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Göttingen Wie sieht die Studentenbude der Zukunft aus, Herr Magull?
Campus Göttingen Wie sieht die Studentenbude der Zukunft aus, Herr Magull?
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15:22 02.08.2019
Jörg Magull, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Studentenwerks Göttingen. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Wie sehr haben sich Studierende verändert, welche Werte prägen sie heute? Wie sieht die Studentenbude der Zukunft aus und warum wohnen Studenten nur in einem kleinen Teil der Göttinger Innenstadt? Dazu nimmt Jörg Magull, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Studentenwerks Göttingen, im Tageblatt-Sommer-Interview Stellung.

Fangen wir gleich mit dem aktuellsten Thema an – dem Wechsel an der Uni-Spitze: Welche Folgen hat der für das Studentenwerk?

Der Präsident, die Präsidentin, ist kraft Amt Vorsitzender unseres Stiftungsrates. Der Stiftungsrat entscheidet zum Beispiel über den Anstellungsvertrag der Geschäftsführung, über den Jahresabschluss, über den Wirtschaftsplan und Ähnliches. Insofern ist das für uns schon sehr wichtig, dass derjenige, diejenige, die das Amt innehat, sich mit dem Studentenwerk identifiziert. Wir sind gespannt auf das, was auf uns zukommt, weil Lüneburg bislang kein eigenes Studentenwerk hat, sondern dem Studentenwerk Ost-Niedersachsen in Braunschweig zugeordnet ist.

Wir haben in Göttingen die in Niedersachsen einmalige Situation, dass ein Studentenwerk nur einem Hochschulstandort zugeordnet ist. Was auch eine andere Identifikation ermöglicht.

Wollen Sie die Geräuschkulisse um den Wechsel, um die Personalie Spoun kommentieren?

Viele denken immer, das Studentenwerk gehöre zur Universität. Dem ist nicht so. Dementsprechend glaube ich, dass wir gut beraten sind, dieses intensiv zu verfolgen, aber öffentlich nicht zu kommentieren. Nichtsdestotrotz, glaube ich, wäre es jetzt gut, wenn alle nach vorne gucken würden und sich dem widmen, was in den nächsten Jahren auf die Universität und den Hochschulstandort zukommt.

Frommer Wunsch, der ist nicht in Erfüllung gegangen: Es haben sich 45 Professoren gemeldet, um ihren Unmut über die Personalie auszudrücken.

Trotzdem bleibe ich erst mal bei meiner generellen Feststellung.

Die Nachfrage musste sein, und Sie haben das Recht, nicht zu antworten.

Damit hatte ich auch gerechnet.

Sommerinterview mit Jörg Magull vom Studentenwerk Göttingen. Quelle: Niklas Richter

Kommen wir zu etwas Unverfänglicherem. Sind Studenten heute anders?

Als zu der Zeit, als ich angefangen habe im Studentenwerk, vor zehn, elf Jahren? Ja, sie sind anders. Sie sind sehr anspruchsvoll in der Hinsicht, dass sie sehr genau fragen: warum ist das so, wieso ist das so? Wir hatten zum Beispiel mit den Studierenden eine Diskussion, wie wir die Umbauphase der Nordmensa gestalten. Wir hatten erst die Idee, Einweggeschirr in den zwei Jahren zu benutzen, weil das für uns logistisch einfacher gewesen wäre. Das wurde rundweg abgelehnt. Ich glaube, vor zehn Jahren hätte sich die Frage so gar nicht gestellt.

Das Wertebewusstsein ist extrem angestiegen. Wir werden zum Beispiel ab 1. Oktober alle Schweineprodukte durch ein sogenanntes Strohschweinangebot regionaler Anbieter hier aus der Ecke ersetzen: kurze Transportwege, faire Aufzuchtbedingungen, also fairer als jetzt. Aber, das ist im Einkauf teurer. Wir haben das jetzt zweimal getestet, es hat null Gemecker gegeben. Im Gegenteil: Es wurden mehr Schweineprodukte verkauft als vorher. Die Leute haben ganz bewusst wahrgenommen, dass wir hier andere Werte transportieren. Das wäre vor zehn Jahren so auch nicht durchgelaufen.

