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Göttingen Ringvorlesung „Die Grimms in Wort und Tat“: Deutschdidaktiker Bräuer über Lesarten
Campus Göttingen Ringvorlesung „Die Grimms in Wort und Tat“: Deutschdidaktiker Bräuer über Lesarten
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15:54 20.06.2013
Als Disney-Film seit 75 Jahren zu sehen: Grimm-Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“.
Als Disney-Film seit 75 Jahren zu sehen: Grimm-Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Quelle: dpa
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Göttingen

Lesarten sind dabei Interpretations- oder Bedeutungsvarianten von Texten. So wird auch den Märchen der Brüder Grimm erst durch den Leseprozess des Lesers Bedeutung verliehen. Entscheidend ist die Interpretation der einzelnen Personen. Zwar stehen nach Ansicht von Bräuer, Professor für Deutschdidaktik, die Märchen der Brüder Grimm an erster Stelle vieler Titellisten, doch sei das nicht hilfreich bei der Aufdeckung von verschiedenen Lesarten.Er zeigt einen anderen Weg auf.

Animierter Werbespot

Per Video wird den etwa 150 Zuhörern in der Universitätsaula ein animierter Werbespot gezeigt: Zu sehen ist ein mittelalterlicher Thronsaal, in dem ein verdreckter Kessel steht. König soll derjenige werden, der diesen reinigen kann. Erst ein Ritter, der eigentlich eine Frau ist, schafft es mit dem angepriesenen Produkt.

Bräuer kommt darauf zu sprechen, dass dieser Spot auf Lesarten von – vor allem Grimmsche – Märchen beruht. Zielgruppen sollen damit wirksam angesprochen werden. Dieses geschieht über die vorhandenen Märchenelemente in der gezeigten Werbung. Die wiederum hängen mit der Lektüre von solchen Geschichten zusammen.

"Paradigma sozialisatorischer Literatur"

„Die Gattung der Märchen der Brüder Grimm gilt dabei als Paradigma sozialisatorischer Literatur“, sagt Bräuer. So soll die Gesellschaft ihren jungen Mitgliedern verschiedene Möglichkeiten der Teilhabe anbieten. Kinder könnten somit an literarischer Sozialisation teilnehmen – also Leser werden.

Christoph Bräuer Quelle: Jan Vetter

Des Weiteren lesen Kinder mit fortschreitenden Alter die Geschichten immer wieder auf unterschiedliche Art und Weise. Die Lesarten verändern sich über die Zeit. Hierbei können sich die jungen Leser zunächst in den Märchen wiederfinden. Zu seinem späteren Zeitpunkt ist es ihnen aber auch möglich, sich auf andere Weise mit dem Märchen zu identifizieren und aus den Geschichten ihren Nutzen zu ziehen. Bräuer endet mit einem eigenen Zitat: „Märchen machen Kinder nicht zu besseren Menschen, aber unbedingt zu vergnügten Lesern.“

Bräuers Vortrag war der achte und zugleich letzte Termin der Ringvorlesung „Die Grimms in Wort und Tat“. Die Vorlesungsreihe von Universität und Akademie der Wissenschaften zu Göttingen wurde von den Professoren Bräuer und Heinrich Detering im Grimm-Jahr organisiert. Die von den Sprachwissenschaftlern Jacob und Wilhelm Grimm, die von 1830 und 1835 bis 1837 Professoren an der Universität Göttingen waren, herausgegebenen Kinder- und Hausmärchen erschienen im Jahr 1812 zum ersten Mal.

Von Friedrich Schmidt