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Göttingen Selbstbildnis linksextremistischer Terroristen
Campus Göttingen Selbstbildnis linksextremistischer Terroristen
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17:52 11.08.2011
7. April 1977: Mit dem Mord an Siegfried Buback durch die RAF beginnt der „Deutsche Herbst“.
7. April 1977: Mit dem Mord an Siegfried Buback durch die RAF beginnt der „Deutsche Herbst“. Quelle: dpa
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Sie analysierten veröffentlichte Interviews und autobiografische Texte von ehemaligen Mitgliedern der „Rote Armee Fraktion“ (RAF), der „Bewegung 2. Juni“ und der „Revolutionären Zellen“ (RZ). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte das Projekt drei Jahre lang mit insgesamt rund 200 000 Euro.

„Unsere Studie hat die Auseinandersetzung mit einem bedeutsamen Abschnitt der bundesdeutschen Zeitgeschichte um die bislang nur wenig berücksichtigte Perspektive der Terroristen erweitert“, so die Leiterin des Forschungsprojekts, Prof. Gudrun Schwibbe. Die Wissenschaftlerinnen untersuchten die Texte auf der inhaltlichen, sprachlichen und funktionalen Ebene und nutzten dabei theoretische Ansätze aus der Kulturanthropologie, der Literaturwissenschaft und der Psychologie.

Dabei erstellten sie sowohl individuelle Profile („case studies“) als auch vergleichende Untersuchungen und ordneten die Ergebnisse in den jeweiligen historischen Kontext ein. „Alterität“ als Leitkonzept war für die Untersuchung linksterroristischer Gruppierungen besonders geeignet, da hier Akteure, die für sich eine „resistance identity“ reklamierten, als andere auf die politische Dominanzkultur trafen.

Im Mittelpunkt der Analysen stand die Abgrenzung der Autoren zur Gesellschaft, die in Rückblicken ehemaliger Terroristen eine zentrale Bedeutung hat. Die Abgrenzung dient unter anderem der Rechtfertigung der eigenen Rolle und gewaltsamer Aktionen. Deshalb sind auch in den retrospektiven Selbstdarstellungen die Bildung eines kollektiven Wir und die Abgrenzung von einem ebenfalls kollektiv gedachten Ihr von zentraler Bedeutung. Die Forscherinnen zeigten die verschiedenen Prozesse des Anderswerdens anhand von ausgewählten biografischen Stationen auf: dem Einstieg zunächst in die linksalternative und später in die terroristische Szene, dem Leben in der Illegalität, der Fahndung, Verhaftung und Inhaftierung sowie schließlich dem Ausstieg.

Darüber hinaus untersuchten sie, mit welchen sprachlichen und erzählerischen Mitteln die Terroristen ihre Position in der Gesellschaft beschrieben. Auch hier lag der Schwerpunkt auf den Rechtfertigungsgeschichten. Durch deren Analyse lässt sich zum einen der Geltungsbereich kultureller Normen erfassen. Zum anderen wurden so spezifische Strategien einzelner Akteure deutlich, mit denen diese ihre Handlungen legitimierten.

Ergänzendes Buch zum Thema: Alterität. Erzählen vom Anderssein, hrsg. von Brigitta Schmidt-Laube und Gudrun Schwibbe, Verlag Schmerse Media Göttingen 2010, 168 Seiten, 19 Euro.

pug/el