Ist diese veränderte Anspruchshaltung auch bei den Unterkünften erkennbar?

Als ich studiert habe, war die WG das Nonplusultra bei der Wohnform. Das ist jetzt vorbei. Man will für sich sein. Natürlich, wenn ich erst im Oktober ein Zimmer kriege, weil ich im Nachrückverfahren bin, nehme ich alles, was ich kriege. Die Bewerbungen für Einzelzimmer sind doppelt so hoch wie für WG-Zimmer. Dieser Trend verfestigt sich seit Jahren und steigt sogar an. Deswegen bauen wir oben im Norden, an der Lutterterrasse, Einzelapartments. Sonst haben wir im Norden nur WGs.

Wie hoch ist der Bedarf insgesamt zu beziffern?

Wir haben im Augenblick eine Warteliste von 2200 Leuten. Und die Zusagen für die Numerus-Clausus-Fächer sind noch gar nicht raus. Für die zulassungsfreien sind die Zahlen auch noch nicht raus. Es ist überraschend, wie hoch das ist: Von den 2200 haben 1500 erklärt, sie wollen gerne zum 1. Oktober einziehen. Eine sehr hohe Zahl.

Warteliste 2200 heißt, das sind tatsächlich 2200, für die Sie noch keinen Wohnraum haben, oder für die noch Wohnraum zugewiesen werden kann?

Da wird noch zugewiesen, das sind etwa 500 bis 600, weil die bisherigen Bewohner erst mal ausziehen müssen, das passiert ja erst.

Rein rechnerisch haben Sie noch einen Überhang von etwa 1500.

Mindestens. Wir müssen erst mal abwarten. Wenn die Zulassungen rausgehen, kommt der ein oder andere ja erst auf die Idee, sich mit Göttingen zu beschäftigen.

Wie weit planen Sie langfristig? Wie weit sind Ihre Planungszeiträume bezüglich Wohnraum gesetzt?

Wir haben früher mal angefangen, in Zehnjahreszeiträumen zu planen, das war aber vollkommen illusorisch, weil sich so viel ändert in der Zeit. Wir gucken jetzt immer nur fünf Jahre nach vorn. Vor dem Hintergrund gestiegener Baupreise und Ähnlichem macht alles andere keinen Sinn. Sämtliche Kalkulationen, die man anstellt, werden doch sofort über den Haufen geschmissen. Wir müssen ja auch finanzieren können.

Betrachtet auf diese fünf Jahre: Welchen Wohnraumbedarf haben Sie ermittelt?

Wir bauen jetzt die Lutterterrasse, 264 Plätze. Darüber hinaus ist jetzt erst mal kein weiterer Neubau vorgesehen, weil wir kein Grundstück mehr haben, auf dem wir bauen könnten. Da könnte es vielleicht noch Veränderungen geben, aber das müssen wir sehen. Ansonsten steht das Thema Sanierungen ganz im Vordergrund.

Baut das Studentenwerk nur in der Stadt oder auch im Landkreis?

Wir sind nur im Stadtgebiet aktiv.

Warum?

Im Göttinger Statistischen Informationssystem gibt es in der Statistik Übersichten, wo Studierende in Göttingen wohnen. Das fängt an der Bürgerstraße als südliche Spitze an und zieht sich in einem ganz schmalen Korridor bis nach Weende hoch. Dann ist schon wieder Schluss. Und es ergibt natürlich auch keinen Sinn, wenn ein Bus nur einmal in der Stunde fährt. Oder abends vielleicht ab 22 Uhr gar nicht mehr. Wir haben häufig Anfragen aus Northeim, Hann. Münden, Friedland – das lehnen wir alles ab. Selbst Geismar ist weit weg. Dort hatten wir mal ein schönes Projekt, „Wohnen für Hilfe“ mit dem GDA Wohnstift, bei dem wir, als es das Semesterticket noch nicht gab, die Busfahrkarte regelrecht dazuschenken mussten. Und dann hatten wir vielleicht zwei Leute, die gesagt haben: Ja, das machen wir.

