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Göttingen Universität, Akademie und Stadt Göttingen würdigen Nobelpreisträger Eigen
Campus Göttingen Universität, Akademie und Stadt Göttingen würdigen Nobelpreisträger Eigen
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15:18 31.08.2019
Manfred Eigen (1927-2019) im Jahr 2001 Quelle: Baumann
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Göttingen

Sein erstes Berufsziel war die Musik. Doch nach dem Krieg begann er ein naturwissenschaftliches Studium und erhielt später den Nobelpreis für Chemie: Manfred Eigen war einer der vielseitigsten deutschen Forscher. Am Sonnabend haben Universität, Akademie der Wissenschaften und Stadt ihn mit einer Gedenkfeier geehrt.Eigen war im Februar gestorben.

„Mein Vater, der seit seinem fünften Lebensjahr Klavier spielte, wollte eigentlich Konzertpianist werden“, berichtete Prof. Gerald Eigen von der Universität Bergen den 70 Teilnehmern der Feier in der Aula am Wilhelmsplatz.

Mit 15 Jahren sei sein Vater allerdings als Flakhelfer verpflichtet worden. So habe er drei entscheidende Jahre, in denen ein Konzertpianist sein Repertoire erlerne, verloren. Deswegen habe er sich nach dem Krieg neu orientiert, sei aus seiner Heimatstadt Bochum nach Göttingen gegangen, um dort erst Physik und dann Chemie zu studieren.

Studienplatz für Seismografenbau

Voller ehemaliger Kriegsteilnehmer sei die Universität damals gewesen, sagte Eigen. Die Älteren hätten die Studienplätze bekommen. Sein Vater habe nur einen in der Geophysik ergattert, weil er dem Professor einen Seismografen bauen konnte. Damals hätten die Engländer vergeblich versucht, die Insel Helgoland zu sprengen. Die Erschütterungen hätten sich mit dem Seismografen aufzeichnen lassen, was Rückschlüsse auf den Aufbau der Erdschichten erlaubt habe.

Mitarbeiter mussten Instrument spielen

„Das Klavierspielen hat mein Vater als Hobby weiter betrieben“, betonte Eigen. Seine Mitarbeiter hätten ein Instrument spielen müssen. Eigen habe sie für seine Hausmusikabende verpflichtet. Oft seien Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms erklungen. Auch ein Kunstliebhaber sei der Vater gewesen. Besonders die Werke von Niki de Saint Phalle, die er persönlich gekannt habe, hätten ihn beeindruckt. Mit seiner Familie sei der Vater im Sommer immer in die Berge zum Wandern und Klettern gefahren.

Das Alter habe er als Zeit der Abschiede empfunden. Von 2007 an habe er nicht mehr Auto, von 2008 an nicht mehr Skifahren können. 2013 sei seine Frau gestorben. Seit 2018 sei er bettlägerig gewesen.

Honorarprofessor in Braunschweig

Die Universität Göttingen habe Eigen nicht immer zu würdigen gewusst, bedauerte Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel. Eigen habe ihr bitter berichtet, dass er 1965 nicht in Göttingen, sondern an der Technischen Universität Braunschweig Honorarprofessor geworden sei. 1978 habe ihn die Universität Göttingen zum Ehrensenator ernannt. Beisiegel würdigte Eigen unter anderem als „begnadeten Hochschullehrer“, der die Studierenden zu kritischem Denken angeleitet habe.

Ehrenbürger der Stadt

Der Rat der Stadt ernannte Eigen 2002 einstimmig zum Ehrenbürger, teilte Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) mit. Seit 1967 führe die Stadt eine Akte über den damals frisch ernannten Nobelpreisträger. Einem vergilbten Artikel aus dem Göttinger Tageblatt habe er entnommen, dass Eigen am Tag der Bekanntgabe aufgrund des Trubels seinen geliebten Hausmusikabend habe absagen müssen.

„Prof. Eigen hat mir nach meiner Berufung ans Institut für Theoretische Physik geholfen, in Göttingen heimisch zu werden“, berichtete Prof. Annette Zippelius, die als Vizepräsidentin der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen sprach. Ihr Interesse an neuronalen Netzwerken sei damals bei Kollegen auf Skepsis gestoßen, so Zippelius. Eigen, den die Grenzen der Fachdisziplinen nie gekümmert hätten, habe sie dagegen in sein Seminar eingeladen. Die Akademie habe Eigen bereits 1963 aufgenommen – als 36-Jährigen.

„Eigen war ein Mensch wie jeder andere, aber was für einer“, erklärte Prof. Thomas Jovin, Emeritus-Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Konrad Kaufmann gestaltete die Gedenkfeier musikalisch mit Stücken von Beethoven, Frédéric Chopin und George Gershwin.

Arbeit am Max-Planck-Institut

Manfred Eigen kam 1927 als Sohn eines Berufscellisten zur Welt. 1945 kam er zum Studium nach Göttingen, wo er 1951 promoviert wurde. Karl Friedrich Bonhoeffer holte ihn 1953 an das damalige Max-Planck-Institut für physikalische Chemie. 1962 übernahm er dort die Leitung der Abteilung für chemische Kinetik. 1964 wurde er Direktor des Instituts, das von ihm 1971 erheblich erweitert wurde.

1967 erhielt der Wissenschaftler für seine experimentellen Untersuchungen äußerst schneller chemischer Reaktionen den Nobelpreis für Chemie. Eigens war es mit den von ihm entwickelten Methoden erstmals gelungen, Reaktionsgeschwindigkeiten im Mikro- und Nanosekunden-Bereich zu messen. So ließen sich zentrale Fragen der Biochemie klären.

In seiner weiteren Karriere befasste sich Eigen mit dem Problem der molekularen Selbstorganisation und der Entstehung des Lebens. Er konstruierte unter anderem Evolutionsmaschinen, um die Evolution von Viren unter Laborbedingungen zu untersuchen. Der Forscher gründete zudem zwei Biotechnologie-Firmen, Evotec und Direvo. Eigen ist 2019 im Alter von 91 Jahren in Göttingen gestorben.

Von Michael Caspar

Universität, Stadtverwaltung und die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen laden am Sonnabend, 31. August, zu einer öffentlichen Gedenkfeier für Prof. Dr. Manfred Eigen ein. Beginn in der Aula am Wilhelmsplatz ist um 11 Uhr.

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