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Göttingen Schiff als Grabstätte bedeutender Frauen
Campus Göttingen Schiff als Grabstätte bedeutender Frauen
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18:53 08.08.2011
Über 1000 Jahre alt: das Oseberg-Schiff im Wikingermuseum Oslo.
Über 1000 Jahre alt: das Oseberg-Schiff im Wikingermuseum Oslo. Quelle: Daderot
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Doch nicht nur das Schiff selbst war eine Sensation, sondern auch sein Inneres: Hinter dem Mast befand sich eine Grabkammer, in der zwei Frauen beigesetzt waren. Bislang ist unklar, wer in diesem Schiffsgrab bestattet wurde. Jetzt wollen Experten der Universitäten Göttingen und Oslo in einem gemeinsamen Forschungsprojekt Näheres über die Lebensumstände und Krankheiten der geheimnisvollen Toten herausfinden.

Bislang sind sich die Forscher nur in einem Punkt sicher: Zumindest eine der beiden Frauen muss eine wichtige Persönlichkeit gewesen sein. Dies lässt sich nicht nur aus den vielen kostbaren Grabbeigaben schließen, sondern auch aus der aufwendigen Art des Begräbnisses. Manche Forscher spekulierten, dass eine der beiden Frauen die sagenumwobene Königin Asa gewesen sein könnte, die als Stammmutter der norwegischen Könige gilt. Der Ortsname Oseberg könnte ein Hinweis darauf sein und „Asas Berg“ bedeuten. „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie dort begraben wurde“, sagt Prof. Per Holck vom Anatomischen Institut der Universität Oslo. Eine andere Vermutung geht dahin, dass sie eine Hohepriesterin gewesen sein könnte.

Der norwegische Anatom und Paläopathologe beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit den Skeletten aus der Wikingerzeit. Jetzt war er an der Universität Göttingen zu Gast, um einen Vortrag zu halten und eine neue Forschungskooperation auf den Weg zu bringen: Der Göttinger Paläopathologe Michael Schultz, der als international renommierter Spezialist zur Erforschung prähistorischer Krankheiten gilt, will die Wikinger-Skelette mit modernsten Spezialtechniken untersuchen. „Wir wollen aus den Knochen so viel Wissen herausholen, wie möglich ist“, sagt Schultz.

Außer den Frauenskeletten vom Oseberg-Schiff wollen die Experten auch ein männliches Skelett von einem anderen Wikinger-Schiffsgrab untersuchen, das bereits 1880 bei Gok­stad entdeckt wurde. Erste Untersuchungen haben ergeben, dass dieser Mann vermutlich durch körperliche Gewalt zu Tode gekommen ist.

Die Knochen weisen viele nicht verheilte Hiebspuren auf. Der rechte Fuß wurde wahrscheinlich mit einer Axt abgehackt, berichtet Holck. „Möglicherweise ist er verblutet oder durch einen Schlag auf den Schädel getötet worden.“

Auch über die beiden Frauen vom Oseberg-Schiff haben die Mediziner bereits einiges herausgefunden. Eine von ihnen starb im Alter von etwa 50 Jahren, die andere erreichte ein für die damalige Zeit erstaunlich hohes Alter von 70 bis 80 Jahren. Todesursache war vermutlich ein Tumor. „Wir haben Metastasen gefunden, die typisch für Brustkrebserkrankungen sind“, erläutert Holck. „Damit wäre diese Frau die älteste bekannte Brustkrebs-Tote Norwegens.“ Einer der vielen Begleitfunde gibt auch einen Hinweis darauf, womit die Krebskranke ihre starken Schmerzen bekämpfte: In einem Lederbeutel fanden sich Cannabis-Samen.

Auch über die Lebensumstände fanden die Forscher einiges heraus. So ließ sich am Kiefer und an den Zähnen erkennen, dass die jüngere Frau metallene Zahnstocher verwendete – ein Indiz dafür, dass sie zur oberen sozialen Schicht gehörte. Eine DNA-Analyse ergab, dass sie vermutlich einen Migrationshintergrund hatte und ihre Vorfahren vom Schwarzen Meer stammten. Auch dieser Befund passt zu den alten Sagen, sagt Holck. Dort werde berichtet, dass Odin, der Hauptgott der nordischen Mythologie, einst vom Schwarzen Meer nach Norwegen eingewandert sei.

Jetzt sollen die neuen Forschungen in Göttingen weitere Erkenntnisse liefern. Dabei werde man unter anderem mikroskopische Methoden anwenden, erläutert Schultz. Auch mit biochemischen Untersuchungen ließen sich noch genauere Einblicke in das Leben und Sterben dieser offenbar bedeutenden Persönlichkeiten aus der Wikingerzeit gewinnen. „Je mehr wir herausfinden, desto stärker können wir die alten Sagen mit Leben füllen.“

Von Heidi Niemann