Das Thema Entfernung zum Campus, das Thema Entfernung zum Innenstadtbereich ist sehr wichtig. Ist ja auch klar, wenn ich zum Beispiel im Studienlernzentrum arbeiten möchte, kann ich nicht noch zwei Stunden unterwegs sein. Deswegen sind auch Grone und Geismar vollkommen uninteressant.

Wäre das Problem lösbar, wenn öffentlicher Personennahverkehr anders organisiert wäre als das bislang der Fall ist?

Seit ein paar Jahren ist das Busticket im Semesterausweis drin. Die Kostenseite ist erst einmal außen vor. Dann geht es praktisch nur um die Taktung. Aber man hat es seit der Fahrplanumstellung sogar in Bovenden hingekriegt, dass die Halbstundentaktung in eine Stundentaktung umgewandelt wurde, weil man es nicht geschafft hat, RBB und Stadtbuslinie aufeinander abzustimmen.

Gibt es einen Vorstoß seitens des Studentenwerks, mit Stadt, Landkreis, GöVB zu reden, um Einfluss zu nehmen?

Wir sind mit im Ausschuss Wirtschaft und Hochschule vertreten, den die Stadt Göttingen initiiert hat. Dort thematisieren wir das. Aber unser Einfluss ist an der Stelle sehr begrenzt. So eine Fahrplanung, man stellt sich das als naiver Mensch immer so einfach vor, braucht einen Vorlauf von mehreren Jahren. Die muss ja auch genehmigt werden.

Andererseits ist das Phänomen offensichtlich nicht ganz neu.

Natürlich.

Gäbe es außer Sanieren im Bestand, da es keine weiteren Grundstücke gibt, andere Modelle, die für das Studentenwerk bezüglich Wohnraum interessant sind?

Wir werden keinen Wohnraum anmieten, weil das Ganze letztendlich zu teuer wird. Es ist klar: Derjenige, dem die Immobilie gehört, will etwas verdienen. Dann kommt unsere Verwaltungspauschale oben drauf, das wird einfach zu teuer. Dann lieber direkt.

Im Augenblick ist die Situation so: Wir müssten das Studentendorf sanieren, 400 Wohnheimplätze, mit einer sehr lockeren Bebauung. Dort würde sich das Thema Nachverdichten anbieten. Das gilt im Baugesetzbuch sowieso als erste Priorität, bevor man neue Flächen versiegelt. Wir wissen aber aufgrund der Bauvorhaben B-Planänderungen Nonnenstieg, dass das mitunter sehr kompliziert sein kann, um es vorsichtig zu formulieren. Dementsprechend werden wir dort erst mal ein Quartierskonzept entwickeln und versuchen, das mit den Anliegern und der Stadt abzustimmen, und werden uns dann auf den Weg machen.

Das Ganze wird noch verkompliziert, weil das Grundstück, das sehr sehr groß ist, der Klosterkammer gehört und der Erbbauvertrag 2039 ausläuft. Wenn wir 2025 anfangen zu bauen und Kredite aufnehmen, wollen die Banken natürlich etwas zur Laufzeit wissen und: Gehört euch das überhaupt? Das heißt, wir müssen vorher den Erbbaupachtvertrag verlängern. Das bedeutet aber, dass die Bezugsgröße für den Erbbauzins von fünf D-Mark pro Quadratmeter auf 370 Euro pro Quadratmeter springt. Das heißt, die Miete wird dann alleine schon um 60 Euro pro Platz steigen.

Könnte eine interessante Diskussion mit den Studenten werden.

Eben. Wir sind an der Klosterkammer dran, und das Gute ist, die Rechtsaufsicht der Klosterkammer ist das Ministerium, das auch unsere Rechtsaufsicht ist, das Wissenschaftsministerium. Ich werde dort ganz energisch das Gespräch suchen, dass man bitte hier mal eine andere Lösung findet. Es kann ja nicht sein, dass sich auf der einen Seite die Finanzhilfe nicht ändert, auf der anderen Seite das Land sagt, die Klosterkammer muss nach der Landeshaushaltsordnung eben Geld abliefern, Punkt. Das ist übrigens eines der wenigen Grundstücke, das die Klosterkammer an ein Studentenwerk gegeben hat. Da muss es eine andere Lösung geben. Alles andere wäre vollkommen absurd. Das heißt, wir würden versuchen, aus 400 Wohnheimplätzen 800 zu machen. Das bedeutet ein Mindestinvestitionsvolumen von 40, 50 Millionen Euro.

