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18:14 30.09.2009
Dresden und Lorenz im Blick: Autor Marcel Beyer (links) mit Akademie-Vizepräsident Prof. Norbert Elsner.
Dresden und Lorenz im Blick: Autor Marcel Beyer (links) mit Akademie-Vizepräsident Prof. Norbert Elsner. Quelle: Hinzmann
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Die Figur des Verhaltensforschers Kaltenburg ist eng an den berühmten in Wien geborenen Lorenz (1903-1989) angelehnt. Der Ich-Erzähler ist ein Schüler Kaltenburgs. Und die Art und Weise, wie dieser das Verhalten von Dohlen schildert, erinnert sehr nachdrücklich an den Stil, mit dem Lorenz über Wildgänse schrieb – durchaus auch im wissenschaftlichen Fachbeitrag. Beispielhaft las Elsner aus einem 70-seitigen Beitrag zur vergleichenden Verhaltensforschung von Vögeln vor, 1930 erschienen im Journal für Ornithologie.
Der Roman bekommt durch die Schilderungen des Vogelverhaltens einen populärwissenschaftlichen Charakter, der in der Abschluss-Diskussion auch hinterfragt wurde. Das beschriebene Dohlen-Verhalten könne durchaus fälschlicherweise als wissenschaftlich verbrieft aufgefasst werden. „Was darf Literatur?“, so Beyers Gegenfrage. Für ihn sei eine Grenze erreicht, wenn in den Romanfiguren erkennbaren Personen Böses unterstellt werde.

Ungeschriebener Codex

„Mit Kaltenburg hatte ich allerdings gar nicht vor, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaft abzubilden“, stellte Beyer klar. Ihm sei es um die Stadt Dresden während des Zweiten Weltkrieges und danach gegangen. An der Figur des Kaltenburg habe sich das Zeitgeschehen verdeutlichen lassen.
Umgekehrt wird deutlich, dass ein realer, heutiger Verhaltensforscher quasi an den ungeschriebenen Codex der wissenschaftlichen Gemeinschaft gebunden ist, wenn er publizieren möchte. Ein erzählender, persönlicher Stil verbietet sich. Konrad Lorenz dagegen berichtete beispielsweise in seinem oben genannten Fachartikel an einer Stelle, dass er sich im Spital von einem Autounfall erhole. „Das wäre heute undenkbar und würde schlicht nicht akzeptiert“, erklärt Elsner. Es sei Naturwissenschaftlern nicht gestattet, sich oder ihre Faszination über ihre Beobachtungen in ihr Werk einzubringen. Gerade in der Verhaltensforschung gehe mit den stark zahlenbasierten, statistisch validierten Darlegungen jedoch sicherlich ein Teil des Inhaltes verloren.
„Ich fühle mich in einer Doppelrolle, wenn ich beispielsweise vom Rotkehlchen wortlos, aber unmissverständlich klar gemacht bekomme, dass Sonnenblumenkerne ganz okay sind, es aber bitte doch die Pinienkerne sein dürfen.“ Sobald die Bestellung erfüllt sei, kehre Ruhe ein, erklärt Beyer. „Ich, der ich in Sprache fassen und gestern und heute vergleichen kann, bin in einer Doppelrolle.“ Einerseits funktioniere die Kommunikation mit dem Vogel ganz unzweideutig und unangefochten durch den möglichen Vorwurf der Vermenschlichung. Andererseits sei er als Mensch eben in der Lage, das Erlebte in Worte zu fassen und zu erzählen.
Mit dem Vortrag „Die Vielfalt des Verstehens. Über die Sprache der Natur und die Sprache des Geistes“ von Prof. Peter Bieri, Berlin, endet die Akademiewoche 2009 am heutigen Donnerstag. Der Vortrag beginnt um 18.15 Uhr im Alten Rathaus, Markt 9.

Von Heike Jordan

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