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Göttingen Wie rechtsradikal sind Studentenverbindungen in Göttingen?
Campus Göttingen Wie rechtsradikal sind Studentenverbindungen in Göttingen?
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16:48 13.02.2019
Der Karzer der Göttinger Universität im Gebäude der Aula. Quelle: Foto: Christoph Mischke
Göttingen

Studentenverbindungen, auch Korporationen genannt, genießen einen zwiespältigen Ruf: Auf der einen Seite gelten sie als Bewahrer von Traditionen, auf der anderen Seite fallen einige immer wieder mit rechten und rechtsradikalen Thesen auf. Was machen Verbindungen und woher kommen die Skandale? Darüber hat das Tageblatt mit Niklas Knepper vom Göttinger Institut für Demokratieforschung gesprochen.

Herr Knepper, klären wir zunächst die Grundlagen. Was ist eine Studentenverbindung?

Verbindungen sind Zusammenschlüsse in denen meist männliche Studenten Studienzeit und gemeinschaftliches Zusammenleben organisieren. Sie sehen sich je nach Verbindungsform in unterschiedlichen Traditionen. Diese können zum Beispiel historischer, konfessioneller, regionaler oder professionaler Natur sein. Der Kern ist jedoch immer das Vertreten eines Wertesystems, das an die Mitglieder vermittelt wird. Den Anwärtern werden Habitus und Rituale der Verbindung in Unterrichtsstunden nahegebracht. All das nimmt viel Zeit in Anspruch und die Anwärter sollen so stark in die Gemeinschaft integriert werden. Bei den meisten Verbindungen gilt das „Lebensbundprinzip“: Mitglieder verpflichten sich, ein Leben lang ein Teil der Verbindung zu sein. Nach ihrer aktiven Studentenzeit finanzieren die sogenannten „Alten Herren“ die Verbindungshäuser und helfen den Studienabgängern bei ihrer Karriere. So entsteht ein Netzwerk.

Wie haben sich Verbindungen entwickelt?

Das Konzept der Studentenverbindung ist historisch gewachsen: Viele Organisationen sind bereits über 100 Jahre alt. Mittlerweile wirken Verbindungen, von denen viele bis heute nur männliche Mitglieder akzeptieren und bei denen häufig das Tragen von Uniformen, das vollziehen bestimmter Riten und zum Teil das Fechten praktiziert werden, auf die Mehrheit der Studierenden aus der Zeit gefallen. Vielen Verbindungen fällt es inzwischen schwer, neue Mitglieder zu finden. Deshalb rekrutieren sie auch über den Wohnungsmarkt: Sie bieten günstig Wohnraum in den komfortablen Verbindungshäusern an, um Erstsemester anzulocken.

Lassen sich in Göttingen Besonderheiten beim Thema Verbindungen feststellen?

In Göttingen gibt es etwa 40 Verbindungen unterschiedlicher Form. Verbindungshäuser sind im Stadtbild sehr präsent und der Anteil der Verbindungsmitglieder an der Gesamtheit der Göttinger Studierenden ist höher als andernorts. Im Unterschied zu anderen Städten kleiden sich Verbindungsmitglieder jedoch weniger sichtbar. Der Grund dafür ist, dass Verbindungsuniformen am Campus als Tabu gelten und dass es regelmäßig zu Konflikten mit der linken Szene in der Stadt kommt.

Immer wieder werden Verbindungen eine Nähe zu rechten Gruppen nachgesagt. Trifft das zu?

Das lässt sich nicht auf alle Studentenverbindungen verallgemeinern. Allerdings sind auffallend viele Personen in Führungspositionen bei rechten Gruppen, wie der NPD, der „Identitären Bewegung“ oder auch beim rechten Flügel der AfD Mitglieder oder ehemalige Mitglieder von Studentenverbindungen. Bekannte Figuren der rechten Szene, die in Göttinger Studentenverbindungen aktiv waren, sind zum Beispiel Andreas Molau und Karlheinz Weißmann. Molau war Kandidat für den Vorsitz der NPD und Weißmann ist Mitbegründer des „Instituts für Staatspolitik“, das die rechte Zeitschrift „Sezession“ herausgibt. Einzelne Göttinger Verbindungen organisierten in der Vergangenheit auch einen Fackelmarsch zur Sommersonnenwende oder fielen durch Veranstaltungen mit einschlägig vorbelasteten Referenten auf. Auch zwei Göttinger Studenten, die Kundgebungen des neonazistischen Freundeskreis Thüringen/Niedersachsen mit organisiert haben, waren zu diesem Zeitpunkt in Göttinger Verbindungen aktiv. Die Liste ließe sich fortführen. Wie viele weitere Mitglieder und Anhänger rechter Gruppen genau einen „Verbindungshintergrund“ haben, lässt sich aber nicht sagen.

Warum ist das so und wie gehen die Verbindungen mit dem Thema um?

Studentenverbindungen können aus mehreren Gründen für Rechtsradikale interessant sein: Die Mehrheit der Organisationen ist dem klassisch konservativen Milieu zuzurechnen und ihre Mitglieder vertreten häufig sehr traditionelle Werte. Allerdings gibt es Überschneidungen zu rechtsradikalen Ideologemen und Weltbildern. Die Gemeinschaft wird häufig über den Einzelnen gestellt, es herrschen strikte Hierarchien und zum Teil ein soldatisches Weltbild mit „Befehls- und Gehorsamkeitssystem“. Für die Verbindungen selbst ist das oft ein Dilemma: Auf der einen Seite wollen sie keine Mitglieder ihrer Gemeinschaft verlieren, auf anderen Seite ist es natürlich schädlich für den öffentlichen Auftritt einer Verbindung, wenn bekannt wird, dass sie rechtsradikale Mitglieder beherbergt.

Institut für Demokratieforschung

Niklas Knepper hat zum Wintersemester 2017 sein Masterstudium aufgenommen. Der Student gibt als seine wissenschaftlichen Schwerpunkte Rechtsextremismus, Protest- und Bewegungsforschung an. In seiner Bachelorarbeit befasste sich Knepper mit der Demonstrationspolitik der neonazistischen „Volksbewegung Niedersachsen“. Er ist neben seinem Studium als studentische Hilfskraft am Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen beschäftigt.

Von Max Brasch

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