Das ist auch für das Studentenwerk Göttingen ein relativ großer Schluck aus der Flasche.

Das, was wir in den nächsten fünf Jahren vorhaben, ist schon ein Riesenschluck aus der Pulle. Und die Nachverdichtung im Studentendorf käme noch mal oben drauf. Wir bewegen uns langsam dorthin, wo die „normalen“ städtischen Wohnungsbaugesellschaften und Wohnungsgenossenschaften sind. Dass wir eben eine sehr niedrige Eigenkapitalquote haben werden, im Verhältnis zu dem, wie wir es bislang hatten, und wir immer unterstellen müssen, dass wir voll vermieten. Sonst wird’s auf einmal kritisch.

Haben Sie Zweifel, dass das auf Dauer der Fall sein wird?

Im Augenblick sind unsere Angebote so strukturiert, dass sie nah am Campus und damit immer voll vermietet sind. Deswegen bin ich auch so vorsichtig mit Landkreis und Ähnlichem. Deswegen Lutterterrasse, mit Blick auf die Mensa, mit Blick auf Mikrobiologie, Informatik, Chemie, Geowissenschaften. Ich falle aus dem Zimmer und kann in den Hörsaal.

Sie haben recht: Das wird mit der Klosterkammer und dem Land eine interessante Diskussion geben. Aber, da muss es eine Lösung geben. Alles andere wäre vollkommen absurd.

Wie sieht die Studentenbude der Zukunft aus?

Wenn wir das wüssten. Es gibt Programme, auch vom Bund, eine Modellstudie, in der gesagt wird, plant doch mal flexiblen Wohnraum: Heute WG, morgen Einzelzimmer. Das ist natürlich ein bisschen sehr akademisch. Man nimmt mal schnell Wände raus, verschiebt Sanitäranlagen, das geht natürlich nicht. Ich glaube, die Bude wird immer stärker zum Lernort. Ich glaube aber auch, die Präsenzuniversität wird es auch noch in 30 Jahren geben. Zu glauben, alles wird virtuell stattfinden, mit Video und weiß der Kuckuck was es dann noch alles gibt: Ich glaube das nicht.

Die Universität ist neben der Katholischen Kirche eine der ältesten Institutionen, die es auf der Welt gibt. Ich glaube, die Präsenzlehrveranstaltung wird immer ihre Bedeutung behalten. Was Harvard und Stanford jetzt ausprobiert haben mit diesen Open-Online-Kursen, an denen Millionen teilnehmen, führte dazu, dass hinterher 80 Prozent durchgefallen sind. Man hat aber die Gebühren kassiert. Das passt nicht zu Deutschland. Die fahren das auch wieder runter.

Also, die Präsenzhochschule wird immer da sein. Aber der Lernort Zimmer mit dem Hochgeschwindigkeits-Internetanschluss, mit einer lückenlosen WLAN-Versorgung, egal, wo ich bin, weil ich mit meinem mobilen Endgerät sofort recherchieren kann, Seminarunterlagen ansehen kann – das wird eine Riesenbedeutung haben. Die Frage nach WLAN höre ich in unseren Wohnheimen, wenn ich sie besichtige, immer als Erstes: Das WLAN ist zu schwach. Das ist immer das Erste, jetzt schon. Und das wird sich verstärken.

Ich glaube, der Lernort im Wohnheim wird stärker genutzt sein als früher, aber die Präsenzuniversität wird immer noch ihre Berechtigung haben. Was für uns als Studentenwerk überhaupt die Herausforderung ist: Wenn das mal nicht mehr so wäre, würde sich auch die Frage Mensa sofort anders stellen. Denn, wenn es keine Präsenzuniversität mehr gibt, brauche ich natürlich auch keine Mensa mehr.

