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Göttingen Rotstift-Politik: Räte streichen Finnougristik an der Universität Göttingen
Campus Göttingen Rotstift-Politik: Räte streichen Finnougristik an der Universität Göttingen
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10:00 11.03.2020
Im November 2019 demonstrieren Studierende der Finnougristik und anderer Fächer der Philosophischen Fakultät für den Erhalt des Studiengangs. Quelle: Westfeld
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Göttingen

Mit einem Fundraising wollten Studierende der Finnougristik an der Universität Göttingen ihren Studiengang retten. Die eingeworbene Summe, zu der sie ihren Beitrag leisten wollten, sollte zur Finanzierung der einen Professur genutzt werden. Die Lehrer schienen beeindruckt: Anfang November beschlossen sie die befristete Neubesetzung der Professur. Nun droht trotzdem das Aus des Studiengangs.

Am 4. März habe der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät einen Sparplan beschlossen, der unter anderem die Schließung der Finnougristik vorsieht, teilt der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) mit. „Das Vorgehen ist Teil eines Sparplans und setzt sich über einen Beschluss des Fakultätsrats des letzten Jahres hinweg. Der AStA kritisiert dieses Vorgehen scharf“, heißt es in der Mitteilung.

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Im November pro Erhalt der Finnougristik votiert

Denn im vergangenen November habe der Fakultätsrat „zunächst die befristete Neubesetzung der Professur mit zehn zu drei Stimmen beschlossen. Dieser Beschluss soll nun allerdings übergangen werden und die Professur doch auslaufen.“ Angehörige der Fakultät, vor allem aus dem Mittelbau, so AStA-Vorsitzender Felix Schabasian gegenüber dem Tageblatt, hätten in der Folge „alternative Sparpläne vorgelegt“, die am 4. März diskutiert, „allerdings alle zurückgewiesen wurden“.

In einem gemeinsamen Statement habe „die Studierendenschaft der Philosophischen Fakultät die Entscheidung kritisiert“ und sich dafür ausgesprochen, „den Sparplan des akademischen Mittelbaus zu unterstützen“. Die Studierenden würden den Erhalt der Professur fordern, damit die Universität „weiterhin divers, breit aufgestellt und attraktiv für Forschende, Lehrende wie Lernende bleibt“, so der AStA.

Fakultätsrat I: „Lange und ehrenvolle Tradition geht zu Ende“

Auf der Homepage des Dekanats der Philosophischen Fakultät erläutert der Fakultätsrat die Beschlusslage am 4. März: „Im Lauf der nächsten zehn Jahre sollen bis zu vier Professuren nicht wieder besetzt werden, wenn die derzeitigen Inhaberinnen in den Ruhestand versetzt werden. Im Fall der Finnougristik wird dies bedeuten, dass die lange und ehrenvolle Tradition einer wissenschaftlichen Disziplin in Göttingen zu Ende gehen wird.“

Der Beschluss sei „für alle Mitglieder des Fakultätsrats besonders schmerzhaft“ gewesen. In den anderen drei Sparplan-Fällen seien Wissenschaften betroffen, „die von jeweils mehr als einer Professur vertreten werden, die folglich in Göttingen auch weiterhin vertreten und studierbar sein werden“ – vorgesehen seien „vorerst Professuren in Slavistik, Neuerer Deutscher Literatur und Romanistik“.

Fakultätsrat II: Innovationen durch Sparmaßnahmen flankieren

Den Mitgliedern des Fakultätsrates sei „schon seit einiger Zeit bewusst gewesen, dass unsere Innovationsstrategie durch fühlbare Sparmaßnahmen zu flankieren ist“, erklären sie auf der Homepage. Diese Maßnahmen stünden „unter dem Gebot, diejenigen Strukturen zu erhalten, die es uns ermöglichen, unsere Stärken auszuspielen, und zugleich solche Fächer zu reformieren, die derzeit mit schwachen Auslastungszahlen zu kämpfen“ hätten. Seit 2007 werde durch die sogenannte „Landesformel“ der Landesregierung ein Teil der Budgetzuweisung an die Studienanfänger- und Absolventenzahlen „und damit an die Auslastung der Studiengänge gebunden. Damit kommt uns die Minderauslastung jener Studiengänge teuer zu stehen, bei denen trotz ihrer unbestrittenen gesellschaftspolitischen Relevanz eine den Kriterien der Landesformel gemäße Lehrauslastung kaum erreichbar ist“ und „angesichts der Beschäftigungschancen“ potenzieller Absolventen „auch gar nicht verantwortbar“ wäre.

