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Göttingen „Doping im Fußball wird kaum thematisiert“
Campus Göttingen „Doping im Fußball wird kaum thematisiert“
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16:04 06.07.2018
Jochen Mayer ist seit Anfang 2018 Professor für Sport- und Gesundheitssoziologie am Institut für Sportwissenschaften der Universität Göttingen. Quelle: Grünewald
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Göttingen

Das Interview:

Wenn wir vom Spitzensport in Deutschland reden – in welchen Sportarten wird das meiste Geld gemacht?

Zurzeit läuft die Fußball-Weltmeisterschaft und die illustriert deutlich, dass wir in Deutschland zumindest in ökonomischer Hinsicht fast schon eine Monokultur haben: Der Profifußball erzeugt mit Abstand die größten Umsätze und dominiert die Medienberichterstattung. Obwohl das deutsche Spitzensportsystem von einer großen Vielfalt geprägt ist, erregen viele Sportarten nur noch punktuell zu Großereignissen Aufmerksamkeit, wie etwa die Leichtathletik. Aber man darf die anderen Profiligen wie Basketball, Handball oder Eishockey auch nicht vergessen. Das sind lokal teils relativ große Märkte, die zudem überregionale Bekanntheit erzeugen. Ich war zum Beispiel lange an der Uni Tübingen und kannte Göttingen auch durch den Basketball. Insofern hat Spitzensport auch viele nicht-ökonomische Effekte – wie etwa den Imagegewinn für eine Region.

Was macht den Spitzensport als Werbeträger so interessant?

Man erreicht eine sehr große Zielgruppe, Sport ist emotional aufgeladen und kann bestimmte Werte transportieren wie Dynamik, Ehrgeiz oder Leidenschaft. Spitzenathleten können in Marketingevents einbezogen werden und es bieten sich auch Möglichkeiten rund um die Sportveranstaltung, wie seine Kunden in den VIP-Bereich einzuladen. Das Gesamtpaket Sport ist extrem interessant, gerade wenn es um die Steigerung des Bekanntheitsgrads und einen Imagetransfer geht.

Wenn man sich die Skandale rund um die Fifa und den Verdacht des „Kaufs“ von Weltmeisterschaften anschaut oder das Massendoping bei der Tour de France und Olympia – hat der Spitzensport ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Der Glaube an fair erbrachte Spitzenleistungen hat in den vergangenen Jahren stark abgenommen. Die von Journalisten ans Licht gebrachten Korruptionsskandale um die Vergabe von sportlichen Großereignissen verweisen zudem auf Machtmissbrauch und intransparente Organisationsstrukturen in nationalen und internationalen Sportverbänden. Die Aufdeckung solcher Probleme führt jedoch nicht zwangsläufig dazu, dass sich Zuschauer, Medien, Sponsoren und die Politik vom Spitzensport abwenden. Ganz im Gegenteil: Die Olympischen Spiele oder die Fußball-Weltmeisterschaft erzeugen trotz aller Kritik eine ungebrochene Aufmerksamkeit und in den professionellen Sportligen werden regelmäßig neue Umsatzrekorde erzielt. Der Wertschöpfungsanteil der gesamten Sportbranche in Deutschland liegt mittlerweile bei 3,5 Prozent und bewegt sich somit auf demselben Niveau wie der Fahrzeugbau. Auch die Fifa hat bisher noch jeden Skandal recht folgenlos überstanden.

Fehlt also ein Druck für Veränderungen?

Aufgrund der Skandale werden Strukturen infrage gestellt. Aber die Veränderungsgeschwindigkeit ist insbesondere bei demokratisch organisierten Spitzensportverbänden oft recht langsam. Das Dopingkontrollsystem wurde zum Beispiel über viele Jahre hinweg massiv ausgebaut, um einen möglichst fairen Leistungsvergleich im Wettkampf zu garantieren. Ein Systemfehler besteht jedoch weiterhin: Die Sportverbände selbst müssen Dopingvergehen sanktionieren, sie profitieren jedoch auch von einer geringen Aufdeckungsrate und mitunter sogar von den Erfolgen potenzieller Dopingpraktiken. Daher müsste die Sanktionierung noch stärker von den Verbänden getrennt werden.

Wie verbreitet ist Doping?