Wenn wir jetzt die Nordmensa sanieren und dort 20 Millionen Euro investieren, und das hat eine Abschreibung von 50 Jahren, muss ich heute, Stand 2019, unterstellen, dass ich die Abschreibung in 50 Jahren noch verdiene. Und nicht, dass die Hochschule auf einmal nur noch online stattfindet. Das ist jetzt der Wechsel auf die Zukunft.

Da fehlt tatsächlich ein bisschen die Fantasie sich vorzustellen, wie Universität komplett virtuell stattfinden soll. Andererseits, 50 Jahre ist ein Zeitraum, den zu prognostizieren, immer mutig ist.

Überlegen Sie mal, vor 20 Jahren hätten Sie auch nicht ans iPhone, iPad gedacht.

Stimmt.

Aber, wenn ich interaktiv um Wissensvermittlung ringe, ist eine Präsenzveranstaltung immer noch das A und O. Weil ich sofort auf Emotionen reagieren kann. Ich könnte in einem Hörsaal Abstimmungsmöglichkeiten schaffen, nach dem Motto, ich habe gerade einen komplizierten Sachverhalt: Erkläre, drückt doch mal schnell drauf, habt Ihr das verstanden? Wenn nicht, kann ich noch mal von vorne anfangen. Das ist online natürlich technisch alles möglich, aber ungleich komplizierter.

Deshalb sehen wir auch zu, dass wir uns mit unseren Cafeterien möglichst dezentral in der Breite aufstellen, weil wir merken: Zwei Stunden Vorlesung, zwei Stunden Pause, zwei Stunden Vorlesung. Sie kommen zu uns, es gibt bei uns keinen Verzehrzwang, sie sitzen in Gruppen zusammen, machen zusammen noch ein paar Aufgaben, sprechen miteinander. Wenn das alles online wäre, das wäre ja fürchterlich.

Ja, wäre auch ein bisschen klinisch. Aber das ist ein schönes Stichwort: Wie digital ist das Studentenwerk?

Wir haben ungeheuren Nachholbedarf. Wir haben zwar eine Mensa-App mit Speiseplan, aber das lockt heute keinen mehr hinterm Ofen hervor. Wir bedienen inzwischen auch Instagram. Ja, toll. Wir haben uns jetzt auf die Fahne geschrieben, in den nächsten zwei bis drei Jahren sämtliche Prozesse, die mit unseren Kunden stattfinden, das sind die Studierenden, so zu stricken, dass ich die alle mit einem mobilen Endgerät bewältigen kann. Das hört sich erst mal ein bisschen abstrakt an. Aber: Wasserhahn im Zimmer tropft, Waschbecken ist kaputt, Meldung, am nächsten Tag kommt einer, baut ein, und so weiter. Das hat natürlich intern einen ungeheuren Veränderungsprozess angestoßen. Digitalisierung im Unternehmen ist mit viel Arbeit und mit viel Geld verbunden. Das gibt es nicht zum Nulltarif.

Ich habe meinen Leuten gesagt und ihnen auch hoch und heilig versprochen: Der Schuss muss sitzen. Wir werden keine digitale Infrastruktur schaffen, die wir ein Jahr später wegschmeißen müssen, weil sie nicht funktioniert. Denn es muss von der Schadensmeldung bis zur Abrechnung, bis zum Rechnungs-Flow, muss alles ineinandergreifen. Das muss funktionieren.

Hört sich aber nach einem relativ komplizierten System an, das ein bisschen mehr braucht als nur eine App.

Das ist so. Das bedeutet innerbetrieblich: Prozesse müssen auf den Prüfstand gestellt werden. Ich habe gesagt, hinterher muss alles zehnmal schneller funktionieren als vorher. Sonst sagt der Kunde: na toll. Sie erwarten heutzutage die Reaktion sofort. Das heißt: Auch datenschutzrechtliche Fragen müssen vorher geregelt werden. Zum Beispiel: Können, dürfen wir eine Sozialberatung auch per WhatsApp machen? Es gibt ja schon große Hochschulen, die auch Studienberatung über WhatsApp machen. Das heißt, diese Fragen kann man regeln. Es bedeutet auch, dass Hierarchien im Unternehmen so gestaltet werden müssen, dass Prozesse sehr schnell durchlaufen.

