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Göttingen Minister fordert geschlossene Reihen
Campus Göttingen Minister fordert geschlossene Reihen
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17:03 28.08.2019
Minister Björn Thümler (CDU) bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in Hannover. Quelle: Michael Wallmüller
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Göttingen

Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler betrachtet die geplatzte Präsidentenwahl an der Universität Göttingen mit Sorge. „Es hat der Reputation Göttingens nicht gerade geholfen“, sagte der CDU-Politiker am Mittwoch in Hannover.

Nun gehe es darum, möglichst schnell für die Position der Präsidentin jemanden für die Übergangszeit zu finden bis die Nachfolge geregelt sei, erklärte Thümler am Rande einer Pressekonferenz in der Landeshauptstadt. Auch der im Stiftungsausschuss freie Sitz sollte schnell wieder besetzt werden. „Man muss die Reihen jetzt schließen“, betonte Thümler nach Angaben der Deutschen Presse Agentur. Er kündigte an, „man muss gucken, wie man die Reputation von Göttingen, die über viele Jahrhunderte gewachsen ist, wieder nach vorne bringt.“

Der Wissenschaftsminister hat sich am Montag mit dem Präsidium der Universität Göttingen und Mitgliedern des Stiftungsausschusses getroffen. In dem Gespräch, an dem auch die für die Universität Göttingen zuständige Staatssekretärin teilnahm, sei es um die Situation an der Hochschule gegangen, erklärte am Mittwoch eine Sprecherin des Ministeriums auf Tageblatt-Anfrage. Inhaltlich werde sich das Ministeriums zu dem Gespräch nicht äußern.

Besiegel verweist auf Erklärung der Vorwoche

Die Universitätsleitung lehnte am Mittwoch Tageblatt-Anfragen mit der Begründung ab, dassUniversitätspräsidentin Prof. Ulrike Beisiegel am Freitag eine Erklärung abgegeben habe. Darauf wurde von der Pressestelle verwiesen. Somit wurden Fragen zu dem Treffen in Hannover und getroffenen Maßnahmen nicht beantwortet, aber auch nicht die, ob es eine Zusammenkunft gab.

Thema beim Wissenschaftsminister war vermutlich eine Übergangsregelung für die Zeit nach dem Ausscheiden von Beisiegel ab Oktober und bis zum Amtsantritt ihres noch zu findenden Nachfolgers. Auch die Rolle des Ministeriums, das mit einem beratenden Mitglied in der Findungskommission vertreten war, dürfte zur Sprache gekommen sein. Weiter könnte es um Vorschläge gegangen sein, wer vom Ministerium für den freien Sitz im Stiftungsrat der Universität vorgeschlagen werden kann. Stellvertretende Vorsitzende des Gremiums ist aktuell Prof. Barbara Ischinger.

Zwei Rücktritte in einer Woche

Vergangene Woche hatte am Mittwoch der designierte Präsident Dr. Sascha Spoun erklärt, dass er sein Amt als Nachfolger von Beisiegel ab Januar 2020 nicht antreten werden. Er begründete seine Entscheidung vor allem mit den ihm bekannt gewordenen Ungenauigkeiten im Wahlverfahren, die durch zwei Konkurrentenklagen bekannt geworden waren. Am Tag nach Spouns Rücktritt folgte der des Vorsitzenden des Stiftungsrates der Universität Göttingen, Dr. Wilhelm Krull. Dieser war auch Vorsitzender der Findungskommission gewesen, die zusammen mit einer Personalberatungsfirma einen Kandidaten für das Präsidentenamt suchte. Spoun wurde als einer Kandidat vorgeschlagen und am 20. Juni vom Senat gewählt. Seitdem hatte es aus Teilen der Professorenschaft auch heftige Kritik an der Qualifikation von Spoun und auch an dem Auswahlverfahren gegeben.

Mit der aktuellen Situation an der Universität Göttingen hat sich am Mittwoch auch der Personalrat der Hochschule beschäftigt und eine Erklärung abgegeben. Darin wird erneut darauf hingewiesen, dass nachteilige Auswirkungen auf laufende Projekte und Beschäftigte, die befristet beschäftigt sind, vom Personalrat befürchtet werden. Diese benötigen oftmals Verlängerungen ihrer Arbeitsverträge wie es im Wissenschaftsbetrieb üblich ist. Solche Verträge sollten laufend bearbeitet werden, Anträge rechtzeitig gestellt werden, fordert der Personalrat.

