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Göttingen Schummeln an der Uni Göttingen? Kein Problem!
Campus Göttingen Schummeln an der Uni Göttingen? Kein Problem!
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00:30 18.05.2018
Spicker und Plagiate: Studierende schummeln trotz Gefahren. Quelle: dpa
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Göttingen

Da gibt es den Studenten, der sich schon mehrere Hausarbeiten von Kommilitonen hat geben lassen und sie einfach unter seinem Namen noch einmal einreicht; eine Vietnamesin lässt sich von einer chinesischen Freundin in der Klausur „vertreten“, weil „sie davon ausgeht, dass die Dozenten sie sowieso kaum auseinanderhalten können“ – die gleiche Überlegung hat ein farbiger Student angestellt. Die Performance beim Referathalten geht in die Abschlussnote ein? „Eine Freundin und ich sprechen vorher Fragen ab, die wir uns dann im Seminar stellen, um gut dazustehen.“ Ein anderer denkt sich einen kompletten Feldforschungsbericht aus.

„In großen Vorlesungssälen geht alles“

Oder der Klassiker: In der Klausur tauschen zwei Freundinnen einfach den Multiple Choice-Fragebogen und füllen gegenseitig die fehlenden Antworten aus, andere holen in ihrer Klausur Unterrichtsnotizen und ganze Aktenordner raus und schreiben dort ab – während die Klausuraufsicht „Zeitung gelesen hat“ oder „selbst an einer Hausarbeit schreibt“. „In großen Vorlesungssälen geht alles“, sagt ein Jura-Student. Eine ehemalige Göttinger Studentin, die inzwischen unter anderem Abschlussarbeiten korrigiert und lektoriert, berichtet von einer Anfrage, bei der es darum ging, eine Arbeit zu korrigieren und auf „17 Seiten den Text umzuschreiben“, um das Plagiat unkenntlich zu machen.

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„Die Betrugsalternativen haben sich seit Jahrhunderten nicht geändert: Abschreiben, kopieren, plagiieren sowie die Erschleichung von Sonderbedingungen für die Klausuren durch zum Beispiel gefälschte Atteste“, sagt der Studiendekan der Juristischen Fakultät, Prof. José Martinez. „Wir sind uns als Dozenten bewusst, dass wir zwar viele Tricks kennen, die Studierenden aber durchaus kreativ sind.“

„Gelegenheit macht Abschreiber“

Und was motiviert Studenten, das Risiko einzugehen, schließlich sehen die Prüfungsordnungen Sanktionen vor, die vom Nichtbestehen bis hin zur Exmatrikulation reichen? „Gelegenheit macht Abschreiber“, heißt es da beispielsweise, oder schlicht Faulheit oder eine Form von Revanche, weil sich „der Prof. in der Vorlesung mit seinen Durchfallquoten brüstet“. Doch sehr oft spielt der immense Druck eine Rolle, dem sich Studenten ausgesetzt fühlen: die Vielzahl an Prüfungen am Semesterende oder dass das BAföG oder die Fortführung des Studiums daran hängen, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Menge Credits erworben zu haben. „Wenn ich eine Klausur bestehen muss, um nicht aus dem Studium rauszufliegen, dann denke ich natürlich darüber nach, zu betrügen“, sagt einer.

In welchem Umfang betrogen wird, im Kleinen wie im Großen, darüber wird keine Statistik geführt. An der Juristischen Fakultät hat man immerhin den Eindruck, dass die Zahl aufgrund der Sensibilisierung für gute wissenschaftliche Praxis rückläufig ist. An der Philosophischen Fakultät registriert man pro Semester durchschnittlich drei Plagiatsfälle bei Hausarbeiten, bei Bachelor-Arbeiten gab es in den letzten acht Jahren nur vier Fälle, bei Master-Arbeiten gar keinen. Offen bleibt, wie groß die Dunkelziffer ist. Denn in der Praxis sind Täuschungsversuche nur schwer zu entdecken und nach Auskunft von Studenten omnipräsent.

Übersetzungen fallen durchs Raster

Vor allem Plagiate haben in den vergangenen Jahren immer wieder ein großes mediales Echo ausgelöst. Um diese zu entdecken, bietet die GWDG zwei Programme an. Der Erfolg ist jedoch fragwürdig. „Ich entdecke kaum Plagiate“, sagt ein Dozent. „Das liegt aber nicht daran, dass die Studenten nicht plagiieren, sondern dass die Software nicht gut genug ist.“ Sie deckt wenn überhaupt nur Teile der Fachliteratur ab und kann auch nur nach ähnlichen Sätzen suchen. „Schreibt man inhaltlich von anderen Autoren ab, klaut ihre Argumentationslogik und Recherche, bleibt das unentdeckt.“ Oft genug passiert es ihm auch, dass aus seiner eigene Dissertation abgeschrieben wird, ohne das kenntlich zu machen. Solche dummen Fehler oder der Zufall tragen häufig dazu bei, dass Betrug auffliegt. Auch scheint der Kauf von früher schon eingereichten Hausarbeiten über den Grin Verlag beliebt zu sein, doch darauf hat die Software keinen Zugriff; auch Übersetzungen aus anderen Sprachen fallen durchs Raster.

Ein weiteres Problem: Die Software ist zwar technisch in der Lage, Arbeiten zu speichern, so dass im Laufe der Jahre der Pool an Abgleichmöglichkeiten, zumindest innerhalb der Uni Göttingen, wachsen könnte und damit das Abschreiben von den eigenen Kommilitonen überführbar wird, doch verhindern das bislang rechtliche Bedenken. Immerhin könnte die Universität hier durch eine Änderung der Prüfungsordnung Abhilfe schaffen, wenn sie es wollte.

Grundkenntnisse des wissenschaftlichen Arbeitens fehlen oft

„Es wäre schön, wenn es seitens der Universität Standards gäbe, wie man mit Plagiaten umgehen soll“, sagt der Dozent. Was auch harte Sanktionen mit einschließe. „Ich kenne von meiner Fakultät keine einheitliche Regelung, das kann jeder Dozent frei entscheiden.“ Handlungsbedarf sieht er auch bei einem viel grundlegenderen Problem. „Ich beobachte ein hohes Maß an Zitierinkompetenz bei den Studenten. Die Uni hat ein Dokument zur guten wissenschaftlichen Praxis, aber wenn ich meine Studenten dazu befrage, stelle ich fest, dass das keiner kennt.“ Es fehlen offenbar großflächig Grundkenntnisse des wissenschaftlichen Arbeitens. Ohne diese sind Plagiate praktisch programmiert, wofür man die Studenten dann auch nur bedingt verantwortlich machen kann.

Von Sven Grünewald