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Göttingen Über den Umgang mit Tätern und Opfern
Campus Göttingen Über den Umgang mit Tätern und Opfern
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14:30 11.07.2019
Das Podium: Jörg-Martin Jehle, Uwe Lührig, Gisela Friedrichsen, Frank Bornemann und Uwe Murmann (von links). Quelle: Peter Krüger-Lenz
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Göttingen

Rache und Vergeltung: Diesen beiden Begriffen widmete sich Prof. Uwe Murmann in seinem Eingangsvortrag. Der Vergeltungsgedanke sei unmodern, so der Göttinger Strafrechtler. Er erinnere an Rachegelüste und scheine daher ungeeignet zu sein. Doch Murmann lenkte den Blick positive Seiten des Vergeltungsgedankens. Rache sei maßlos, das Konzept Auge um Auge, Zahn um Zahn sei unangemessen. Vergeltung dagegen ziele auf Vergleich ab und sei begrenzt. Bei näherem Hinsehen zeigten sich „moderne Konzepte bedenklicher, als man meinen sollte“.

Verantwortlich sein für die Tat

Verschiedene theoretische Überlegungen präsentierte Murmann zum Thema Strafe. Strafe könne es nur geben, wenn jemand Schuld auf sich geladen habe. Auch müsse dem Täter die Tat vorgeworfen werden können, er muss verantwortlich sein für seine Tat. Den Bereich Vorbeugung unterteilte Murmann in eine Spezialprävention, die sich an den Täter richtet, eine allgemeine Prävention richtet sich dagegen an die Rechtsgemeinschaft. Bei der Spezialprävention werde auf den Täter eingewirkt, um ihn zu resozialisieren, oder er soll abgeschreckt werden, wenn er sich uneinsichtig zeigt. Das führe dazu, dass der Staat als Erziehungsanstalt fungiere, was nicht seine Aufgabe sei. Auch der Resozialisierungsgedanke greife bisweilen zu kurz, so Murmann. Er sei kaum anzuwenden auf eine 70-jährige Ehefrau, die nach 50 Jahren Ehehölle ihren Mann vergifte.

Ringvorlesung in der Uniaula

Mit Verbrechen und Verbrecher hat sich die Ringvorlesung der Universität Göttingen und der Göttinger Akademie der Wissenschaften im Sommersemester beschäftigt. Referenten aus Kriminologie, Theologie, Philosophie, Soziologie, Psychologie und Psychiatrie sowie dem Strafrecht und der Aggressionsforschung hielten in den vergangenen Wochen Vorträge.

Zum Auftakt der Reihe „Das sogenannte Böse – Das Verbrechen aus interdisziplinärer Perspektive“ sprach der Kriminologe Jörg-Martin Jehle im April über „Mythen und Wirklichkeit des Verbrechens – Eine kriminologische Einführung“. Weitere Vorträge verknüpften das Wirken von Konrad Lorenz mit der aktuellen verhaltensbiologischen Aggressionsforschung, betrachteten den Verbrecher aus theologischer Sicht und verfolgten „das Böse in uns“ durch die europäische Literatur. pek

Strafe als Abschreckung funktioniert laut Murmann oft nicht, weil Täter Kosten und Nutzen häufig nicht abwägten. Auch die Festlegung des Strafmaßes stellte er der Wissenschaftler als schwierig dar. Eine Bemessung nach realen Voraussetzungen – werden in Göttingen viele Fahrräder gestohlen, liegt das Strafmaß höher – oder Strafe als Dressur schließt er aus. Sein Fazit schließlich: Die Vergeltung, also der Strafausgleich habe seine Vorzüge vor Erziehung durch Strafe, denn er bringe Verlässlichkeit für die Bürger. Die schuldangemessene Strafe öffne einen Spielraum, innerhalb dessen Prävention berücksichtigt werden könne.

Opfer von Einbrechern

Das anschließende Podium sollte sich „mit dem rationalen Umgang mit Kriminalität“ befassen. Göttingens Polizeipräsident Uwe Lührig berichtete von einer Furcht der Göttinger, Opfer von Einbrechern zu werden, einer eher irrationalen Furcht, denn jeder 100. Bürger werde von Einbrechern heimgesucht, aber jeder Zehnte habe seine Angst in einer Umfrage bekundet. Die Polizei reagiere darauf mit einem Kriminalitätsbericht, mit Prävention, Schulbesuchen, Bürgerberatung und Opferbetreuung. Auch werde Technik eingesetzt, die zukünftig gefährdete Bereiche in der Stadt errechne.

Moderator Prof. em. Jörg-Martin Jehle schilderte, dass das Vertrauen in die Justiz zwar hoch sei, dass sie aber zu milde urteile und Verfahren zu lange dauerten. Richter Frank Bornemann hingegen hält die allermeisten Urteile für angemessen. „Wenige Ausreißer nach unten“ erklärte er mit Absprachen zwischen den Prozessbeteiligten und bekannte, kein Freund davon zu sein. Die lange Verfahrensdauer erklärte er mit einer Unterbesetzung der Staatsanwaltschaften.

Ausgeschlossene Öffentlichkeit

Nach der Rolle der Medien bei Gerichtsverfahren befragte Jele Gisela Friedrichsen. Die Gerichtsreporterin kritisierte gesetzliche Voraussetzungen, die dazu führten, dass es „zunehmend schwieriger wird, die Wirklichkeit zu schildern“. Namen dürften nicht genannt, Gesichter nicht gezeigt werden, und häufig würde die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Von Peter Krüger-Lenz

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