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Göttingen Studenten fensterln an der Professorenstube
Campus Göttingen Studenten fensterln an der Professorenstube
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20:22 05.03.2012
Beliebte Adresse von Professoren im 18. Jahrhundert: Die heutige Goetheallee .
Beliebte Adresse von Professoren im 18. Jahrhundert: Die heutige Goetheallee . Quelle: EF
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Göttingen

In Georg Christoph Lichtenbergs Vorlesungen waren Hunde nicht erlaubt. Heinrich Heine ist aus dem „Pandektenstall“, einem zum Vorlesungsgebäude umfunktionierten Pferdestall „die letzte Zeit nicht herausgekommen“, erste Vorlesungen begannen um fünf Uhr morgens. Und vor Johann Christoph Gatterers Wohnhaus lehnten die Studenten auf Leitern an den Fenstern, um mitverfolgen zu können, was im Innern gelesen wurde - „Fensterln an der Arbeitsuniversität“.

Zu jedem Stundenschlag strömten in Göttingen, zitiert Aufgebauer aus Aufzeichnungen von 1796, Studenten von einem Haus zum anderen, sie besuchten die Vorlesungen, die ihre ordentlichen Professoren in ihren privaten Räumen abhielten. Aus dem nebenliegenden Studierzimmer traten Professoren  ans Katheder und lasen, vier Stunden öffentlich und kostenlos – eher aus wenig attraktiven Randgebieten – , und in Collegia Privata und Privatissima, einem exklusiven kleinen Kreis vorbehaltenen Veranstaltungen, gegen ein Lehrgeld.

Für die Unterhaltung der Räume waren die Professoren selbst zuständig, gut besuchte Vorlesungen von Juristen oder berühmten Lehrenden mit 200 bis 300 Hörern verlangten nach den entsprechenden Räumlichkeiten, zumal im Auditorium des Kollegienhauses nie gelehrt wurde. Auch die wachsende Bibliothek der Georgia Augusta beanspruchte mehr und mehr Raum, waren es 1736 noch 12000 Bücher, hatte sich die Zahl bis 1800 auf 150000 erhöht, die Paulinerkirche wird Bibliothek, die Collegien müssen weichen.

Grafenbank für Adelige

Aus Briefen vor allem stammt das Wissen, um die Gepflogenheiten in der Universitätsstadt. Lichtenberg beispielsweise las viel, um Geld für seine Instrumente und spektakulären Versuche zusammenzubekommen. Für Adlige gab es eine eigene Grafenbank, die mit dem doppelten Lehrgeld zu bezahlen war. Johann Matthias Gessner ließ seine Tochter hinter einem Vorhang seinen Lateinvorlesungen beiwohnen, manchmal allerdings schlief sie ein und purzelte hervor und in den Saal. 

80 bis 120 Häuser sind bekannt, in denen Lehrbetrieb stattgefunden hat, die meisten lagen innerhalb des Walls, so Aufgebauer. Das Modell des Privatraumes wurde in Göttingen lange beibehalten, während die meisten anderen Universitätsstädte auf Kloster, Fürstensitze oder ähnliches zurückgriffen, war es hier besonders für neu berufene Professoren schwierig, einen passenden Raum zu finden. Dies führte letztendlich zum Bau des Auditoriums am Weender Tor im Jahr 1866, der letzten von Georg V. begleiteten baulichen Maßnahme, bevor der preußische Staat zuständig wurde.

Von Tina Lüers