Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Bleibt das finnisch-ugrische Seminar in Göttingen erhalten?
Campus Göttingen Bleibt das finnisch-ugrische Seminar in Göttingen erhalten?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:00 18.07.2019
An der Sub in Göttingen gibt es eigens einen Fachinformationsdienst für das finnougrische Seminar. „Der sammelt für die ganze Republik“, sagt Prof. Eberhard Winkler. Quelle: Christina Hinzmann
Anzeige
Göttingen

Ausgefallen, spezialisiert und selten: Das finnougrische Seminar an der Universität Göttingen kann als Orchideenfach gelten. Bereits seit dem 18. Jahrhundert hat die Lehre der Sprachen in Südniedersachsen Tradition. Doch nun droht das Ende: Der Lehrstuhl könnte im Jahr 2023 nicht neu besetzt werden. Die Studierenden wehren sich mit einer Petition.

„Wir haben innerhalb kurzer Zeit 1000 Stimmen erreicht“, sagt Maike Lock von der Finno-Ugristik-Fachgruppe – und das, obwohl nur etwa 20 Studierende für das Nischenstudium eingeschrieben sind. Durch internationale Beziehungen zu anderen Universitäten habe die Petition viel Zuspruch erhalten. Aber auch Studierende aus anderen Fächern zeigten sich solidarisch.

„Uns geht es schlecht im Moment“

Nur dreimal gibt es den Studiengang bundesweit. „Wir sind das älteste und bedeutendste Seminar in Deutschland“, sagt Prof. Eberhard Winkler. Er hat seit dem Jahr 2002 den Lehrstuhl in Göttingen inne. „Uns geht es schlecht im Moment, das ist unstrittig“, gibt er zu. Vier Lehrkräfte betreuen die kleine Gruppe Studierender, die einen finnougrischen Bachelor- oder Masterabschluss anstreben. Studienanfänger schrieben sich lieber in Fächer wie Jura ein. In der Finnougristik seien die Berufsaussichten schmal: „Viele sagen, da mache ich eher was Solides.“

Dabei decke das Fach die Einzigartigkeit der Sprachen ab, meint Lock. Außer Finnisch, Estnisch und Ungarisch stünden zwölf weitere kleine und teils bedrohte Sprachen im Fokus der Studien. „Daher ist es nochmal ein wichtigeres Fach.“

Fakultät ist strukturell unterfinanziert

Doch Winkler plant, in Pension zu gehen. Sollte seine Stelle nicht wiederbesetzt werden, müsse der Studiengang schließen. Dabei gebe es eigentlich genug Nachwuchs, meint der Wissenschaftler. Aber: „Es ist nicht so, dass sie ihn aus heiterem Himmel zumachen.“ Die Fakultät ist strukturell unterfinanziert, sagt Universitätssprecher Thomas Richter.

Für die Fachgruppe ist das kein Argument. „Philosophische Fakultäten sind generell schwach finanziert“, kritisiert Lock das zuständige Land. Dabei sei das Lehren von soziokultureller Kompetenz wichtig, „um mit dem Rest der Welt klar zu kommen“. Doch die kleinen Sprachen seien schwer zu lernen – und Englisch reiche auch im Nordosten Europas meist aus.

Erhaltung von kleinen Fächern ist Anliegen der Universität

„Die großen finnisch-ugrischen Länder in der EU haben eingebüßt“, sagt Winkler. Während früher Skispringer und Handyhersteller aus Finnland bekannt waren, sei das Land heute in den Hintergrund gerückt. Und: „Ungarn hat wirklich schlechte Presse“, sagt er. Allerdings sei es gerade in der heutigen Zeit wichtig, in der sich Europa wieder polarisiere und die Regionen an der Grenze zu Russland im Fokus stehen, die Landessprachen zu verstehen. Viele Journalisten berichteten aus Ungarn, jedoch nicht einmal Ungarisch sprechen.

„Kleine und seltene Fächer gehören zur historischen Identität der Philosophischen Fakultät“, unterstreicht Richter, „ihre Erhaltung ist der Universität und der Fakultät ein wichtiges Anliegen.“ Dennoch sei die Nachfrage seit vielen Jahren sehr gering. Das mögliche Schicksal der Finnougristik traf bereits vor vier Jahren das kleine Seminar Klassische Indologie, dessen Professur im Jahr 2026 nicht wiederbesetzt wird.

Entscheidung auf Fakultätsratssitzung im Herbst vertagt

„Wir rühren die Werbetrommel so gut es geht“, sagt Lock. Doch ihr Professor betont, dass neue Ideen nötig sind, um die Lehre zu erhalten. „Wenn man die Attraktivität erhöhen will, muss man sich in größeren Verbünden zusammenschließen“, sagt er und schlägt Regionalstudien wie Nordeuropastudien vor. Bei der Bachelorstudentin stößt seine Idee auf wenig Anklang. „Die große Vielfalt, die immer von der Uni betont wird, fällt weg“, meint sie.

Ob Winklers Professur im Jahr 2023 wiederbesetzt wird, ist noch offen. In einer Sitzung am Mittwoch vertagte der Fakultätsrat die Frage auf den Herbst. Dann könnte über die Zukunft der Göttinger Finnougristik entschieden werden. Ihr Studium abschließen können nach Richters Angaben alle derzeit eingeschriebenen Studierenden. Ihre Petition will die Fachgruppe dennoch aufrechterhalten.

Die Finno-Ugristik

Die Sprachen auf dem Lehrplan des finno-ugrischen Seminars der Universität Göttingen finden sich in einer Nische. Sie gehören nach Angaben der Universität zu den uralischen Sprachen.

Außer den drei großen finno-ugrischen Sprachen, also Estnisch, Finnisch und Ungarisch, lernen die Studierenden über die Kultur, insbesondere die lappische Folkloristik, der Finno-Ugrier. Dass sie dafür zwei der drei zentralen Sprachen sprechen, ist Vorgabe. Landeskundliche, kulturelle und literaturwissenschaftliche Kurse begleiten die historischen und synchronen Grammatikeinheiten und Vergleiche der einzelnen Sprachen. Auch die Wissenschaftsgeschichte ist Teil des Lehrplans.

Die Studierenden können einen Bachelor- oder einen Masterabschluss erwerben und an Auslandssemestern des Erasmus-Programms teilnehmen. Der Bachelorstudiengang am finno-ugrischen Seminar ist zulassungsfrei.

Von Norma Jean Levin

Die Präsidentin der Universität Göttingen, Ulrike Beisiegel, geht zum 30. September in den Ruhestand. Das teilte sie am Donnerstag mit. Drei Monate früher als zuletzt angekündigt endet damit ihre Amtszeit.

19.07.2019
Göttingen Sonderveranstaltung zum Jubiläum Mondlandung: Planetariumsshows bei Uslar

Vor 50 Jahren landeten erstmals Menschen auf dem Mond. Der Förderkreis Planetarium Göttingen feiert das Jubiläum mit einer Sonderveranstaltung im Planetarium auf Gut Steimke bei Uslar.

18.07.2019

Um das Recht auf den eigenen Tod und die Rolle der Ärzte dabei geht es bei einer Podiumsdiskussion am Donnerstag, 18. Juli, um 16.15 Uhr im Zentralen Hörsaalgebäude 009 in Göttingen.

17.07.2019