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Göttingen Das lange Leben des Mythos Albert Speer
Campus Göttingen Das lange Leben des Mythos Albert Speer
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00:19 15.01.2018
Speer, Hitler und Arno Breker in Paris am 23. Juni 1940 Quelle: US National Archives
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Göttingen

Brechtken sprach im Rahmen einer Vortragsreihe des Ökumenischen Seminars mit dem Titel: „Was ist Wahrheit?“ An der Person Albert Speers ließe sich zeigen, wie unterschiedlich das Bild des Architekten aussieht - je nachdem, welche Quellen man betrachtet. Magnus Brechtken hat 2017 eine neue Speer-Biografie vorgelegt, die erstmals zahlreiche Quellen verwendete, die von der historischen Forschung bis dahin nicht berücksichtigt wurden. Die Biografie wurde zum Sachbuch des Jahres gewählt.

Betrachte man die Quellen aus der NS-Zeit, so Brechtken, entstehe ein ganz anderes Bild als jenes, das Albert Speer nach 1945 von sich selbst gezeichnet hat. Auf Fotografien ließ sich Albert Speer zu Kriegszeiten beispielsweise stilistisch wie Hitler und als Volksgemeinschaftsführer inszenieren. Eine eigene PR-Abteilung sollte im öffentlichen Bewusstsein Speer als den führenden Architekten des NS-Regimes verankern.

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Als späterer Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt Berlin und Nürnberg benötigte Speer Baumaterial und Arbeitskräfte – beides bekam er aus einer Zusammenarbeit mit Heinrich Himmler. Beide berieten auch über die Lage und den Aufbau von Arbeitslagern. Als Speer Rüstungsminister wurde, verstärkte sich die Zusammenarbeit mit Himmler, auch über den Ausbau von Auschwitz wusste Speer Bescheid.

Auszeichnung mit dem Fritz-Todt-Ring für Reichsminister Speer: In Anerkennung seiner einmaligen Leistungen auf dem Gebiete der deutschen Technik überreichte Hitler dem Reichsminister Albert Speer den Fritz-Todt-Ring der Deutschen Technik. Quelle: Hoffmann, Heinrich

Ganz anders das Bild, das Speer selbst von sich zeichnete und das lange Zeit die wesentliche Grundlage für sein öffentliches Image lieferte. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess sagte Speer, er habe nichts von den Lagern und dem Vernichtungsprozess gewusst, er sei nur als Künstler unbewusst in die Nähe von Verbrechern geraten, so Brechtken.

1969 erschienen Speers Memoiren, in denen er dieses Bild weiter festigte. Eine Vielzahl von Arbeiten über Speer seien erschienen, die sich entweder auf diese Memoiren, persönliche Gespräche mit Speer oder auf Literatur bezogen, die wiederum diese Erinnerungen als Grundlage hatten, so Brechtken. Dadurch wurde unter anderem das Image Speers, ein Rüstungswunder vollbracht oder die Reichskanzlei in nur neun Monaten errichten zu haben, geprägt.

Besonderen Anteil daran hatte der Historiker Joachim Fest, dessen Speer-Biografie 1999 erschien. Fest habe sich im Wesentlichen auf Speers Erzählungen gestützt und zugängliche kompromittierende Quellen ignoriert und auch später nicht zur Kenntnis nehmen wollen, so Brechtken. „Für Fest spielten zudem finanzielle Aspekte eine bedeutende Rolle“, da er beispielsweise am Erfolg der Speer-Memoiren finanziell beteiligt wurde.

In den 1980er Jahren erschienen einige Dissertationen, die dieses Bild widerlegten. Dennoch hielten sich die Speer-Mythen. „Wie konnten diese so lange fortleben?“, fragte Brechtken und lieferte die Antwort gleich mit. Zum einen habe Speer „Glück gehabt“, da er 1982 starb und das Interesse nicht mehr so ausgeprägt war. Zum anderen wurden diese kritischen Arbeiten von hochrangigen Rezensenten – „alle Verteidiger von Albert Speer“ – niedergeschrieben.

„Die Art und Weise, wie Speer diese Fabel der deutschen Öffentlichkeit einpflanzen, vorsetzen und stabil halten konnte, sind nur verständlich, wenn man die deutsche Gesellschaft mit beachtet, die bestimmte Dinge so erzählt haben wollte“, so das Fazit Brechtkens. „Sie wollte bestimmte Fakten nicht wahrhaben.“

Von Sven Grünewald

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