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Göttingen Stottern: Was ein junger Journalist und ein Göttinger Neurologe über den Kampf mit der Sprache sagen
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Stottern: Göttinger Neurologe und Journalist sprechen über Sprechstörung

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11:53 16.10.2020
Sebastian Koch ist Redakteur bei der Tageszeitung „Mannheimer Morgen“ und Moderator des Stotterer-Podcast „P-P-P-Podcast - Der Podcast von Stotternden für Stotternde“. Quelle: Uwe Anspach/dpa
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Mannheim/Göttingen

Wenn Sebastian Koch mit Ginger spricht, tut er dies fehlerfrei und flüssig - von Problemen keine Spur. Ginger ist die Katze des 28-Jährigen. Wenn er aber mit Menschen redet, ist das ganz anders: Dann stellt sich das ungewollte Verharren auf einem Buchstaben, das Wiederholen von Wörtern und das Dehnen von Vokalen ein. Es macht den Eindruck, als koste es Koch sehr viel Mühe, sich die Sätze abzuringen. Koch ist seit seiner Kindheit Stotternder, einer von 800 000 in Deutschland.

Nach erfolglosen Therapien hat der Kulturredakteur beim „Mannheimer Morgen“ die Perspektive einer Heilung ad acta gelegt und geht jetzt offensiv mit seiner Einschränkung um. Dazu lädt er für seinen Ppppodcast Gäste zum „Mannheimer Morgen“, mit denen er über ihre Erfahrungen als Stotternder oder als Therapeut spricht. Gerade diese Kommunikationsform mit spontaner Konversation ist für Stotternde schwer zu meistern. „Aber die schriftliche Form, das Thema aufzuarbeiten, fand ich nicht so spannend“, sagt Koch. Bislang bekam er dafür nur positive Rückmeldungen.

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Vierbeiner wirken auf Stotterer entspannend

Warum nun wirken vierbeinige Freunde - neben Katzen auch Hunde - auf Stotterer so entspannend? Koch meint: „Sie haben - anders als die Menschen - keine Erwartungen und zeigen keine Reaktionen.“ Auch im Umgang mit Babys zeigt sich die Störung oft nicht. Kleine Kinder und Tiere können nicht nachäffen, sich nicht lustig machen oder einfach Redebeiträge von Stotternden ignorieren. Auch das Singen funktioniert einwandfrei. Grund: Dafür werden andere Gehirnareale gebraucht als beim Sprechen.

Schwierigkeiten haben Stotternde besonders in der Schule. So erlebte auch Koch in der sechsten Klasse, wie ihn ein Mitschüler nachäffte. Nach einem Gespräch mit Kochs Mutter ließ er davon ab. „Ich hatte extrem viel Glück“, sagt der Journalist. Anders als einer seiner Podcast-Gesprächspartner, der wegen psychischer und körperlicher Probleme infolge von Mobbing widerwillig die Schule verließ und eine Ausbildung begann. Auch der Göttinger Neurologe Martin Sommer, Vorsitzender der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe, erinnert sich an schlimme Erlebnisse auf dem Schulhof. „Meist hören die Probleme nach der Schule im Berufsleben auf“, sagt Koch, der nach dem Volontariat beim „Mannheimer Morgen“ dort auch übernommen wurde.

Sebastian Koch ist Moderator des Stotterer-Podcast „P-P-P-Podcast - Der Podcast von Stotternden für Stotternde“. Quelle: Uwe Anspach/dpa

Verdrahtung von Faserbahnen nicht gut

Das Stottern beruht auf einer Schwäche der Faserbahnen in der linken Gehirnhälfte, die die sprechrelevanten Zellen miteinander verbinden. „Die Verdrahtung ist nicht so gut“, erklärt Sommer, der Oberarzt an der Uni-Klinik Göttingen ist. Das Phänomen ist bis zu 80 Prozent genetisch bedingt. Auch bei Koch findet sich ein stotternder Verwandter - sein früh verstorbener Vater. Die restlichen Anteile liegen noch im Dunkeln. Klar ist nur, dass sie nicht auf frühkindliche Erfahrungen wie Spracherziehung, familiäre Probleme oder Scheidungen der Eltern zurückzuführen sind. Das haben Zwillingsstudien ergeben. „Auch Traumata spielen da keine Rolle.“, sagt Harald Euler (76), der viele Jahre an der Ruhr-Universität in Bochum arbeitete.

Koch hat eine Handvoll Therapien - auch einen Intensivkurs - hinter sich, ohne Verbesserungen erreicht zu haben. Trotz seines mutigen Podcasts setzt er in manchen Situationen auf Vermeidung. „Lieber gehe ich im Supermarkt x-mal durch die Gänge, um etwas bestimmtes zu finden, anstatt zu fragen.“

Sommer beobachtet bei Stotterern eine gewisse Selbststigmatisierung. In der Selbsthilfe sind bedeutend weniger Menschen als bei anderen Störungen aktiv. „Wenn man nicht hinter dem Ofen hervorkommt und die Klappe aufreißt, ändert sich nichts.“ Viel sprechen helfe viel. Es gelte, dass Sprechen zu trainieren und Herausforderungen zu suchen, anstatt als Schweiger durchs Leben zu gehen. Von seiner Umwelt verlangt Sommer - ebenso wie Koch - nur eines: „Bitte nicht Sätze weiterführen, Stotternde ausreden lassen - und sich einfach Zeit für sie nehmen. “

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Von dpa