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Göttingen Treffen im September: 50. Deutscher Historikertag in Göttingen
Campus Göttingen Treffen im September: 50. Deutscher Historikertag in Göttingen
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20:05 14.04.2014
Brandenburger Tor im Dezember 1989: Im wiedervereinten Deutschland galt bald das Prinzip Rückgabe vor Entschädigung – unter Betroffenen je nach Interessenlage nicht unumstritten. Quelle: EF
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Göttingen

Um Fragen dieser Art geht es beim 50. Deutschen Historikertag vom 23. bis 26. September in Göttingen, zu dem bis zu 3500 Teilnehmer erwartet werden. Der Kongress, eine der größten geisteswissenschaftlichen Tagungen Europas, steht unter dem Motto „Gewinner und Verlierer“. Schirmherr ist der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, das Partnerland ist Großbritannien.

Den Eröffnungsvortrag hält Bundespräsident Joachim Gauck am 23. September in der Göttinger Lokhalle.

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Die Jubiläumstagung der Historiker nimmt die zahlreichen Gedenktage des Jahres 2014 – Erster Weltkrieg 1914, Zweiter Weltkrieg 1939,  deutsch-britische Personalunion 1714, Mauerfall 1989 – zum Anlass, die im Laufe der Zeit veränderte Bewertung historischer Gegebenheiten zu überdenken.

Rückgabe vor Entschädigung

Hauptthema der Tagung sei es, „Ereignisse in der Geschichte neu zu bewerten“, fasst der Göttinger Historiker Prof. Arnd Reitemeier, Sprecher des Organisationskomitees zur Vorbereitung des Historikertages, zusammen. Rund 360 Referenten werden in 70 wissenschaftlichen Sektionen Beiträge dazu liefern.

Als Beispiel nennt Reitemeier das Prinzip „Rückgabe vor Entschädigung“, nach dem in den Jahren nach 1990 die Eigentumsverhältnisse in der ehemaligen DDR neu geregelt wurden und das vielen Betroffenen später als ein Akt der feindlichen Übernahme erschienen sei. Dass wiederum Enteignungen zuvor der Grund für die Flucht der früheren Eigentümer gewesen seien, werde dabei nicht immer bedacht.

„235 Jahre nach 1989 ist vieles ganz anders zu deuten“, stellt  Reitemeier zu diesem Thema fest. Das Tagungsthema „Sicherheit und Geheimnis in der Demokratie“ sei übrigens deutlich vor den Geheimdienst-Enthüllungen Edward Snowdons formuliert worden. „Manche Aspekte müssen eventuell bis September noch umgeschrieben werden“, mutmaßt Reitemeier.

Verhältnis von Mensch und Tier

Zu den weiteren Themen, die auf dem Historikertag untersucht werden sollen, gehören die Geschichte der Popmusik im 20. Jahrhundert mit ihren zahlreichen Gewinnern und Verlieren, die Fanclubs als Avantgarden zwischen 1950 und 1980, der Vergleich von Tanzspektakeln um 1900 und um 1980 oder „Gelebtes Leben in popkulturellen Selbsterzählungen“.

Auch das Verhältnis des Menschen zum Tier habe sich in der Geschichte erheblich geändert, führt Reitemeier weiter aus und nennt als Beispiel den Ochsen, der bis zur Einführung des Traktors ganz selbstverständlich als Arbeitskraft zum Ziehen des Pflugs eingesetzt war, oder die gezielte Züchtung von Hunden, die gleichsam „modelliert“ würden.

Ein Referent werde sich mit der Frage befassen, was das über die Kultur aussage. Nach der Eröffnung mit dem Festvortrag des Bundespräsidenten Joachim Gauck in der Lokhalle am Dienstag, 23. September, ist am Donnerstag, 25. September, eine Festveranstaltung in der Stadthalle mit Festrednerin Prof. Lyndal Roper von der Universität Oxford angesetzt.

Schülerprogramm zum Historikertag

Dabei wird der veranstaltende Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands auch Preise an Nachwuchswissenschaftler verleihen.

Nicht nur an Wissenschaftler, sondern auch an Schüler richtet sich der 50. Historikertag, den der Historikerverband gemeinsam mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) ausrichtet. Dafür ist ein Schülerprogramm am Mittwoch, 24. September, im ZHG vorgesehen, das sich an Schüler der Sekundarstufe 2 richtet.

Bereits seit 2004 gehöre ein Schülerprogramm zum Historikertag, hebt Benjamin Bühring, Geschäftsführer des Historikertags, hervor. „Vorträge ausgewiesener Experten“, so Bühring, stünden auf dem Programm – etwa zum Thema, wie versteckte Kinder den Holocaust überlebt haben.

„Die Psychologie des Rückzugs“

Als Teil des Doktoranden­forums sei ein „History Slam“ geplant, auf dem junge Wissenschaftler „unterhaltsam, dynamisch und korrekt“ Forschungsergebnisse vermitteln sollten. Abgeschlossen wird der Historikertag am Freitag, 26. September, mit einem Vortrag des Publizisten und Historikers Dr. Wolfgang Schievelbusch zum Thema „Die Psychologie des Rückzugs“.

Das sei insofern ein weithin ausgeblendetes Thema, als Geschichte meist die Geschichte der Gewinner sei und Verlierer weniger im Fokus stünden, wie Bühring betont. Dazu ist ein ausgedehntes Rahmenprogramm vorgesehen.

Anmeldungen für Verbandsmitglieder ab sofort, für alle anderen  ab 15. Mai unter historikertag.de

Von Michael Schäfer