich sei. Dabei bezog er sich auf Ergebnisse einer Untersuchung, die er selbst unter Studierenden erhoben hatte, die amtlichen Erhebungen aber ähnelten. Die Studenten sollten angeben, ob sie selber schon mal kleines Delikt begangen oder schon mal Opfer eines solchen geworden waren. Als Beispiele für leichte Delikte nannte Jehle Urheberrechtsverletzung, Fahren ohne Fahrerlaubnis oder das Rauchen von Joints. Basierend auf den Antworten sei er zu dem Schluss gekommen, dass leichte Taten irgendwann im Leben von fast jedem begangen werden. Zudem würden die meisten Menschen im Lauf ihres Lebens einmal Opfer eines leichten Delikts, Opfer eines schweren Deliktes zu werden, sei hingegen „ausgesprochen selten“.

These: Opfer müssen selbst für ihre Sicherheit sorgen

„Das Verbrechen ist das Produkt aus der Eigenart des Täters im Augenblick seiner Tat und den in diesem Augenblick ihn umgebenden äußeren Verhältnissen“ – diese Ansicht vertrat der prominente Strafrechtler Franz von Liszt 1905. Von der heutigen Kriminologie hingegen werde diese deterministische Auffassung nicht gestützt: „Es gibt nicht die Ursache für Kriminalität“, sagte Jehle. Es werde eher ein probabilistischer Ansatz verfolgt, der sich darauf konzentriere, welche Risikofaktoren es gebe, die eine Straftat wahrscheinlich oder wahrscheinlicher machten.

Eine weitere These oder ein Vorurteil besage, dass Opfer selbst für ihre Sicherheit sorgen müssten. „An dem Satz ist etwas dran. Wir können nicht wegen jedem gefährdeten Menschen oder neben jedes gefährdete Gebäude einen Polizisten stellen“, sagte Jehle. Eigenschutz sei also ein Stück weit erforderlich, aber im Wesentlichen müsse der Staat für die Sicherheit sorgen. „Wenn wir das nicht tun, und das haben wir in bestimmten Ländern, in denen wir eine desolate staatliche Struktur haben, dann werden sich die potenziellen Opfer, die Bürger, selber schützen und bewaffnen wollen.“

Das führe im Extremfall zu Zuständen wie den sogenannten gated communities in Amerika, wo die Reichen sich vor der vermeintlich gefährlichen Umwelt abschotteten. Das müsse unbedingt verhindert werden. „Wir brauchen ein Mindestmaß an öffentlicher Sicherheit, sonst wird die Entwicklung dahin gehen, dass sich betuchte Menschen Sicherheit kaufen können und weniger betuchte Menschen verstärkt Oper werden.“

„Das sogenannte Böse – das Verbrechen aus interdisziplinärer Perspektive“

„Das sogenannte Böse – Von Konrad Lorenz zur heutigen verhaltensbiologischen Aggressionsforschung“ ist der Titel des nächsten Vortrags der Ringvorlesung am 23. April. Referent ist Dr. Dietmar Zinner vom Deutschen Primatenzentrum Göttingen. Beginn ist um 18.15 Uhr in der Aula am Wilhelmsplatz

Von Nora Garben

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