Forderungen vom Personalrat

Das Gremium unter dem Vorsitz von Dr. Johannes Hippe erklärte, dass die Zusammenarbeit mit Universitätspräsidentin Beisiegel immer „von Interesse und Respekt vor unserer Arbeit geprägt“ waren. Das sei in vergangenen Zeiten anders gewesen: Aus Sicht einiger Präsidiumsmitglieder und auch Senatoren sei ein Personalrat eher überflüssig gewesen – „bestenfalls aber geduldet“. In der Erklärung heißt es weiter, „der Personalrat fordert die Gremien dazu auf, sich darauf zu besinnen, was dem Wohl der Universität wirklich dient.“

Ein entscheidendes Gremium ist neben Präsidium und Stiftungsrat der Senat der Universität. Dessen Mitglieder aus allen Bereichen der Hochschule kommen planmäßig wieder am Mittwoch, 18. September, zusammen. Eine in Anbetracht der aktuellen Situation außerplanmäßige Sitzung vor dem Termin ist derzeit nach Tageblatt-Informationen nicht geplant. Der Protest von fünf Senatoren, die Rücktrittsforderungen erhoben und Konsequenzen gefordert haben, hat bisher keine bekannt gewordene Reaktion nach sich gezogen.

Erklärung des Personalrates im Wortlaut

„Nachdem das aktuelle Verfahren zur Nachfolge der Präsidentin Prof. Dr. Beisiegel gescheitert ist, befürchtet der Personalrat Auswirkungen auf laufende Projekte und damit eine Gefährdung insbesondere der vielen befristeten Beschäftigten, wenn diese keine Ver-längerung der Arbeitsverträge erhalten sollten.

Der Personalrat bedauert, dass die Auseinandersetzungen um das Verfahren der Präsi-dentschaft zu Rücktritten in Gremien der Universität geführt haben. Üblicherweise ist der Personalrat gut beraten, sich zu Problemen in der Hochschulleitung und in den Hochschul-gremien nicht zu äußern. Die Beschäftigten, die den Personalrat gewählt haben, können aber in einer solchen Situation erwarten, dass der Personalrat Position bezieht.

Nachtreten finden wir nicht gut! Der Personalrat hat dazu wahrlich keinen Grund. Er fand bei der Präsidentin stets ein offenes Ohr, was nicht selbstverständlich ist. Die Älteren unter uns können sich noch an Zeiten erinnern, in denen ein Personalrat aus Sicht einiger Prä-sidiumsmitglieder und auch Senatoren eher überflüssig war, bestenfalls aber geduldet. Als Frau Prof. Beisiegel das Amt übernahm, änderte sich dies zum Positiven. Die folgenden Arbeitstreffen waren von Interesse und Respekt vor unserer Arbeit geprägt. Auch wenn wir die hartnäckig geführte Liste unserer Kritikpunkte nicht in dem Maße abarbeiten konnten, wie wir uns das gewünscht hatten - und wie es auch nötig gewesen wäre -, so weiß der Personalrat die wohlwollende Haltung zu schätzen.

Eine Universität ist ein Ort, an dem Interessen und Ziele so unterschiedlich sein können, wie die Menschen, die an ihr wirken. Wenn es nicht gelingt, durch von Wertschätzung und Respekt geprägtes gemeinschaftliches Handeln erfolgreich zu sein, dann liegt es selten an einer einzelnen Person. Der Personalrat fordert die Gremien dazu auf, sich darauf zu besinnen, was dem Wohl der Universität wirklich dient. Die Universität Göttingen zieht durch ihre bisher ausgezeichnete internationale Reputation Wissenschaftler*innen aus aller Welt an. Sie gilt auch für wissenschaftsunterstützend Tätige als attraktive Arbeitgeberin. Nur wenn an ihr Vielfältigkeit, Toleranz und gegenseitige Unterstützung gelebt werden, kann sie in Forschung und Lehre Herausragendes leisten.

Der Personalrat erwartet nun von allen Verantwortlichen und Führungskräften, die laufend notwendigen Entscheidungen zu treffen und umzusetzen. Einen Stillstand bis zur Wieder-besetzung des Präsidentenamts darf es nicht geben. Die Aufgaben in Forschung und Lehre bestehen weiter und dauerhaft.

Die Anträge auf Weiterbeschäftigung sollen laufend und rechtzeitig gestellt und bearbeitet werden. Falls dabei Schwierigkeiten auftreten sollten, können sich Beschäftigte gern an den Personalrat wenden, damit er ihre Anliegen gezielt unterstützen kann. „

Göttingen, den 28.08.2019 Dr. Johannes Hippe (Vorsitzender)

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Angela Brünjes

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Von Angela Brünjes

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