Der Anteil positiver Dopingproben liegt bei getesteten Olympia-Athleten zwischen ein und 2,5 Prozent. Allerdings ist es mit ausgeklügelten modernen Dopingverfahren durchaus möglich, die Einnahme unerlaubter Medikamente und die Anwendung verbotener Methoden zu verschleiern. Die vielen Dopingskandale der letzten Jahre zeigen, dass der Anteil nicht aufgedeckter Verstöße gegen den „Anti-Doping-Code“ der Welt-Anti-Dopingagentur WADA mitunter recht hoch ist. Diese Vermutung wird auch durch sportwissenschaftliche Studien gestützt: Die Ergebnisse legen nahe, dass über verschiedene Sportarten hinweg 14 bis 39 Prozent aller Spitzensportler schon einmal gedopt haben. Eine brisante Studie kommt sogar zu dem Schluss, dass 30 bis 50 Prozent der Teilnehmer bei internationalen Leichtathletikmeisterschaften im Vorfeld Dopingpraktiken angewendet haben.

Und im Profifußball?

Von der Fifa wird stets auf die wenigen positiven Dopingproben verwiesen und diese werden zudem meist auf individuelles Fehlverhalten zurückgeführt und als Einzelfälle dargestellt. Doch die sportsoziologische Dopingforschung und die jüngsten Dopingskandale verdeutlichen, dass Doping ein grundsätzliches Problem des Spitzensports ist und häufig in organisierten Netzwerken praktiziert wird. Es sind Fälle aus Italien und Spanien bekannt, bei denen ganze Teams mit Blutdoping in Verbindung gebracht wurden. Darüber hinaus versuchen zentrale Akteure des Fußballsports immer wieder, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Doping im Fußball gar nichts bringe – was so nicht stimmt. Im Vergleich mit anderen Sportarten wird Doping im Fußball jedoch kaum thematisiert. Und viele Zuschauer scheinen es auch gar nicht so genau wissen zu wollen.

Wird inzwischen offener damit umgegangen, wenn sich Spitzensportler über psychische Belastungen äußern?

Aspekte der psychosozialen Gesundheit werden seit dem Suizid von Robert Enke verstärkt in den Medien thematisiert. Wenn beispielsweise ein prominenter Sportler wie der ehemalige Fußballprofi Per Mertesacker offen über seine Ängste und körperliche Reaktionen wie Brechreiz oder Durchfall vor wichtigen Spielen spricht, dann passt das nicht zum verbreiteten Bild des sportlichen Helden und kann zu Irritationen führen. In diesem Fall gab es sogar einige Stimmen, die dem Weltmeister aus dem Jahr 2014 aufgrund einer vermeintlich fehlenden Vorbildwirkung die Eignung als Nachwuchstrainer absprachen. Der psychische Druck im Nachwuchsleistungs- und Spitzensport ist heute jedoch extrem groß und psychosomatische Beschwerden, Angststörungen oder gar Depressionen sind selbst bei hochbelastbaren Menschen keine Ausnahmeerscheinungen. Im Spitzensport lernen junge Menschen schon früh, Schmerzen auszuhalten und nach außen keine Schwächen zu zeigen. Die Art und Weise der medialen Berichterstattung hat hier einen großen Einfluss darauf, in welchem Maße psychosoziale Beschwerdebilder enttabuisiert und Vorurteile abgebaut werden.

Bei sportlichen Großereignissen wie der Fußball-Weltmeisterschaft wird häufig über den Einsatz gesundheitlich angeschlagener Spieler berichtet. Wie wird im Spitzensport mit der Frage nach Verletzungs- und Genesungspausen umgegangen?

Bei solchen return-to-play-Entscheidungen ist in der Regel neben dem Spieler das medizinische Personal und auch der Trainerstab eng mit eingebunden. Dabei lastet auf allen Beteiligten ein enormer Leistungsdruck, der durch Erwartungen der Öffentlichkeit an eine Einsatzbereitschaft zusätzlich verstärkt wird. Dies führt dazu, dass vor allem sportliche Erfolgskriterien ausschlaggebend sind und langfristige gesundheitliche Folgen systematisch ausgeblendet, verharmlost oder bewusst riskiert werden. Gerade Mannschaftsärzte und Teamphysiotherapeuten stehen hier vor der Herausforderung, zwischen sportlichen Erwartungshaltungen und medizinischen Richtlinien zu vermitteln. Dass dies häufig nicht gelingt, zeigt sich unter anderem an fragwürdigen Behandlungspraktiken wie dem sogenannten „Fitspritzen“ und einem zum Teil sogar präventiven Einsatz von Schmerzmedikamenten. Diese Befunde der sportsoziologischen Gesundheitsforschung werden jedoch erst seit Kurzem von einigen Sportorganisationen reflektiert.

Von Sven Grünewald

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