Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Lasergestützte Scans für die Forschung
Campus Göttingen Lasergestützte Scans für die Forschung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:58 22.06.2018
Der US-amerikanische Anthropologe Paul Mitchell ist zu Gast in der Göttinger Anatomie. Mit hochmoderner Technik werden die Schädel neu vermessen. Quelle: Christina Hinzmann / GT
Anzeige
Göttingen

„Das dauert jetzt ungefähr 20 Minuten, aber das Gerät macht das allein“, erklärt Mitchell, der seinen hochmodernen, etwa lexikongroßen Apparat gerade auf einen der Schädel der Sammlung von Blumenbach gerichtet hat. Er kann dabei von seinen Forschungen erzählen.

Mitchell, Doktorand am Department of Anthropology der University of Pennsylvania (Philadelphia), ist zurzeit Gast der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und des Zentrums Anatomie der Universität Göttingen, in deren Besitz sich Blumenbachs Schädelsammlung heute befindet. Der Kurator der Schädelsammlung, Prof. Michael Schultz, ermöglicht ihm den Zugang zu den wertvollen, normalerweise magazinierten Schädeln.

Anzeige
Zwei Schädel aus der Sammlung von Blumenbach, die in der Göttinger Anatomie aufbewahrt wird. Quelle: Christina Hinzmann

Mitchell hat sich bislang intensiv mit der Schädelsammlung Samuel George Mortons (1799–1851) beschäftigt. Morton war einer der Begründer der Anthropologie in den USA. Seine seit 1830 aufgebaute Schädelsammlung gehörte zu den größten Sammlungen dieser Art ihrer Zeit. Sie ist heute im Besitz des Museums der University of Pennsylvania.

„Er war aber auch ein Rassist“, sagt Mitchell. Er wollte an den Schädeln seiner Sammlung zeigen, so Mitchell, dass bestimmte Varietäten der Menschen größere Gehirne haben. In seinem Zeitalter, weit vor der Fotografie oder gar dem Scannen, wollte er seine Ideen von besseren Rassen mit den von ihm angefertigten Abbildungen beweisen. „Bis heute hatte wir keine Ahnung, wie sehr er seine Abbildungen manipuliert hat“, so Mitchell.

Neben den Sammlungen Blumenbachs und Mortons sind weitere Schädelsammlungen aus dem 19. Jahrhundert nahezu komplett erhalten: die Sammlungen von Pieter Camper (1722–1789) in Groningen, von Gustaf Retzius (1842–1919) in Stockholm und von Joseph Hyrtl (1810–1894) in Philadelphia (Archivalien in Wien), und von Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840) in Göttingen.

Die Sammlung des Göttinger Gelehrten Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) enthält historisch bedeutsame Schädel. Der US-amerikanische Doktorand Paul Wolff Mitchell fertigt gegenwärtig lasergestützte Scans von den Schädeln in der Anatomie der Universitätsmedizin Göttingen an.

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden diese Sammlungen unter anderem für die wissenschaftliche Begründung sowohl des Rassismus als auch des Antirassismus genutzt, so Wolfgang Böker vom Akademie-Forschungsprojekt „Blumenbach-Online“. Mitchell untersucht deshalb die unterschiedlichen Strategien, mit denen die Sammlungen aufgebaut, publiziert und interpretiert wurden. Dazu fertigt er unter anderem jene lasergestützten 3D-Digitalisate der Schädel in allen fünf Sammlungen an. Anhand der hochpräzisen Scans lasse sich beispielsweise prüfen, ob Abbildungen der Schädel in Publikationen des 19. Jahrhunderts im rassistischen oder antirassistischen Sinne verfälschend waren, so Böker.

Schädelgröße in historischen Abbildungen manipuliert

Morton habe beispielsweise offensichtlich die Größe bestimmter Schädel manipuliert, so Mitchell. Es gebe aber auch Veränderungen in Kiefer- und Wangenbereich. Blumenbach sei es dagegen eher um den Beweis der Gleichwertigkeit der verschiedenen Varietäten gegangen, so Prof. Schultz. Sein Ansatz einer deskriptiven Anatomie sei sehr modern gewesen. Mit der Morphologie des Vergleichs habe er die Diversiät gezeigt. Für Blumenbach gab es einen Urtyp, der sich jeweils dem Biotop anpasste.

Paul Mitchell kontrolliert den Scan. Quelle: Christina Hinzmann

„Unendliche Übergänge durch Klima, unendlich viele Typen dazwischen“, so erklärt es Prof. Gerhard Lauer, Literaturhistoriker und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Lauer hat zusammen mit Nicolaas Rupke den Aufsatzband „Über Blumenbach, seine Schädelsammlung und die Entstehung der Anthropologie“ erarbeitet, der am 16. Juli erscheint.

Arbeit auch in den Archiven

Bis September wird Mitchell in Göttingen bleiben. „Ich will auch in den Archiven arbeiten“, sagt der Wissenschaftler. Dabei wird er unterstützt von den Mitarbeitern des Projekts „Blumenbach – Online“. Das Projekt dokumentiert unter anderem die Schädelsammlung Blumenbachs für das Internet und liefert Mitchell wissenschaftshistorische Informationen zu den Schädeln. Die Geschichte der Schädel, ihre Herkunft spielen eine Rolle für seine Forschungen. „Auch die Frage warum Blumenbach bestimmte Schädel ausgesucht hat“, so Mitchell. Wenn in Göttingen alles vermessen, gescannt und hinterfragt ist, geht es für den amerikanischen Wissenschaftler weiter zu Arbeitsaufenthalten in Stockholm und Groningen.

Von Christiane Böhm