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Göttingen Von „Zeigefinger-Mentalität“ und Billigbananen
Campus Göttingen Von „Zeigefinger-Mentalität“ und Billigbananen
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20:18 18.07.2011
Natur- und Kulturgut Wald: Rund 31 Prozent der globalen Landfläche sind noch davon bedeckt.
Natur- und Kulturgut Wald: Rund 31 Prozent der globalen Landfläche sind noch davon bedeckt. Quelle: dpa
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Im Rahmen der von der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie der Universität Göttingen ausgerichteten Vortragsreihe zum Jahr der Wälder 2011 sprach ihr Dekan Prof. Christoph Kleinn, Leiter der Abteilung Waldinventur und Fernerkundung, über den globalen Waldrückgang.

Sein Vortrag „Globaler Waldrückgang - Ängste und Fakten“ solle dabei keine politischen Äußerungen oder Moralpredigten enthalten, stellte Kleinn zu Beginn klar. Vielmehr ginge es ihm darum, „Zusammenhänge in der Walddynamik aufzuzeigen“. Ein hehres Ziel, und spätestens als Kleinn auf die enorme Wichtigkeit der globalen Waldflächen für die Menschheit zu sprechen kommt, dürfte klar werden, wie schwer eine möglichst objektive Debatte um dieses Natur- und Kulturgut fallen dürfte: Weltweit dient er unzähligen Menschen als Zuhause, zusätzlich dient er 1,6 Milliarden Menschen als Lebensgrundlage. Dazu kommt die Produktion von Holz und forstlichen Nichtholzprodukten wie Pilze, Beeren, Tees oder Medizinalpflanzen. Kleinn, der zu jeder Zeit seines Vortrags ein feinsinniges Gespür für ein dringliches, aber keinesfalls aufdringliches Pathos hatte, resümiert: „Wälder haben zahlreiche nicht unmittelbar greifbare ökologische und kulturelle Funktionen.“

Es nimmt daher nicht Wunder, dass Politik und Gesellschaft nach verlässlichen Daten zur globalen Walddynamik verlangen. Diesem Wunsch kommt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) alle fünf Jahre mit ihrer globalen Waldstatistik nach. Allerdings, so gibt Kleinn zu bedenken, nutze sie dafür keine proprietären Daten, sondern bedient sich der von den einzelnen Ländern bereitgestellten Zahlen. Für das Jahr 2010 kam die FAO so zu dem Ergebnis, dass wir es mit einem jährlichen Netto-Waldverlust von 5,2 Millionen Hektar zu tun haben. Rund 31 Prozent der globalen Landfläche seien noch mit Wäldern bedeckt.

Aber was ist das überhaupt, ein „Wald“? „Es ist eine globale Definition von Wald vonnöten, ansonsten ist auch die Entwaldung nicht definiert“, so Kleinn. Ein wichtiges Argument, dennoch sind alle universalistischen Definitionsversuche zum Scheitern verurteilt. Die FAO definiere einen Wald nun durch eine mindestens zehnprozentige Kronenbedeckung auf mindestens einem halben Hektar Fläche, die mindestens fünf Meter hoch sein muss. Zusätzlich darf keine andere Landnutzung vorliegen.

Biologen und Ökologen würden völlig zurecht auf die Unzulänglichkeit dieser Definition hinweisen, da sie keine funktionellen Aspekte enthielte und eine monokulturelle Kiefernplantage nicht von einem Urwald unterscheide. Unterdessen lastet auf unseren Wäldern ein durch Bevölkerungswachstum und Ressourcenhunger erhöhter Druck, der sich nicht zuletzt negativ auf das Verhältnis zwischen Industrienationen und Schwellenländern auswirkt. Kleinn bewies Sensibilität für globale Zusammenhänge, als er auf das Paradox von „Zeigefinger-Mentalität“ und unserem Anspruch hinwies, Bananen zu Billigpreisen einkaufen zu wollen.

„Waldumwandlungen hat es immer gegeben, aber nicht in dieser Dimension“, resümiert Kleinn die derzeitigen Entwicklungen. Auf die Frage eines Zuhörers, wo er den Wald in 150 Jahren sehe, antwortet er mit verschmitztem Lächeln, dass er seine Kristallkugel vergessen habe. Aber immerhin ergänzt er noch: „Ich bin Optimist“.

Von Jonas Rohde