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Göttingen Verletzter Stolz und blutige Wunden
Campus Göttingen Verletzter Stolz und blutige Wunden
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18:25 27.07.2011
Rückkehr am 29. Juli 1790: Den „Einzug der Studenten“ durch das Albani-Tor zeigt die Grafik im Aufsatz von Stefan Brüdermann in den Lichtenberg-Studien Band VII (Wallstein-Verlag 1991).
Rückkehr am 29. Juli 1790: Den „Einzug der Studenten“ durch das Albani-Tor zeigt die Grafik im Aufsatz von Stefan Brüdermann in den Lichtenberg-Studien Band VII (Wallstein-Verlag 1991).
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Die Auseinandersetzung mit den Handwerkern hatten ihren Anfang in einer banalen Prügelei zwischen jungen Männern genommen. Zeitgenössische Quellen stellen den Hergang der folgenschweren Prügelei folgendermaßen dar: Der Student Konrad Albrecht Heine wurde am 25. Juli 1790 auf der Straße von zwei Wandergesellen angesprochen: „Höre er mahl, wo ist hier die Tischler-Herberge?“ Ungehalten habe Heine geantwortet: „Kerl, was geht mir Deine Lumpenherberge an?“.

Der Grund für die Ungehaltenheit: Heine war in seinem Stolz verletzt. Die standesgemäße Anrede eines Studenten wäre nämlich statt des „Er“ ein „Sie“ gewesen, nicht ohne Grund heißt es in einem alten Studentenreim: „Nennt die Pursche nicht mehr Er, wenn ihr sie um etwas fraget. Redet ihr mit Uns, so saget: Was befehlen Sie, mein Herr.“

Die jungen Männer stritten sich nun heftig, bis sie an der Tischlerherberge am Kornmarkt angelangten, wo Heine schließlich einem der Gesellen einen kräftigen Schlag mit dem Spazierstock versetzte. Heine hatte sich dafür jedoch den denkbar schlechtesten Ort ausgesucht. Sofort strömten mehrere Tischlergesellen aus der Herberge, um den Angriff auf einen der Ihren zu strafen. Sie zogen Heine in ihre Herberge und walkten ihn ordentlich durch. Schließlich torkelte Student Heine blutend aus der Herberge der Tischler heraus. Die Studenten, die dies sahen, waren außer sich. Sie warfen die Fensterscheiben der Herberge ein. Immer mehr Studenten strömten herbei, und sie rissen mit Feuerhaken das Gildeschild herunter.
Diese Demütigung saß bei den Gesellen – nun kannten sie ihrerseits kein Halten mehr: Die Handwerker gingen zum Gegenangriff über. Sie verprügelten jeden Studenten, den sie zu fassen bekamen. Selbst adelige Studenten wie Graf Oenhausen aus Hannover und Graf Rantzau aus Hollenstein wurden dabei von ihnen mit Knüppeln verdroschen.

Die Tumulte nahmen ihren Höhepunkt im studentischen Auszug aus der Stadt: Nach militärischem Vorbild campierte schließlich die gesamte Göttinger Studentenschaft auf dem Kerstlingeröder Feld. In der Nacht schliefen sie in Scheunen der umliegenden Dörfer. Der Tagebucheintrag des Studenten August Schmidt fasst die Freude an der gemeinschaftlichen Aktion in Worte: „Das Schwirren durcheinander war lustig anzuschauen. An Musik und anderen Vergnügungen fehlte es dabei nicht, und eine solche vortreffliche Ordnung wurde gehalten, dass Alles nur einen Sinn zu haben schien.“

Der Auszug ist keinesfalls lediglich damit zu erklären, dass die Studenten sich dem gewalttätigen Zugriff der Handwerker entziehen wollten. Der geschlossene Auszug aus der Stadt fungierte als ein Druckmittel mit Tradition: Die Studenten drohten damit, den beliebten Hochschulort für immer zu verlassen, sofern ihre Ehre nicht gebührend wiederhergestellt würde. Dies versetzte die zahlreichen Gewerbetreibenden Göttingens in blanke Existenzängste. Sie waren angewiesen auf die liquiden Akademiker. Deshalb bemühten sich Stadt und Universität um eine schnelle Konfliktbeilegung. Unter Tränen hätte eine Deputation die Studenten um Rückkehr gebeten – mit Erfolg. Der Konflikt wurde von der Obrigkeit vorrangig als Aufstand der Tischlergesellen gewertet, die Studenten mehr als Opfer angesehen. Es kam zu einem feierlichen Einzug der Studenten durch das Albanertor am 29. Juli 1790.

Mit dem Aufhängen eines von der Stadt gestifteten neuen Gildeschildes in einer Zeremonie wurde dann auch die Ehre der Handwerker wiederhergestellt. Nur wenige von ihnen wurden wegen der Gewalttätigkeiten verurteilt, die meisten weilten ohnehin nicht mehr in der Stadt: Die meisten Gesellen hatten nach den Tumulten schleunigst ihre Wanderschaft fortgesetzt.

Von Jan C. Oestreich