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Göttingen Römische Katapulttechnik für Zug der Zukunft
Campus Göttingen Römische Katapulttechnik für Zug der Zukunft
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18:08 01.10.2009
Am Forschungsflugzeug Do 728: Ulrich Heidemann, Andreas Dillmann, Lorenz Tichy und Dietmar Smyrek (v. links) vom DLR in der Göttinger Versuchshalle mit dem Mittelstreckenflugzeug.
Am Forschungsflugzeug Do 728: Ulrich Heidemann, Andreas Dillmann, Lorenz Tichy und Dietmar Smyrek (v. links) vom DLR in der Göttinger Versuchshalle mit dem Mittelstreckenflugzeug. Quelle: Rink/pid
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Der besondere Clou der Tunnel-Simulationsanlage besteht in der Verbindung von modernster Messtechnik mit Wehrtechniken der Antike: Ähnlich wie bei einem römischen Katapult soll die Anlage Zugmodelle auf eine Geschwindigkeit von 400 Kilometer je Stunde (km/h) katapultieren. „Wir wissen, dass schon die Römer mit ihren Pfeilen eine Geschwindigkeit von bis zu 200 Stundenkilometern erreichen konnten“, sagte am Donnerstag der Leiter des DLR-Instituts für Aerodynamik und Strömungsmechanik, Prof. Andreas Dillmann. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten ließen sich deutlich höhere Geschwindigkeiten erzielen.

Die Wissenschaftler wollen in der spektakulären Anlage die Druckwelle simulieren, die bei der Einfahrt eines Hochgeschwindigkeitszuges in einen Tunnel entsteht. Ähnlich wie bei Überschallflugzeugen kann diese Druckwelle Knallgeräusche auslösen. Ziel der Forschungen ist es, eine entsprechende Zugform und Gestaltung des Tunnelportals zu finden, die eben diesen Knall verhindert. Die Industrie habe großes Interesse an diesen Forschungen, berichtete Dillmann. Obwohl die Anlage noch gar nicht gebaut sei, lägen bereits erste Aufträge von verschiedenen Schienenfahrzeugherstellern vor.

Mehr Mitarbeiter

Die Tunnel-Simulationsanlage ist nur eine von zahlreichen neuen Versuchsanlagen am DLR-Standort Göttingen. Allein in diesem Jahr werden dort 14 Millionen Euro investiert, im kommenden Jahr sind es noch einmal knapp 7 Millionen. Auch bei den Mitarbeitern gibt es einen deutlichen Zuwachs, in den vergangenen drei Jahren ist die Zahl um 20 Prozent auf 413 gestiegen. „Es ist unheimlich viel los hier“, sagte der Leiter der DLR-Standorte Göttingen und Braunschweig, Dietmar Smyrek.
Die Göttinger Wissenschaftler haben ehrgeizige Ziele. Vor allem bei den Forschungen zum „Zug der Zukunft“ wollen sie international führend werden. Derzeit werde weltweit über eine Wiederbelebung des Zugverkehrs nachgedacht, insbesondere in China und den USA, sagte Dillmann.

Neue Seitenwind-Versuche

Um mit dem Flugzeug konkurrieren zu können, müssten die Züge nicht nur bis zu 400 km/h schnell sein, sondern auch größere Passagierkapazitäten zur Verfügung haben. Bei doppelstöckigen Zügen besteht jedoch das Problem, dass sie bei hohem Tempo und starkem Seitenwind kippen. Auch dies wird jetzt in Göttingen erforscht: In einer neuen Seitenwind-Versuchsanlage kann simuliert werden, welche Kräfte und Drücke bei Seitenwind auf einen Zug wirken.

Daneben betreiben die Göttinger Wissenschaftler zahlreiche neue Forschungsprojekte zur Luft- und Raumfahrt. So erhält der DLR-Standort eine 3,45 Millionen teure Anlage, mit der sich das Weltraum-Vakuum nachbilden lässt. Ziel ist die Entwicklung von elektrischen Antrieben für Weltraummissionen und Satelliten. Andere neue Simulationsanlagen dienen dazu, die Strömungen im Inneren von Autos, Flugzeugen und Zügen zu erforschen und damit den Komfort zu verbessern. Noch in diesem Herbst sollen außerdem die Bauarbeiten für einen 9,5 Millionen Euro teuren Turbinenprüfstand beginnen, in dem später Flugzeugturbinen in Originalgröße und unter realistischen Einsatzbedingungen getestet werden können. Dabei geht es darum, umweltfreundlichere und kostengünstigere Flugtriebwerke zu entwickeln.

Von Heidi Niemann

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