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Göttingen  Weltraumwetter auf dem Smartphone: Göttinger Wissenschaftler ist Projektleiter
Campus Göttingen  Weltraumwetter auf dem Smartphone: Göttinger Wissenschaftler ist Projektleiter
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17:46 25.09.2013
So verläuft ein Sonnensturm: Mit 1500 Kilometern pro Sekunde rast eine Wolke energiereicher Teilchen (Mitte) auf die Erde zu. Dort kann es zu Stromausfällen kommen. Quelle: EF
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Göttingen

Ein Frühwarnsystem für Weltraumwetter haben die 100 Wissenschaftler, davon zehn in Göttingen, in den vergangenen drei Jahren entwickelt. „Etwa 40 schwere Sonnenstürme brausen innerhalb von elf Jahren über die Erde“, berichtet Projektleiter Bothmer. So lange dauert ein sogenannter Sonnenaktivitätszyklus, der sein letztes Maximum 2012 erreicht hat.

Bei einem Sonnensturm handelt es sich um eine Wolke energiereicher Teilchen, die mit 1500 Kilometern pro Sekunde auf die Erde zurasen. Beim Aufprall auf das Erdmagnetfeld, das als Schutzschild wirkt, beginnen die Teilchen zu leuchten.

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So entsteht das Polarlicht.
Abgesehen davon hat die Menschheit früherer Jahrtausende wenig von den Stürmen mitbekommen. Mit zunehmender Technik-Abhängigkeit werden die Stürme jedoch zum ernsten Problem.

Schäden vermeiden

Sie können Stromnetze zusammenbrechen lassen. Ohne Strom fällt die gesamte moderne Infrastruktur aus. Sonnenstürme haben bereits, regional begrenzt, zu mehrstündigen Stromausfällen geführt. Weltraumunwetter beschädigen zudem Satelliten.

Sie setzen Navigations- und Radarsysteme außer Gefecht und gefährden den Flugverkehr. Schäden lassen sich verringern, wenn Betreiber ihre Anlagen rechtzeitig herunterfahren. Darauf drängt zunehmend die Versicherungswirtschaft.

Bisher konnten Wissenschaftler aus Löchern auf den Bildern, wie sie sich Bothmer auf seinem Smartphone anschaut, auf den Ausbruch von Sonnenstürmen schließen. Zwölf Stunden dauert es, bis die Teilchenwolken die 150 Millionen Kilometer entfernt liegende Erde erreicht.

Prototyp eines Vorhersagesystems

Allerdings trifft nur ein Bruchteil der Sonnenstürme den blauen Planeten. Auch zu Stärke, Richtung und Geschwindigkeit des Sturms beim Eintreffen auf der Erde konnten die Wissenschaftler bisher nur wenig sagen. Die Gefahr eines Fehlalarms war groß.

Nun gibt es den Prototypen eines Vorhersagesystems. Letzte Klarheit über den Sturm liefern dabei Satelliten, die in 1,5 Millionen Kilometern Entfernung von der Erde kreisen. „Das sind die Bojen im All, die vor dem Sonnen-Tsunami warnen“, erläutert Bothmer.

Die Daten werden sofort ausgewertet, Unwetterwarnungen über das Handy verschickt. Den Verantwortlichen bleibt dann noch eine Stunde Zeit zum Handeln. Das Forscherteam bietet bisher keinen 24-Stunden-Service.

Professionelles System aufbauen

Ausgewertet werden zuletzt Daten von wissenschaftlichen Missionen, die für die Weltraumwettervorhersage nur begrenzt geeignet sind. Es müssten spezielle Informationen erhoben werden.

In den nächsten zehn Jahren lasse sich ein professionelles System aufbauen, sagt Bothmer. Das werde aber viel Geld kosten und sei nur im internationalen Verbund realisierbar. Derzeit wird der Service von einigen 1000 Personen kostenlos genutzt.

Die Europäische Union hat das Projekt Advanced Forecast For Ensuring Communications Through Space Affects mit zwei Millionen Euro gefördert. Das Gesamtprojekt, das in einigen Monaten ausläuft, hat ein Volumen von 2,5 Millionen Euro.

Von Michael Caspar

Weitere Infos im Netz unter astro.physik.uni-goettingen.de