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Göttingen Überraschender Fund: Gargruben der Bronzezeit
Campus Göttingen Überraschender Fund: Gargruben der Bronzezeit
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17:31 15.09.2011
Weit ab vom eigentlichen Verbreitungsgebiet: Gargruben bei Watenstedt. Quelle: Oestreich
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Mit der Einführung des neuen Werkstoffs wandelte sich in der Bronzezeit die Gesellschaft grundlegend: Die Menschen errichteten komplexe Siedlungen, in denen erstmals das Prinzip der Arbeitsteilung gelebt wurde, es etablierten sich Herrscher mit wirtschaftlicher Macht und religiöser Autorität. Seit 2006 erforscht das Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt einen dieser Herrschaftssitze – die Hünenburg bei Watenstedt im Landkreis Helmstedt.

„Sie ist die erste bronzezeitliche Befestigung mit Außensiedlung und lässt Rückschlüsse auf Kommunikation und Mobilität in Europa zu. Die Hünenburg zeigt uns völlig neue Dimensionen in den großen bronzezeitlichen Siedelverbänden auf“, erläutert Projektleiter Dr. Immo Heske. Vor 3000 Jahren stellte die Siedlung am Rand des Nordharzes ein Know-how-Zentrum dar: Funde belegen die Anwesenheit von versierten Metallhandwerkern, die Waffen und Kunstgegenstände aus Bronze produzierten.

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Die Bewohner der Siedlung besaßen eine ausgeprägte spirituelle Vorstellungswelt, wie die jüngst gefundenen Gargruben bekräftigen: „Sie werden interpretiert als Platz der Zubereitung von Speisen im Rahmen von rituellen Zusammenkünften. Die Anzahl deutet auf ein wiederkehrendes Ritual hin“, so Heske. Möglicherweise sei dies im Rahmen von Erntedankfesten geschehen. In einer dreitägigen Grabung im vergangenen Winter konnte schon eine einzelne Gargrube freigelegt werden. Nach den vergangenen Wochen beläuft sich die Anzahl auf mehr als ein Dutzend.

Eine geomagnetische Untersuchung der Fläche zeigte, dass unter der Erde insgesamt etwa 300 der unscheinbaren Steinhaufen zu vermuten sind. Die gewonnenen Kenntnisse deuten darauf hin, dass sich an der Hünenburg eine große Bevölkerungsgruppe zusammenfand. Die Gargruben geben den Archäologen Rätsel auf: „Sie treten weit ab des eigentlichen Verbreitungsgebiets auf“, betont der Grabungsleiter. Die Gargruben sind ein Phänomen, das in Deutschland bislang nur aus dem westlichen Ostseegebiet bekannt war. Laut Heske kann so ein Brauch jedoch nicht einfach importiert worden sein.

Weshalb sind die Gargruben also plötzlich auch am Rand des Nordharzes zu finden? Noch konnte auf diese Frage keine eindeutige Antwort gefunden werden, doch spricht vieles dafür, dass die Menschen in der Bronzezeit sehr mobil und kommunikativ waren. Möglicherweise nahm der Herrscher der Hünenburg aus dem Norden einwandernde Metallhandwerker auf. Diese könnten die ihnen bekannten Bräuche in der Fremde fortgeführt haben. Die Gargruben sind nach Angaben von Heske momentan verstärkt in der wissenschaftlichen Diskussion. Umso interessanter sei der Fund bei Watenstedt.

Neben der Erforschung der Gargruben versuchen die Göttinger Archäologen in diesem Sommer auch die Landschaft, wie sie sich zur Zeit der Hünenburg darstellte, zu rekonstruieren: „Ziel der Grabung ist die Erforschung der Wasserversorgung vor etwa 3000 Jahren in der Burg-Außensiedlung. Im uralten Bachlauf wurden unzählige große Scherben entdeckt. Es sind unerwartete Fundmengen“, bemerkt Grabungsleiter Heske.

In dem feuchten Boden haben sich selbst organische Materialien wie etwa einige Stücke jahrtausendealten Holzes erhalte. „Es ist wichtig, das Holz sofort nach der Bergung in Wasser zu legen. Nach ein paar Stunden an der Sonne würde es zerfallen und es wäre unbrauchbar für weitere Untersuchungen“, so der zur Unterstützung des Grabungsteams angereiste Kieler Archäologe Dr. Philip Lüth. Daneben wurden auch zahlreiche Knochen und Zähne verschiedener Nutztierarten, darunter der Schädel eines Rindes, geborgen. Regelmäßig werden Proben für naturwissenschaftliche Untersuchungen entnommen. „Man ist jedes Jahr von neuem überrascht von der Fundqualität“, sagt Heske zu der Grabung, die in diesem Jahr Mitte September endet.

Im Grabungsteam befinden sich auch zwei Studenten der litauischen Universität Memel, mit der ein Austausch besteht. Manche der Studenten sammeln an der Hünenburg ihre erste Grabungserfahrung und erleben, dass vor der leichten Arbeit mit Pinsel und Spatel viel Erde bewegt werden muss: „Im Fernsehen werden ja immer nur die großen Sachen präsentiert. Da bekommt man gar nicht mit, was das für ein Knochenjob ist. Aber die älteren Semester sind verständnisvoll und zeigen einem alles“, erklärt die Göttinger Studentin der Ur- und Frühgeschichte Phoebe Zabel (21). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt „Peripherie und Zentrum“ noch bis zum April 2012.

Von Jan C. Oestreich