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Göttingen Schulmüdigkeit: Wenn Schüler nicht zur Schule gehen
Campus Göttingen Schulmüdigkeit: Wenn Schüler nicht zur Schule gehen
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14:57 13.09.2019
„Einmal Abseits und zurück – Schulabsentismus und was man dagegen tun kann“: Tagung in Göttingen mit mehr als 150 Teilnehmern. Quelle: Brakemeier
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Göttingen

Eine Müdigkeit mit Folgen: Schulmüdigkeit, der sogenannte Schulabsentismus, gilt als Risikofaktor dafür, dass Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen, eine Ausbildung nicht abschließen und später auf staatliche Hilfe angewiesen sind.

Henrik Uebel-von Sandersleben, leitender Oberarzt in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Göttingen, beschreibt die Dimension: So hatten allein 2016 mehr als 49.000 Schulabgänger keinen Schulabschluss, das sind etwa sechs Prozent eines Jahrgangs. Dafür liegen die Gründe oft in einem langen Schulabsentismus, der sich nicht nur über Tage und Wochen, sondern Monate und Jahre hinziehe.

Fälle schon im Grundschulalter

Uebel-von Sandersleben selbst berichtet von einen Fall, in dem ein Schüler über fünf Jahre keine Schule besucht. Thomas Deimel-Bessler von der Bildungsregion Südniedersachsen ergänzt: Nicht nur würden die Fälle zunehmen, in denen Schüler über lange Zeit nicht zur Schule kommen, oft träten diese Fälle inzwischen auch schon im Grundschulalter auf.

Henrik Uebel-von Sandersleben von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen Quelle: R

Oft seien Schul- und Leistungsangst, Depressionen oder andere psychische Erkrankungen des Schülers Gründe für lange Schulabwesenheiten. Schulvermeidung sei ein „prominentes“ Symptom psychischer Störungen mit vielen Folgeproblemen. Körperliche Beschwerden wie Schwindel, Übelkeit, Bauchschmerzen seien die Folge. Warnzeichen könnten „emotionale Auffälligkeiten vor und in der Schule“ ebenso sein wie „Probleme bei der Morgenroutine“ oder dem Schulweg. Ärzte würden die Schüler oft mit unklarem Befund krankschreiben, ohne das die psychischen Ursachen erkannt würden, so Uebel-von Sandersleben. Auch würden Ängste so nicht abgebaut, sie würden sich eher noch verstärken.

Austausch mit der Schule

Uebel-von Sandersleben fordert bei „unklaren somatischen Beschwerden und wiederholten Fehlzeiten“, Krankschreibungen zu vermeiden oder zeitlich begrenzen, diese an Bedingungen zu knüpfen und eng zu beobachten. Parallel dazu sollte es eine Überweisung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie ebenso geben wie ein Austausch mit der Schule.

Unter dem Titel„Du fehlst! Schulabsentismus – ein Thema mit vielen Facetten“ haben sich Experten dem vielschichtigen Thema während einer Tagung genähert. Veranstalter waren die Bildungsregion Südniedersachsen, die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen, die Landkreise Göttingen und Northeim und die Beschäftigungsförderung Göttingen. Unter den rund 150 Teilnehmern waren Ärzte, Psychologen, Jugendhelfer, Lehrer aber auch Polizisten.

Fallmanager für jeden Patienten

In vier Arbeitsgruppen haben die Teilnehmer am Donnerstag Lösungsansätze erarbeitet. Dabei ging es um die Zusammenarbeit von Schulen, Ordnungsbehörden und Jugendämtern sowie zwischen Schulen und Erziehungsberechtigten. Weitere Themen waren die Zusammenarbeit und Kommunikation an den Schulen sowie Krankheiten, die ebenfalls zu längerer Abwesenheit führen können.

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Wichtig sei, dass mit den Betroffenen und nicht nur über die Betroffenen gesprochen werde, sagte Uebel-von Sandersleben. Er plädierte dafür, dass es für jeden Patienten einen Fallmanager gebe. Alle Informationen zu einem Fall müssten für alle – von den Betroffenen über die Schule und Ämter bis zu den Ärzten – transparent verfügbar sein.

Wegweiser für Lehrer, Eltern und Schüler

Christine Schlockwerder, schulpsychologische Dezernentin in der Landesschulbehörde plädierte dafür, dass jede Schule ein Konzept hat, wie sie in Fällen von Schulabsentismus handelt. Ein weiteres wichtiges Ergebnis: Alle Akteure, die mit der Betreuung der Schüler zu tun haben, müssen besser vernetzt sein. Denn: Ein gemeinsames Vorgehen, wie Eltern, Schulen und Behörden in Fällen von Schulabsentismus vorgehen, gibt es bislang nicht.

In einem nächsten Arbeitsschritt will eine Projektgruppe mit Vertretern der Tagungsveranstaltern anhand der Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen einen Wegweiser für Lehrer, Eltern und Schüler entwickeln. Er soll Betroffenen Hilfestellung geben.

Hilfsangebote in Göttingen

Experten schätzen,dass rund ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen psychische Probleme haben. Dr. Henrik Uebel-von Sandersleben, leitender Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), bestätigt dieses Zahlen der Stiftung „Achtung Kinderseele“. Aber nur wenige Betroffene bekämen Hilfe oder nähmen sie in Anspruch, so der Uebel-von Sandersleben. Dabei gibt es Angebote in Stadt und Landkreis – von der Nummer gegen Kummer (Kinder- und Jugendtelefon Göttingen unter 116 111) bis zur stationären Psychiatrie. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie der UMG hält acht stationäre Plätze für Kinder und zehn für Jugendliche vor, darüber hinaus 20 Plätze in den Tageskliniken und zehn für die Krisenintervention. Als Klärungsstelle für Stadt und Landkreis Göttingen sowie den Landkreis Northeim sei die UMG-Klinik (Telefon 0551/3966610) Tag und Nacht erreichbar. Zudem gibt er Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Eltern von Caritas und Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Sie erreichen den Autor unter

E-Mail: m.brakemeier@goettinger-tageblatt.de

Twitter: @soulmib

Facebook: michael.brakemeier

Von Michael Brakemeier

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