Für all das in seiner Gesamtheit: Gibt es dafür eine Blaupause?

Es gibt Blaupausen aus der Wohnungswirtschaft, wo ich zum Beispiel bei einer Wohnungsabnahme auf einem Tablet den Mietvertrag unterschreibe. Komme ich nach Hause, habe ich ihn schon im E-Mail-Postfach. Es gibt auch Methoden, wo ich zum Beispiel bei einer Zimmerübernahme als Hausmeister anklicke, das und das ist kaputt und das wird sofort bestellt und am nächsten Tag eingebaut. Das gibt es alles. Wir müssen das nur so zusammenführen, dass es für uns passt.

Was bedeutet das mit Blick auf Ihre Mitarbeiter im Studentenwerk?

Das bedeutet Schulungsbedarf, Weiterqualifizierung. Deswegen haben wir zum Beispiel einen permanent eingerichteten internen EDV-Schulungsraum geschaffen, in dem die EDV nicht mehr ständig alles auf- und abbauen muss. Dort kann man sich einfach einbuchen, als Abteilung oder abteilungsübergreifend. Und wir haben uns einen externen Berater dazu geholt, der uns nur in der Frage Facility-Management-Software berät. Als Nächstes steht Dokumenten-Management an. Und für die Mensa-App sind wir dabei, sie konzeptionell zu einer sogenannten Studentenwerks-App aufzubohren, in der praktisch sämtliche Angebote, von Kultur über Bafög und natürlich der berühmte Speiseplan transportiert werden.

Wie lange haben Sie sich dafür Zeit genommen?

Ich habe erst mal sportlich zwei Jahre gesagt, und dann haben alle erst mal Schnappatmung gekriegt und na ja: Das wird schon länger dauern.

Sagen Sie fünf Jahre, dauert es sieben.

Wir haben uns jedenfalls auf den Weg gemacht. Das ist das Entscheidende. Alle haben es verstanden: Wir sind abhängig von den Studierenden, weil es uns ohne Studierende nicht gäbe. Wenn der Studierende sagt, ich möchte mit dir mobil, online und schnell kommunizieren, dann müssen wir uns dem stellen. Denn, wenn wir uns von den Studierenden entfernen, entfernen wir uns von unserer Existenzgrundlage. Das darf unter gar keinen Umständen passieren.

Das heißt, was wir jetzt zum Beispiel schon implementiert haben, da machen wir uns schrittweise immer stärker auf den Weg, dass man, wenn man gegessen hat, das Essen sofort in der App beurteilen kann. Der Küchenleiter kriegt das gleich rein, kann eine Stunde später gucken, wie der Tag war – aha, da kann ich schon mal nachsteuern.

Von all diesen Aufgaben, die Sie beschrieben haben, von Wohnungsvermietung über Beratung bis zur Beköstigung von Studierenden: Welche der Aufgaben, die das Studentenwerk in Göttingen wahrnimmt, halten Sie für unterbewertet? Oder: Was müsste Ihrer Meinung nach stärker in den Fokus gerückt werden?

Unsere Aufgaben, die wir in Niedersachsen wahrnehmen, sind gesetzlich definiert. Insofern bewegen wir uns auf einem gesicherten Fundament. Da ist die Beratung dabei, da ist das Wohnen dabei, Kultur, CampusGastronomie, alle gesetzlich normiert. Wir stellen im Augenblick fest, dass viele Angebote, die früher nur randständig gelaufen sind, zum Beispiel die psychosoziale Beratung und das Kulturangebot, sehr stark nachgefragt werden. Interessanterweise sind Tanzkurse ausgebucht, Fotokurse ausgebucht, ganz erstaunlich. Und die psychosoziale Beratung erlebt einen Boom, da haben wir Zuwachsraten, die sind in Prozentzahlen teilweise zweistellig.

Worauf führen Sie das zurück?