Die so entstandene finanzielle Belastung sei „mittlerweile so drückend, dass es zu einer großen Herausforderung geworden ist, die Solvenz unserer Fakultät für die Zukunft zu sichern. ,Sichern‘ soll dabei abermals heißen: Maßnahmen einleiten, die uns finanziell besser stellen, ohne dass sie in ein planloses Streichkonzert ausarten würden.“

„Ein problematischer Präzedenzfall“, sagt der AStA-Hochschulreferent

AStA-Hochschulreferent Jannes Rösener zeigt kein Verständnis für das Vorgehen der Ratsmitglieder: „Gerade die philosophische Fakultät lebt von der Diversität der angebotenen Fächer. Dass nun ein Studiengang gestrichen wird, weil er als wenig profitabel gilt und Proteste von Studierenden sowie alternative Sparpläne ignoriert werden, schafft einen problematischen Präzedenzfall.“ Lehre und Forschung sollten nach den Prinzipien „von kritischer Wissenschaftlichkeit ausgerichtet“ sein also „möglichst vielfältig gestaltet werden“.

Sofia Dräger, Referentin für politische Bildung im AStA und studentisches Mitglied im Fakultätsrat, äußerte starke Bedenken: „Wir verstehen, dass es gute Gründe gibt, diese Entscheidung für unabwendbar zu halten. Der Grund für die schlechte finanzielle Lage ist aber die jahrelange Misswirtschaft an der Fakultät. Es erscheint fraglich, ob die Schließung von kleinen Fächern wirklich der Attraktivität der Uni Göttingen, die sich gerne mit ihrer Vielfalt schmückt, zuträglich ist. Außerdem unterstreichen wir das Statement der Studierendenschaft und arbeiten weiterhin daran, die Vielfalt des Studiums hier zu erhalten und zu fördern.“

„Wir versuchen, an der Entscheidung des Fakultätsrats zu rütteln“, sagt AStA-Vorsitzender Felix Schabasian. Quelle: Schabasian

„Druck machen, damit das Fach erhalten bleibt“, sagt der AStA-Chef

AStA-Vorsitzender Schabasian sagte gegenüber dem Tageblatt: „Wir, der ASta, wollen weiterhin Druck machen, damit das Fach erhalten bleibt“ - ebenso wie andere. Bedroht seien „kleine kulturwissenschaftliche Fächer wie Iranistik, von denen es nur wenige in Deutschland gibt, mit wenigen Studierenden“. Um dieses Angebot zu erhalten, seien aber „viele Professorenstellen“ notwendig. Schabasian und Kommilitonen wollen „Fachschaften vor Ort“ bei Demos und anderen Protestformen unterstützen und: „Langfristig wollen wir die Vernetzung der Fachschaften ermöglichen und intensivieren. Das Wissen und die Erfahrung liegen bei den Fachschaften.“ Die AStA-Mitglieder würden jetzt „überlegen, ein Konzept zu erstellen, wie wir selber aktiv werden können. Wir versuchen, an der Entscheidung des Fakultätsrats zu rütteln.“

Schabasian betont: „Die drohende Schließung der Finnougristik ist die unverantwortlich gezogene Konsequenz aus dem unverantwortlichen Umgang mit Geldern, unter anderem im Zuge der gescheiterten Exzellenzinitiative. Besonders der Bereich Lehre und Studium darf hierunter nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.“

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Ältestes und bedeutendstes Seminar in Deutschland

Prof. Eberhard Winkler, Direktor des Finnisch-Ugrischen Seminars, geht 2023 in den Ruhestand. Seine Stelle soll entsprechend dem Beschluss des Fakultätsrats nicht wieder besetzt werden. Aktuell sind etwas mehr als 20 Studierende für das Fach eingeschrieben – ihr Ziel ist ein finnougrischer Bachelor- oder Masterabschluss. Sie beschäftigen sich mit den finnougrischen Sprachen wie Finnisch, Ungarisch und Estnisch sowie mit Sprachen und der Kultur von Minderheiten wie Samen. Der Studiengang werde bundesweit an nur drei Standorten angeboten: „Wir sind das älteste und bedeutendste Seminar in Deutschland“, hatte Winkler zu Beginn der Proteste im vergangenen Sommer betont.

Im Herbst forcierten die Studierenden eine Fundraising-Aktion, um Geld für eine befristete Fortsetzung der Professur zu sammeln. Der Fakultätsrat hatte im November für den befristeten Erhalt des Studiengangs votiert. Jetzt wurde diese Entscheidung revidiert. Der Studiengang könnte ab Wintersemester 2020/2021 für Neueinschreibungen geschlossen werden.

Von Stefan Kirchhoff

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