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Göttingen Vergessener Feldzug mit pfeifenden Pfeilen
Campus Göttingen Vergessener Feldzug mit pfeifenden Pfeilen
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18:43 03.11.2010
Fundstellen: Der Hang am Harzhorn mit Markierungen der archäologischen Grabung im vergangenen Jahr.
Fundstellen: Der Hang am Harzhorn mit Markierungen der archäologischen Grabung im vergangenen Jahr. Quelle: Vetter
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Archäologen datieren die militärische Auseinandersetzung nach Analysen von Holzresten in gefundenen Pfeilspitzen auf die Zeit zwischen 220 und 240 nach Christus. Die Schlacht war viel größer, als anfangs gedacht, erfuhren die mehr als 200 Besucher des ersten Vortrags „Roms vergessener Feldzug: Die Schlacht am Harzhorn“ der Reihe am Archäologischen Institut der Universität Göttingen.
Mehrere 1000, wenn nicht sogar mehr

als 10     000 Soldaten waren im Einsatz, vermutet Prof. Günther Moosbauer, der an der Universität Osnabrück Archäologie der römischen Provinzen lehrt. Moosbauer vermutet, dass die Schlacht bei Kalefeld 235 im Zuge eines Rachefeldzugs des Kaisers Maximinus Thrax stattfand. Zwei Jahre zuvor hatten die Germanen den Grenzwall Limes durchbrochen und waren bis Mainz vorgestoßen. Der römische Gegenschlag führte tief in die germanischen Kerngebiete. „Entsprechende Berichte antiker Autoren sind bisher nicht ernst genommen worden“, berichtet Moosbauer. Nun zeige sich, dass die Quellen offenbar doch belastbar seien.

Die Schlacht in Kalefeld muss sich auf dem Rückzug in die Winterquartiere jenseits des Limes im Reich ereignet haben. Germanen versperrten den Römern den Weg nach Süden. Die Truppen wichen seitwärts aus. Die Soldaten mussten den steilen Abhang am Harzhorn überwinden. Um den Aufstieg zu schaffen, trugen die Pferde Hippo-Sandalen, einen eisernen Hufschutz, der ihnen besseren Halt gab. Ein Pferdewagen der Römer kippte um. Eisenteile des Wagens entdeckten die Archäologen mit Metalldetektoren. Als sie später an der Stelle gruben, fanden sie Teile des Pferdeskeletts. Die Gründe für das Umstürzen des Wagens sind nicht ganz klar. Anfangs vermuteten die Wissenschaftler eine Falle. Mittlerweile glauben sie, dass das Tier in ein Wurzelloch stürzte, das ein umgestürzter Baum gerissen hatte.

Oben am Steilhang befanden sich offenbar germanische Stellungen. Diese nahmen die Römer mit Katapulten unter Beschuss. Das Gelände ist übersät mit eisernen Pfeilspitzen. Sie haben sich zum Teil bis zu einen halben Meter tief in den steinernen Boden gebohrt. Landesarchäologe Haßmann berichtet von Versuchen mit Nachbauten. Mit einem „fiesen Pfeifen“ seien die Pfeile davon geschossen und hätten noch in 300 Meter Entfernung Baumstämme durchschlagen. Die Römer waren offenbar siegreich. Sie haben das Schlachtfeld vor dem Weitermarsch geräumt. Auf dem Schlachtfeld fanden sich bisher kaum Teile von Rüstungen.

Auch verlorene Schuhnägel zeigen, dass die Römer weitermarschiert sind. „Es wäre interessant, diese Spuren weiterzuverfolgen“, meint Haßmann. Dazu müsste man auch angrenzende Flächen systematisch mit Metallsuchgeräten abgehen.
Mit solchen Detektoren ist das Gebiet der vergessenen Schlacht vor zehn Jahren entdeckt worden. Zwei Raubgräber suchten im Jahr 2000 am Harzhorn nach einer mittelalterlichen Burg. Stattdessen entdeckten sie Katapultspitzen, eine Schaufel-Hacke sowie eine Hippo-Sandale. Die Funde verschwanden in der Schublade. Erst acht Jahre später stellte einer der Finder Fotos von den Fundstücken ins Internet und erfuhr, dass diese wohl aus römischer Zeit stammen. Ungläubig ging er zur Northeimer Kreisarchäologin Dr. Petra Lönne und offenbarte sich. Sie erkannte die wissenschaftliche Sensation und initiierte die umfassenden Grabungen. Bisher wurden 1800 Stücke aus römischer Zeit entdeckt. Die Metallteile haben sich im feuchten, kalkhaltigen Waldboden erstaunlich gut erhalten.

Die Archäologische Vortragsreihe setzt der Vortrag „Wo Heyne seine Gipse kaufte: Abgusshändler und Kunstmanufakturen im späten 18. Jahrhundert“ von Dr. Charlotte Schreiter, Berlin, fort. Er beginnt am Montag, 8. November, um 19.15 Uhr im Alten Auditorium, Weender Landstraße 2; Hörsaal 11.

Von Michael Caspar