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Göttingen Zwitschern die Vögel noch wie früher? Forscher aus Göttingen untersuchen Klanglandschaften
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Zwitschern die Vögel noch wie früher? Forscher aus Göttingen untersuchen Klanglandschaften

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10:00 10.11.2021
Stare sind aus vielen Gärten Mitteleuropas verschwunden, und mit ihnen ihre pfeifenden und zwitschernden Gesänge, die mit gekonnten Imitationen angereichert sind.
Stare sind aus vielen Gärten Mitteleuropas verschwunden, und mit ihnen ihre pfeifenden und zwitschernden Gesänge, die mit gekonnten Imitationen angereichert sind. Quelle: Hans-Joachim Fünfstück
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Naturgeräusche, insbesondere Vogelgesang, sind wichtig für unsere Verbindung zur Natur. Doch durch veränderte Landnutzung und Klimawandel nimmt die Zahl der Vögel ab. Ob sich das auf den Vogelgesang ausgewirkt hat, der uns bei Spaziergängen begleitet? Ein internationales Forschungsteam, an dem auch die Universität Göttingen beteiligt ist, kombinierte Daten aus Vogelmonitoring-Programmen mit Tonaufnahmen einzelner Arten in freier Wildbahn, die durch Bürgerinnen und Bürger gemacht wurden. So konnten sie Klanglandschaften von mehr als 200000 Aufnahmeflächen in den vergangenen 25 Jahren erstellen, teilt die Universität mit.

Die Studie zeigt, dass sich die Geräusche des Frühlings verändern: Das Vogelkonzert wird in Nordamerika und Europa leiser und weniger abwechslungsreich. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Nature Communications erschienen.

Wie komplex, variabel und intensiv ist die Klanglandschaft?

Die Forscherinnen und Forscher kombinierten Daten aus Langzeitprogrammen, die Veränderungen in der Häufigkeit von Vogelarten überwachen, mit Aufnahmen von über 1000 Arten aus Xeno Canto, einer Online-Datenbank für Vogelrufe und -gesänge. Die Forscherinnen und Forscher charakterisierten die Klanglandschaften anhand verschiedener Indizes. Diese Indizes geben wieder, wie komplex, variabel und intensiv die Klanglandschaft ist. Dies wird gesteuert von der Anzahl der vorhandenen Arten, ihrer Häufigkeit, aber auch den stimmlichen Eigenschaften einzelner Arten. Änderungen in der Artenzusammensetzung über mehrere Jahre haben daher auch Änderungen im Klangbild zur Folge.

Das Team der Abteilung für Naturschutzbiologie der Universität Göttingen arbeitete dabei eng mit dem Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) zusammen, welcher Millionen Datensätze zur Verfügung stellte. Der DDA ist ein Zusammenschluss vogelkundlicher Vereinigungen in Deutschland, der bundesweite Citizen-Science-Programme koordiniert. Dazu gehört auch das Monitoring häufiger Brutvogelarten, bei der jedes Jahr Freiwillige an 1700 Orten zwischen Nordseeküste und Alpen Daten über Vogelarten sammeln. Daten daraus wurden für die für die Studie verwendet. Das Göttinger Forschungsteam brachte für die Studie sein analytisches Fachwissen zu den veränderten Vogelpopulationen ein.

Feldlerche und Kiebitz hören Spaziergänger in Deutschland nicht mehr

Prof. Johannes Kamp, Leiter der Abteilung Naturschutzbiologie an der Universität Göttingen, erklärt: „Die akustische Vielfalt und Intensität der natürlichen Klanglandschaften scheint in ganz Europa abzunehmen. In Deutschland haben wir zum Beispiel große Populationen von Arten mit charakteristischen Stimmen verloren, zum Beispiel Feldlerche und Kiebitz.“ Das seien Klänge, die „das Erleben des Frühlings in der Landschaft ausmachen“, so Kamp. „Vor allem die Agrarlandschaften sind viel ruhiger geworden.“

Prof. Johannes Kamp Quelle: Ruslan Urazaliev

Dort, wo insgesamt weniger Vögel geblieben sind oder der Artenreichtum abgenommen hat, nehme auch die akustische Vielfalt und Intensität ab. Eine veränderte Zusammensetzung der Vogelgemeinschaft oder die Art und Weise, wie sich die Stimmen der einzelnen Arten ergänzen, beeinflussten ebenfalls die Klanglandschaft.

Sven Trautmann, Koordinator des Monitorings häufiger Vögel beim DDA, ergänzt: „Wir müssen den Rückgang der Vogelpopulationen stoppen. Die heutigen verarmten Klanglandschaften werden von der jüngeren Generation bereits als normal empfunden. Wir können nicht zulassen, dass sich die Situation weiter verschlechtert, sonst drohen negative Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit.“

Ein Klang-Beispiel ist unter https://owncloud.gwdg.de/index.php/s/kk6cCa0sL4AZ7SE verfügbar.

Von Lea Lang/r