Die Einführung der gestuften Studiengänge Bachelor und Master hat dazu geführt, dass der Leistungsdruck, ob es nun der echte oder gefühlte ist, spielt überhaupt keine Rolle, teilweise schon im ersten Semester einsetzt. Bestimmte Prüfungen darf man nur dreimal machen. Früher im Diplomstudiengang hat das keinen Menschen interessiert, da waren Vordiplom und Diplom entscheidend. Die Klausuren dazwischen haben keinen interessiert.

Jetzt kann es sein, dass man im ersten Semester, Mathematik für Naturwissenschaftler, unter Umständen vielleicht beim dritten Versuch gesagt bekommt, das war es nicht, und dann darf man dieses Fach bundesweit nicht mehr studieren. Wenn hinzukommt, ich bin von zu Hause weggezogen, habe Stress in der Beziehung – das hat nichts mit der Universität Göttingen zu tun, weil das an allen Hochschulstandorten beobachtet wird: Die Studentenwerke sind manachmal die Reparaturbetriebe dieser gestuften Studiengänge. Es war vom Gesetzgeber gewünscht, dass die Prüfungen kleinteiliger sind.

Halten Sie es für einen Fehler, dass wir diesen Weg beschritten und das Studium in seinem Fundament verändert haben. Im Vergleich zu der Zeit als wir studiert haben, ist es heute regelrecht verschult.

Ja, das ist für viele ein guter Leitfaden. Früher war es so, dass man sich in Geistes- und Gesellschaftswissenschaften häufig ein wenig alleingelassen gefühlt hat. Der ein oder andere hat das als toll empfunden, keine Frage. Andere hätten doch lieber einen Rahmen bekommen. Ich glaube, der Gesetzgeber hätte Folgendes machen müssen: Als er in die gestuften Studiengänge gegangen ist, hätte er gleichzeitig Beratung und Betreuung finanziell unterfüttern müssen. Und zwar ganz massiv.

Das bedeutet für die Studentenwerke, die bundesweit häufig die psychosoziale Beratung machen, dass wir dort erheblichen Mittelbedarf haben. Das ist bundesweit ein Phänomen. Weil wir als neutral empfunden werden. Wenn das eine universitäre Einrichtung wäre, dann hätte man immer die Angst, – und das hören wir auch, denn zu uns können die Studierenden anonym kommen und einfach sagen, ich habe ein Problem, und wir fragen nicht, wie heißt du – dass das sozusagen vielleicht an denjenigen, der prüft, durchgestochen wird. Diese anonyme Beratung, wenn man denn möchte, ist für viele erst mal überhaupt die einzige Gelegenheit, über Dinge zu sprechen.

Wie viel Bedarf an zusätzlichem Personal oder an Geld haben Sie, um den Aufgaben, die Sie gerade beschrieben haben, nachzukommen?

Als ich angefangen habe, hatten wir in der psychosozialen Beratung eine Stelle, jetzt haben wir sechs.

Vollzeit?

Ja. Und bräuchten insgesamt vielleicht sogar acht oder neun. Wir haben jetzt angefangen, mit Native Speakern auch in Englisch zu beraten, denn mit Schulenglisch psychologische Fragestellungen zu beraten, ist mehr als grenzwertig. Ein Native Speaker hört auf die Untertöne. In der Beratungsnachfrage auf Englisch haben wir Zuwachsraten von teilweise 18 Prozent. Das kann eine Person irgendwann einfach nicht mehr abdecken. Wir haben im Augenblick die Situation, dass die Austauschstudierenden, die internationalen Studierenden, erkennen: Wenn sie sich bei uns beraten lassen, ist das kein Gesichtsverlust. Vor allem, wenn man aus Asien stammt. Das war früher immer mit einem Gesichtsverlust verbunden. Das ist scheinbar vorbei. Ist ja auch gut, dass sie sich die Hilfe jetzt holen.

Da die Internationalisierung der Hochschulen erklärter Wille von Bund und Land ist, wäre es nur folgerichtig zu sagen, okay, dann packen wir mal was dabei.

