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11:34 24.09.2018
Sexuelle Identitäten waren Thema auf der Tagung der Sexualforscher in Göttingen.
Sexuelle Identitäten waren Thema auf der Tagung der Sexualforscher in Göttingen. Quelle: R
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Göttingen

Von Freitag bis Sonnabend trafen sich rund 200 Wissenschaftler und Therapeuten in der Universitätsmedizin Göttingen zur 8. klinischen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS). In einer kurzen Podiumsdiskussion, die spontan den Hauptvortrag der erkrankten Anja Hennigsen ersetzte, rissen Dr. Sophinette Becker, Psychoanalytikerin an der Abteilung für Sexualwissenschaft der Universität Frankfurt, Prof. Martin Dannecker, bis 2005 am Institut für Sexualwissenschaft des Klinikums der Universität Frankfurt, der Psychologe und Therapeut Detlef Vetter und die Sexualtherapeutin Annette Schwarte grundlegende Diskussionspunkte der Tagung noch einmal an.

40 bis 50 verschiedene sexuelle Identitäten

Dabei spielten die vielen sexuellen Identitäten eine Rolle. 40 bis 50 verschiedene sexuelle Identitäten seien schnell zu finden auf Facebook. Als ausufernd, unendlich und beliebig bezeichneten die Podiumsteilnehmer dies. Sexuelle Bestätigung komme heutzutage oft nicht mehr durch ein Gegenüber, sondern durch die Gruppe derer, die auch so fühlen. Becker sieht in dem Trend zur Individualisierung der sexuellen Identität auch den Zwang zur Selbstoptimierung. Daraus entstehe dann oft eine selbstkonstruierte sexuelle Identität.

Schwarte ergänzte dies mit einem Fallbeispiel einer unglaublich konstruierten Identität. So etwas sei auch in der Beratung äußerst schwierig, denn das Nichtverstehen des Therapeuten könne beim Klienten eine große Kränkbarkeit erzeugen. Das behindere das therapeutische Gespräch und könne zur Ablehnung führen. Auf der anderen Seiten bleibe beim Therapeuten, das Suchen danach, was der Klient wirklich fühlt, wo er leidet. Und die Erkenntnis, „da komm ich nicht mehr mit“.

Sexuelle Orientierung in Auflösung

Im Verlauf der Tagung waren Fragen nach den vielfältigen Zusammenhängen von Sexualität, Körper und Geschlecht praxisnah gestellt und diskutiert worden. In Workshops waren Themen wie „Welcher Sex macht Angst?“, „Zentrale Herausforderungen an die Sexualaufklärung“, „Sexualität und geistige Behinderung“, „Prostitution“ und „Transgender bei Jugendlichen“ diskutiert worden. Becker hatte sich in einem der Hauptvorträge mit dem Thema „Geschlecht und sexuelle Orientierung in Auflösung – was bleibt“ beschäftigt.

Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) wurde 1950 auf Initiative von Hans Giese mit dem Ziel gegründet, die Sexualwissenschaft in Forschung, Lehre und Praxis zu fördern. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die größte deutsche Fachgesellschaft für Sexualwissenschaft. Die Mitglieder der DGfS kommen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen. Neben Ärzten, Psychologen und Psychoanalytikern sind dort auch Soziologen, Juristen und Kulturwissenschaftler organisiert.

Von Christiane Böhm