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Göttingen Schonendere Alternative zum Defibrillator
Campus Göttingen Schonendere Alternative zum Defibrillator
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19:14 15.07.2011
Erforschen Niedrigenergie-Defibrillation: Eberhard Bodenschatz (MPIDS), Stefan Luther, Markus Zabel, Gerd Hasenfuß (Herzzentrum Göttingen).
Erforschen Niedrigenergie-Defibrillation: Eberhard Bodenschatz (MPIDS), Stefan Luther, Markus Zabel, Gerd Hasenfuß (Herzzentrum Göttingen). Quelle: Hinzmann
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Das interdisziplinäre Forscherteam unter Leitung von Prof. Stefan Luther vom Max-Planck-Institut hat erfolgreiche Tierversuche durchgeführt. An Hunden und Kaninchen ließ sich zeigen, dass sie sich das Herzflimmern, das Auslöser des Herzstillstands ist, auch mit einer Abfolge niedrig-energetischer elektrischer Pulse erfolgreich beenden lässt. „Beim gesunden Herz breiten sich elektrische Impulse geordnet entlang des Herzmuskels aus“, erläutert Prof. Markus Zabel, Leiter der klinischen Elektrophysiologie der Abteilung Kardiologie und Pneumologie der Universitätsmedizin Göttingen, der dem Team ebenfalls angehört. Sie sorgen dafür, dass sich die Herzkammern rhythmisch zusammenziehen und wieder erschlaffen.

„Bei Menschen mit Herzrhythmusstörungen funktioniert das nicht mehr zuverlässig“, so der Kardiologe. Die elektrischen Signale breiten sich chaotisch in spiralförmigen Wellen aus. Das Herz schlägt erst sehr schnell dann gar nicht mehr. Jedes Jahr sterben 300 000 Menschen den plötzlichen Herztod.

Eine Million Menschen erleiden das weniger gefährliche Vorhofflimmern. In beiden Fällen sorgt der Einsatz eines Defibrillators dafür, dass für einen kurzen Moment keinerlei elektrische Signale mehr weitergeleitet werden. Dann kehrt das Herz zu seinem gewohnten Takt zurück. Beim Vorhofflimmern erfolgt die Defibrillation während einer kurzen Narkose, um dem Patienten den Schmerz zu ersparen.

„Unser Verfahren funktioniert nach einem völlig neuen Ansatz“, betont Luther. Bei der Niedrigenergie-Defibrillation werde mit Hilfe eines Herzkatheters eine Abfolge von fünf vergleichsweise schwachen elektrischen Pulsen im Herzen erzeugt. Die Energiemenge werde um mehr als 80 Prozent verringert. Sie werde wahrscheinlich für den Patienten schmerzfrei sein. Dass sei vor allem für Herzinfarktpatienten eine gute Nachricht. Bei ihnen sei das Risiko eines Kammerflimmerns besonders hoch. Zum Teil würden die Betroffenen mehrfach während ihres Lebens defibrilliert. Zum Teil werde ihnen ein kleiner Defibrillator implantiert. Sie dürften dann nicht mehr Autofahren.

Das Forscherteam, das seine Ergebnisse in der Zeitschrift Nature publiziert hat, wird bis 2012 an Schweinen zeigen, dass die Methode auch bei Kammerflimmern funktioniert. Ein entsprechender Tierversuch ist genehmigt, die Finanzierung gesichert. Bis 2014 oder 2015 könnte das erste Gerät für Menschen funktionsfähig sein. Dann würde das Zulassungsverfahren beginnen, sagt Luther.

Von Michael Caspar