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Göttingen Klimawandel setzt selbst Mischwäldern zu
Campus Göttingen Klimawandel setzt selbst Mischwäldern zu
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18:19 03.12.2019
Auftakt der Vortragsreihe „Wald(w)ende: ein forstwissenschaftlicher Blick auf aktuelle Walddiskussionen“ mit Prof. Christoph Kleinn. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Ungewöhnlich trockene Sommer, heftige Orkane und der Borkenkäfer schädigen die Wälder in Deutschland. „Einfache Antworten gibt es nicht“, hat Prof. Christoph Kleinn am Dienstag in Göttingen klargestellt.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg legten Förster in Deutschland große Fichtenwälder an“, berichtete Kleinn zum Auftakt der öffentlichen Vortragsreihe, die die Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie in der Paulinerkirche anbietet. Die Förster, so Kleinn, hätten seinerzeit in gutem Glauben gehandelt. Die Fichte wachse schnell und liefere gutes Bauholz. Aus ihr werde fast jeder Dachstuhl gezimmert.

Allerdings sei es dem Baum in den tieferen Lagen in Deutschland eigentlich zu warm, führte der Professor aus. Deshalb würden Förster seit den 1970er-Jahren und verstärkt seit den 1990er-Jahren ihre Baumbestände zu strukturierten Mischwäldern weiterentwickeln. Das dauere allerdings naturgemäß Jahrzehnte.

Buchen im Nationalpark geschädigt

„Mit dem Klimawandel nimmt die Natur derzeit in den Fichtenbeständen vorweg, was wir ohnehin anstreben“, meinte Kleinn. „Kalt erwischt“ habe die Forstwissenschaft jedoch, dass der Klimawandel auch die bereits bestehenden Mischwälder stark schädige. Die Wissenschaft habe nicht mit einer Abfolge von mehreren sehr trockenen Sommern gerechnet. Mittlerweile seien auch die Buchen im Nationalpark Hainich geschädigt. Zum Vergleich: Einem Marathonläufer helfe sein Training auch nicht, wenn er zwei Wochen lang kaum etwas zu trinken bekomme.

„Aktuell wird diskutiert, wie wir mit den Brachflächen in den Wäldern umgehen sollen“, führte Kleinn aus. Naturschützer drängten darauf, die Natur sich selbst zu überlassen. Dann würden sich erst einmal schnell wachsende Bäume wie Birke, Pappel oder Weide ansiedeln. In den kommenden Jahrhunderten entstehe dann ein Mischwald. Es bestehe allerdings das Risiko, dass die Trockenheit in Verbindung mit Starkregen zu Erosion führe. Werde das Erdreich fortgespült, wüchsen auf den Flächen lange Zeit gar keine Bäume mehr.

Kleinn machte sich dafür stark, dass der Wald in Deutschland auch in Zukunft für die Holzproduktion genutzt wird. In der Bundesrepublik erfolge die Waldwirtschaft im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt nachhaltig. Es werde nur soviel Holz entnommen wie auch nachwachse. Es mache keinen Sinn, Holz aus Ländern zu importieren, die Raubbau an der Natur betrieben. Der Professor sprach sich daher dafür aus, auf Brachflächen gezielt solche Bäume anzupflanzen, deren Holz von der Wirtschaft benötigt werde.

Douglasien und Japanische Lärchen

„Angesichts der Wahrscheinlichkeit weiterer trockener Sommer ist damit zu rechnen, dass ein großer Teil der Bäume nicht anwachsen wird“, warnte Kleinn. Ungeklärt sei die Frage, wo so viele junge Bäume herkommen sollten. Unterschiedliche Meinungen gebe es zu der Frage, ob der Forst in Zukunft auf nicht ortstypische Baumarten setzen solle. Aus seiner Sicht mache das Sinn. Buchen aus Südeuropa, aber auch Douglasien, Japanische Lärchen oder Roteichen kämen besser mit dem veränderten Klima klar. Gegen dieses Vorgehen sprächen sich jedoch Naturschützer aus. Sie befürchteten negative Auswirkungen auf die Tierwelt. Deren Lebensraum werde sich allerdings aufgrund des Klimawandels ohnehin deutlich verändern.

„Der Klimawandel lässt sich nur stoppen, wenn der Kohlendioxidausstoß deutlich gesenkt wird“, stellte der Professor klar. Das lasse sich mit Aufforstungen kurzfristig nicht erreichen. Bis die Bäume größere Mengen an Kohlendioxid binden würden, vergingen Jahrzehnte.

Vortragsreihe Wald(w)ende

„Wald(w)ende“ heißt das Thema einer öffentlichen Vorlesungsreihe, die einen forstwissenschaftlichen Blick auf aktuelle Walddiskussionen bietet. Ein knappes Drittel Deutschlands wird von Wald bedeckt. Der Klimawandel stellt die Forstwirtschaft vor völlig neue Herausforderungen. Nach Kleinns Vortrag wird es im Dezember noch um das Verhältnis von Wald und Klima sowie aktuelle Fragen der Waldbewirtschaftung gehen. Im Januar und Februar folgen Vorträge zu den Herausforderungen durch den Klimawandel, zu gesellschaftlichen Waldbildern und zur Holzwirtschaft. „Unser Ziel ist es, der allgemeinen Öffentlichkeit wissenschaftlich aufbereitete Informationen zu den vielschichtigen Aspekten bereitzustellen, die sich mit dem Umgang mit Wäldern verbinden“, erläutert der Dekan der Fakultät, Prof. Bernhard Möhring. Die Vorträge finden jeweils montags von 18.15 bis 19.30 Uhr im Alfred-Hessel-Saal des Historischen Gebäudes der Universitätsbibliothek, Papendiek 14, statt.

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Von Michael Caspar

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