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Göttingen Vom kundigen Heiler zum studierten Mediziner
Campus Göttingen Vom kundigen Heiler zum studierten Mediziner
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19:17 29.06.2010
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Ein historischer Überblick ärztlichen Expertentums, der vom neuzeitlichen Medicus, den Doktoren im 18. /19. Jahrhundert, bis hin zum Arzt und gesundheitspolitischen Debatten heute reichte, offenbarte interessante Aspekte beim vom Zentrum für Mittelalter- und Frühneuzeitforschung der Uni Göttingen initiierten Streitgespräch. Während in der Neuzeit durch die Medikalisierung der Gesellschaft ärztlicher Rat bei der Bevölkerung immer größere Akzeptanz fand, mussten sich Mediziner immer noch gegenüber anderen Heil-Experten, dem Bader oder anderen Kundigen der Natur- und Volksmedizin, behaupten.

Auch wurden oft moralische Vorwürfe gegen den „Medicus mit seinen Wunderarzneien“ laut: Etwa wegen zu hoher Honorarforderungen oder unzulänglicher Therapievorschläge. „Dies führte dazu, dass studierte Mediziner neben der Krankenpflege immer mehr Aufgaben im öffentlichen Gesundheitsdiskurs übernahmen, um ihre Reputation zu festigten“, meinte Stolberg. Ärztliche Expertise war so etwa bei gerichtsmedizinischen Fragestellungen, Seuchenbekämpfung und Prävention oder Ehe-Annullierungen, für die Feststellung von Impotenz, gefragt. Und auch das in der Neuzeit praktizierte, intensive Arzt-Patienten-Verhältnis war durch das zur Schau tragen detaillierten Fachwissens geprägt.
Doch auch im 18. und 19. Jahrhundert hatten die Mediziner mit der Festigung fachlicher Autorität und gesellschaftlicher Skeptik zu tun. Mit vielfältigen Mitteln wurde versucht, das Zutrauen der Patienten zu erhalten. Dies führte mitunter auch dazu, dass falsche Behandlungsmethoden angewandt wurden, nur um die Breite des praktischen Wissens zu demonstrieren.

Der Berufszweig war männlich dominiert – weibliche Heiltätige wurden zu „Giftmischerinnen“ degradiert. Und unter Ausschaltung unliebsamer Konkurrenz – etwa heilender Laien, erfolgte die Präsentation des Medicus als alleinigem Experten des Fachs: „Der Arztberuf galt als etwas Besonderes und wurde auch als solches inszeniert. Dies lässt sich anhand zahlreicher Faktoren darstellen“, so Ritzmann. Und bezog sich damit auf ärztliche Standesregeln, ärztlichen Jargon – etwa „Honorar“ statt Bezahlung, „Rettung“ statt Dienstleistung – oder Uringlas, später weißer Mantel und Stethoskop, als „Insignien“ des Berufsstandes.

Der Aktualitätsbezug, den Schicktanz schließlich zur Bedeutung ärztlicher Expertise herstellte, beinhaltete interessante Ambivalenzen: So wird heutzutage zwar immer mehr Wissen generiert und lassen sich immer mehr Krankheiten oder medizinische Fragen kausal erklären. Doch ist auch heute noch die notorische Abgrenzung der Medizin zum heilenden Laien zu beobachten. Ärztliche Expertise hat etwa einen hohen Stellenwert, wenn es um die Festlegung gesellschaftlicher und ethischer Richtlinien geht. Doch erfordert die Pluralität medizinischer Fragestellungen heutzutage vor allem wieder eins: Interdisziplinarität. Eine Situation, in der die Schulmedizin oftmals an ihre Grenzen stößt.

Während die Ausführungen der Vortragenden, faszinierende Aspekte zu Tage förderten, wollte bei diesem Streitgespräch der Disput jedoch nicht so recht in Schwung kommen. Die Frage aus dem Publikum „Warum wurde nicht mehr gestritten?“ brachte dies auch auf den Punkt.

Doch vielleicht liegt es daran, dass sich Rolle und Position medizinischer Experten im Laufe der Zeit nicht wirklich verändert haben? Und der Arzt heute, wie in der Neuzeit oder im 18./19. Jahrhundert gegen ähnliche gesellschaftliche Vorbehalte anzukämpfen hat? Vielleicht haben sich auch, anhand gesellschaftlicher Veränderungen, nur die medizinischen Fragen verändert? Das mag sein. Gab es doch in der Neuzeit noch keine Botox-Spritzen. Schon gar nicht beim Friseur nebenan.

Über „Neues von Meister Eckhart. Das Göttinger Fragment im Kontext von Funden der letzten Jahre“ diskutieren Freimut Löser, Professor für Deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters, Uni Augsburg und Prof. Hedwig Röckelein, Uni Göttingen, im nächsten Streitgespräch. Es beginnt am Mittwoch, 7. Juli, um 20.15 Uhr im Philosophischen Seminar, Humboldtallee 19; Hörsaal PH 20.

Von Karoline Jirikowski-Winter

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