Kommen wir zu einem ganz anderen Themenkomplex. Nach schwedischem Vorbild geht ein Haufen Schüler freitags auf die Straße. Hat das erkennbar Folgen auf das Umweltverhalten oder auf Ansprüche an das Umweltverhalten der Studierenden in Ihren Bereichen?

Absolut. Ich habe den schönen neuen roten Mehrwegbecher mitgebracht. Der hat einen ungeheuren Schub unter den Studierenden ausgelöst. Wir haben im Augenblick die Situation, dass der Einwegbecher aus Pappe zwar biologisch abbaubar, aber zehn Cent teurer ist. Und auf einmal wird der neue, normale Porzellanbecher viel stärker benutzt. Teilweise sogar so, dass wir auf einmal keine Tassen mehr haben, die alle im Umlauf sind, und wir die Studis auffordern müssen, sie zurückzubringen. Und wir alles, was wir an Vorräten haben, – wir haben noch mal 2000 Tassen zusätzlich herausgegeben – im Umlauf haben. Wir werden zum 1. Januar den Einwegbecher sogar um 20 Cent teurer machen. Das hat in den Gremien null Widerstand ausgelöst. Im Gegenteil, sie haben gesagt: ist richtig.

Die roten Mehrwegbecher sind derzeit gefragt. Quelle: Christoph Oppermann

Erstaunlich, weil wir ansonsten bei jeder Gebührenerhöhung des Studentenwerks, die Sie veröffentlichen, in der Redaktion einen eigenen Beitrag extra für den Protest einplanen können.

Der Kaffeepreis ist immer heilig gewesen. Aber an der Stelle hat’s null Reaktionen ausgelöst, im Gegenteil, alle haben gesagt: richtig.

Wir haben uns jetzt auch vorgenommen zu versuchen, aus den Cafeterien alle in Plastik verpackten Produkte rauszuschmeißen. Mal sehen, wie das klappt. Beim Einwegbesteck haben wir das schon gemacht, ist alles aus Holz. Wir haben jetzt noch Puddings und Salate, die in Plastikblistern drin sind, aber da gibt es bereits andere Methoden, Mehrweg gegen Pfand. Da müssen wir nur die Lieferanten überzeugen, aber der Druck steigt dort genauso. Es gibt jetzt schon in Supermärkten Äpfel, eingepackt in Pappe mit Griff, statt in Folie eingeschweißt. Und Verpackungen für bestimmte andere Produkte sind auch schon durch Papier ersetzt worden. Das wird schneller gehen, als wir uns das vorstellen können.

Wie lange sind Sie schon beim Studentenwerk?

Seit elf Jahren.

Gibt es irgendeine Aufgabe oder einen Job, von dem Sie sagen, hätte ich gern noch mal angefasst oder möchte ich gern noch mal anfassen? Gibt es so gar nicht?

Ich habe bei einer Immatrikulationsfeier, als ich das auch gefragt wurde, den Satz von Franz Müntefering ein bisschen abgewandelt und gesagt, das ist der schönste Job, den man sich vorstellen kann, neben Papst. Das ist so.

Das Gute in Niedersachsen ist, dass die Geschäftsführer keine befristeten Verträge haben, das heißt, man kann wirklich auf der langen Zeitachse planen und handeln. Die ersten Ideen zur Lutterterrasse sind fast zehn Jahre alt. Und im Februar ‘20 ziehen sie ein. Man muss sich mal überlegen, was das für Vorlaufzeiten sind. Da braucht man schon eine lange Perspektive.

Zur Person: Jörg Magull

Jörg Magull, 1963 in Hannover geboren. Abitur 1982 in Heidelberg, ab '82 Chemie-Studium an der Uni Karlsruhe. Promotion 1989, Habilitation 1995. Zwischen 1997 und 2008 war Magull Professor für Anorganische Chemie an der Uni Göttingen, zwischen 2005 und 2008 auch Vorstandsvorsitzender des Studentenwerks Göttingen. Seit 2008 ist er Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Studentenwerks Göttingen. Außerdem ist er seit acht Jahren als SPD-Ratsherr Mitglied im Rat der Gemeinde Bovenden.

Interview: Christoph Oppermann

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Von Christoph Oppermann

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